Vier Luftpiraten wollen im Land bleiben
27. Februar 2008, 22:20 Von Thomas KnellwolfFrüher kämpften sie mit Flugzeug-Entführungen für einen Sikh-Staat. Nun wehren sie sich mit Worten gegen ihre Ausschaffung aus der Schweiz.
Die vermeintliche Bombe war eine Papiertasche mit einer Flasche Hustensirup drin. Damit habe er ein Flugzeug entführt, erzählt Karan Singh, ein kleiner Mann mit wuchtigem Bart, wachen Augen und braunem Turban. In einem Singsang aus Englisch und Deutsch beteuert er, alles sei «absolut gewaltfrei» zugegangen, damals vor 27 Jahren auf dem Flugplatz von Delhi.
Der Bluff mit der Papiertüte klappte – wohl auch dank den vier Messern weiterer Kämpfer für einen unabhängigen Sikh-Staat an Bord. Der Pilot folgte dem Willen der elf Luftpiraten und steuerte die Maschine mit 117 Personen nach Pakistan. Dort forderten die Entführer die Freilassung inhaftierter Verbündeter. Erfolglos.
«Stolz, kampfeslustig und oft religiöse Fanatiker» seien die Sikhs, schrieb damals der Korrespondent des Tages-Anzeigers über die wilden Männer im umkämpften Nordindien. «Die Sikhs machen auf sich aufmerksam», stand über dem Text, der erst erschien, nachdem eine pakistanische Kommandoeinheit die Entführer überwältigt hatte.
Mehr als ein Vierteljahrhundert später liesse sich der gleiche Titel setzen. Dieselben Sikhs machen wieder auf sich aufmerksam – diesmal in der Schweiz, diesmal wirklich gewaltfrei. In Basel, Zürich und Schlieren leben vier der Männer, die Anfang 80er-Jahre an unblutigen (es gab auch blutige) Flugzeugentführungen der Sikhs beteiligt gewesen waren.
Der stadtbekannte Basler Strassenwischer Dalip Singh Khalsa wurde vor Kurzem vom basel-städtischen Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass im Grossen Rat als Luftpirat geoutet. Gestern traten zwei seiner Kampfgenossen mit ihren Familien vor die Medien, um auf ihre drohende Ausweisung aufmerksam zu machen. Sie baten auch um Verständnis für ihre hierzulande kaum bekannten Taten als «Freiheitskämpfer».
Von Indira Gandhi gejagt
Anfang der 80er-Jahre war der indische Norden mit seinen vielen Sikhs geprägt von wütenden Massenprotesten, tödlichen Attentaten und massiven Übergriffen durch Regierungstruppen. Der damals 20-jährige Karan Singh, der heute in Schlieren lebt, und seine Mitstreiter schlugen 1981 zu. Kurz zuvor wurde ihr höchster religiöser Führer verhaftet. Ein pakistanisches Spezialgericht verurteilte sie wegen ihrer Flugzeugentführung zu lebenslanger Haft.
Die Gewalt in ihrer Heimat hielt an. 1984 richteten indische Truppen im höchsten Heiligtum der Sikhs ein Massaker an. Im Goldenen Tempel in Amritsar hatten sich zuvor Separatisten verschanzt. Bei Gefechten starben mehrere Hundert Menschen. «Um die Welt auf den Tod vieler Unschuldiger aufmerksam zu machen», sagt Harminder Khalsa Singh, der zweite Schlieremer Sikh, «entführten auch wir ein Passagierflugzeug nach Indien.» Zu den Mittätern des damals 19-jährigen angehenden Ingenieurs gehörte der heutige Basler Strassenputzer Dalip Singh Khalsa. In Pakistan ergaben sie sich kampflos.
Die Erstürmung des Goldenen Tempels hatte eine Frau angeordnet, deren Name noch heute ein böses Funkeln in den Augen der Schlieremer Sikhs auslöst: Indira Gandhi. Die indische Präsidentin wurde kurz darauf ermordet. Täter waren zwei ihrer Leibwächter, beide Sikhs. Zu diesem Zeitpunkt sassen Haminder Singh und Dalip Singh Kalsha in pakistanischen Todeszellen. Dort fürchteten sie sich elf Jahre lang in Einzelhaft vor dem Tod am Strang.
Von Benazir Bhutto begnadigt
1995 amnestierte sie die damalige pakistanische Präsidentin Benazir Bhutto, die kürzlich ermordet wurde. Darauf kam das Luftpiraten-Quartett in die Schweiz. Heute präsidiert Karan Singh die Sikh-Stiftung mit dem Tempel in Langenthal. Harminder Kalsa Singh ist sein Vize. In der Schweiz gründeten sie Familien. Doch das Asylverfahren zog sich in die Länge. Nach 13 Jahren Hin und Her entschied das Bundesverwaltungsgericht im Dezember als letzte Instanz gegen die Flugzeugentführer und ihre Angehörigen.
Kurz vor dem Ausschaffungstermin haben alle ein Härtefallgesuch gestellt. In Basel unterstützte der Regierungsrat kürzlich dieses Gesuch des wohl populärsten Kantonsangestellten. Im Kanton Zürich steht der Entscheid noch aus. Doch die drei Sikhs geniessen auch hier die Unterstützung der Bevölkerung.
Das Bundesamt für Migration hält ihre Rückkehr für ungefährlich. Die Sikhs hingegen fürchten, in Indien ins Gefängnis gesteckt oder – wie frühere Komplizen, die zurückkehrten – umgebracht zu werden.%perl>
Unterstützung für Schlieremer Sikhs
Zürich. - Gegen die Ausschaffung der beiden Sikh-Familien aus Schlieren wehren sich 37 vorab linke Zürcher Kantonsräte. 190 weitere Personen haben eine entsprechende Petition unterzeichnet - darunter der Schlieremer Stadtpräsident Peter Voser von der FDP. Für die Familien stark macht sich auch die Lehrerin Marianne Perry, die einen der Sikh-Knaben unterrichtet: «Die Kinder sind alle hier geboren und vollkommen integriert. Niemand in der Schule könnte es verstehen, wenn sie gehen müssten.» Pfarrer Ernst Sieber, der die Familien aus dem interreligiösen Dialog kennt, fragt: «Ist es menschlich, wenn diesen Leuten nach 13 Jahren bei uns plötzlich die Lebensgrundlage entzogen wird?»
Wer die Petition unterschrieb, erfuhr laut den Initianten, dass die beiden Familienväter einst Flugzeuge entführt hatten. Die Unterzeichner teilen wohl die Ansicht der Schlieremer SP-Präsidentin Elisabeth Scheffeldt, dass die Taten mit der langen Haft in Pakistan gesühnt sind. Diese Meinung herrschte auch in Basel vor, als in Leserbriefspalten und Internetforen über die Ausweisung von Dalip Singh Khalse - eines Mittäters der Schlieremer Sikhs - diskutiert wurde. Ein Minderheit monierte, dass nicht ausgerechnet für Ex-Terroristen Ausnahmeregelungen gemacht werden sollten. (tok)
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