Viele entscheiden sich bewusst, nicht zu impfen
26. Februar 2008, 21:51 Von Andrea FischerNach dem Vormarsch der Masern im Kanton Luzern breitet sich die Krankheit nun in Baselland stark aus. Fachleute führen dies auf die impfkritische Haltung in der Bevölkerung zurück.
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Er habe sich wegen der hohen Zahl von Masernfälle schon mehrfach den Kopf zerbrochen, sagt Dominik Schorr, Kantonsarzt von Basel-Landschaft. Für einen Verantwortlichen im öffentlichen Gesundheitswesen sei diese Entwicklung ziemlich unangenehm. Mehr als 160 Erkrankungen musste allein der Kanton Basel-Landschaft seit Beginn dieses Jahres melden. Das ist fast die Hälfte der insgesamt 360 in der Schweiz gemeldeten Fälle. Die starke Ausbreitung der Masern, die im letzten Jahr den höchsten Stand seit 10 Jahren erreichte, hat damit einen zusätzlichen Schub erhalten. Den Anfang nahm die jetzige Masernepidemie im Kanton Luzern. Dieser liegt mit fast 400 Erkrankungen seit November 2006 noch immer an der Spitze aller seither gemeldeten Fälle.
Wie kommt es zu dieser auffälligen Konzentration von Masernfällen in einzelnen Gebieten? Was Baselland angeht, so zeigt sich Kantonsarzt Dominik Schorr nicht wirklich überrascht. «Wir wissen, dass es bei uns mehrere Tausend Personen gibt, die nicht geimpft sind.» Der Kantonsarzt führt dies auf die starke Präsenz von anthroposophischen Institutionen in Baselland zurück. Diese würden eine betont impfkritische Haltung vertreten.
Da die Masern meldepflichtig sind, lasse sich auf Grund der eingegangenen Meldungen auch klar ein Zusammenhang feststellen zwischen impfkritischen Kreisen und Masernverbreitung, berichtet Schorr.
Konzentration auf bestimmte Kreise
So konzentrierten sich – zumindest am Anfang – die Krankheitsmeldungen auf Schülerinnen und Schüler von bestimmten, anthroposophisch ausgerichteten Schulen und auf Ärzte, von denen man wisse, dass sie viele impfkritische Patienten betreuen.
Ähnliches weiss auch der stellvertretende Kantonsarzt aus Luzern, Hans-Peter Roost, zu berichten. Ein erheblicher Teil der Meldungen über erkrankte Kinder stamme von Ärzten, die der Impfung kritisch gegenüber stünden. Und von denen gebe es in Luzern einige. Die beiden Kantonsärzte Schorr und Roost sind sich einig, dass es sich bei den nicht geimpften Personen oft nicht um solche handle, die nicht informiert seien. Vielmehr entschieden diese sich «ganz bewusst dazu, sich nicht impfen zu lassen», sagt Roost.
Dass ein Zusammenhang zwischen Impfung und Ausbreitung der Krankheit bestehe, ist auch für den Infektiologen David Nadal vom Zürcher Kinderspital unbestritten. Er verweist auf Untersuchungen, die aufzeigen, dass die Masernerkrankungen in jenen Gebieten am stärksten verbreitet seien, wo die Impfrate geringer sei – und umgekehrt.
Gegner hinterfragen Impfschutz
Die durchschnittliche Impfrate liegt gemäss Auskunft des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) derzeit bei etwa 86 Prozent, wobei sie von Kanton zu Kanton variiert. Das reiche nicht aus, um die Bevölkerung umfassend vor dem Masernvirus zu schützen, sagt Experte Nadal. Dafür müsste die Impfrate deutlich über 90 Prozent liegen. Dem widerspricht der Luzerner Allgemeinpraktiker Peter Mattmann: «Die Masernimpfung bietet nur einen minderwertigen Schutz.» Deshalb sei sie aus epidemiologischer Sicht unsinnig. Mattmann gehört zu jenen Vertretern der Ärzteschaft, die dafür plädieren, die Krankheit durchzumachen. Dies biete einen sicheren, lebenslangen Schutz. Die Impfung dagegen sei ein «schwer wiegender Eingriff ins Immunsystem» und für Kinder und Jugendliche nicht zu rechtfertigen. Der Impfkritiker räumt indes ein, dass Masern für Säuglinge im ersten Lebensjahr eine Gefahr bedeuteten, weshalb er es unterstützt, Frauen im gebärfähigen Alter zu impfen.
Die meisten Mediziner teilen jedoch Mattmanns Haltung nicht. Sie verweisen auf die Komplikationen, zu welchen die Krankheit im Ernstfall führen könne. Nach Auskunft von Jean-Louis Zürcher vom BAG ist es zwischen November 2006 und Februar 2008 zu 200 Hospitalisationen gekommen. Am häufigsten wegen Lungen- und Ohrenentzündungen. In sechs Fällen habe eine Gehirnentzündung vorgelegen. In der Zahl der Hospitalisationen seien jedoch die ambulanten Behandlungen mit eingerechnet, so Zürcher. Auch habe man keine Angaben über den weiteren Verlauf der gemeldeten Spitaleinweisungen.
Impfen als Frage der Solidarität
Kinderarzt David Nadal kennt jedoch aus seiner jüngeren Praxis den Fall eines Kindes, das nur mit viel Glück keine bleibenden Schäden als Folge der Masern davon getragen habe. Er selbst hat aber kein Patentrezept dafür, wie die von ihm gewünschte Steigerung der Impfrate zu erreichen sei. Bei dieser Frage prallten oft Weltanschauungen aufeinander, und die Information werde dabei zu einer Glaubensfrage.
Für den Infektionsexperten ist jedoch klar, dass es bei der Impffrage nicht bloss um den individuellen, persönlichen Schutz gehen dürfe. «Wir impfen nicht für die Starken, sondern für die Schwachen.» Wer sich selber nicht impfe, könne andere gefährden. Die Impffrage sei deshalb auch eine Frage der Solidarität.
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