Schweiz

Neue SBB-Uniform passt längst nicht allen

05. März 2008, 17:54 – Von Bettina Mutter

Zum Anpfiff neue Kleider: Ab dem Euro-08-Start am 7. Juni tragen die SBB-Mitarbeiter eine neue Uniform. Zeit zur Anprobe bleibt keine. Das Personal fühlt sich vor den Kopf gestossen.


Besondere Anlässe erfordern einen ausserordentlichen Auftritt. Das hat sich auch die SBB gesagt, als sie Mitte 2007 entschied, ihr Personal just auf die Euro 08 hin neu einzukleiden. Beim SBB-Personal wird gemunkelt, der für die Euro 2008 tätige Ex-CEO Benedikt Weibel habe noch selbst dafür gesorgt, dass seine frühere SBB beim Anpfiff einen guten Eindruck mache. Der Brief mit der Überschrift «Gastgeber in neuer Uniform ab 7. Juni 2008» stützt diese Vermutung. In diesem Schreiben informierte die SBB-Spitze das verdutzte Personal Ende Februar von der bevorstehenden Umkleideaktion.

Diktat statt «gelebte Mitsprache»

Die SBB wird über 5000 Angestellte an Verkaufsschaltern, in Zügen und auf Perrons neu einkleiden. Die neue Uniform kostet rund 1,7 Millionen Franken. Und sie weckt heftige interne Kritik. Marcel Ruoss, Präsident der SBB-Personalkommission Personenverkehr bestätigt: «Unter dem Druck der Euro 08 wurden alle Anregungen und Wünsche ignoriert». Von «gelebter Mitsprache», wie sie dem SBB-Personal eigentlich garantiert sei, «kann keine Rede sein», so Ruoss.

Noch schwerer wiegt, dass dem Personal keine Zeit eingeräumt wird, die Dienstkleider vor deren Fertigstellung anzuprobieren. Über die Neueinkleidung wird entsprechend gespottet. «Ich bin gespannt, wie das Erscheinungsbild ist, wenn ein grosser Teil der Mitarbeitenden einzelne Uniform-Teile zurückschicken muss, weil sie nicht passen», sagt Andreas Menet, Vizepräsident des Zugpersonalverbandes. Das sei riskant, doppelt Präsident Jürg Hurni nach: «Tragversuche wären sehr wichtig gewesen». Zumal die Bahnangestellten informiert wurden, künftig sei «der Schnitt der neuen Kleider körperbetonter». Sprecher Roland Binz legt dar, es gebe «moderne, angenehme Kleidung, die das Personal noch deutlicher als SBB-Mitarbeitende kenntlich macht».

Dass letzteres der Fall sein wird, bezweifelt aber die Eisenbahngewerkschaft (SEV). Wegen zunehmender Gewalt in den Zügen hätte man sich eine Uniform gewünscht, «die eine gewisse Autorität zum Ausdruck bringt», sagt SEV-Sprecher Peter Moor. Das sei nicht der Fall. Die in Blautönen und mit rot-weissen Accessoires versehenen Kleider sind laut Designer Joseph Alain Scherrer nämlich gar nicht streng und steif. «Sie sind modisch, und sie schmeicheln der Figur». Ende März wird die Uniform öffentlich präsentiert. Die SBB lässt die aus 21 Teilen bestehende Uniform (2 Vestons, 4 Hosen, 10 Hemden/Blusen, 2 Krawatten/Foulards, 1 Gurt, 1 Parka, 1 Softshell-Jacke) in normierten Grössen unter anderem in der Slowakei und in China nähen. Mitte Mai werden die Kleider dem Personal zugesandt. In der Hoffnung, es werde schon passen.

Der Kummerkasten ist eingerichtet

Wer zugenommen hat oder wer dünner geworden ist, muss rasch einen Ausmess-Termin im Zentrallager Brugg AG beantragen. Oder er reist - ebenfalls nach Voranmeldung - am 19. März oder am 26. März zum sogenannten «Kleidermasswagen» auf den Bahnhöfen Bern und Lausanne. Und wenn die Hose dennoch kneift, der Jupe nicht sitzt? Dann steht den SBB-Leuten «der spezifische Briefkasten für alle Fragen im Zusammenhang mit der Uniform» zur Verfügung. Die Uniform ist ab Euro-Eröffnungstag 7. Juni zu tragen, «neue Tragevorschriften» werden dem Personal im April zugestellt. «Wir zählen auf Sie!» schreibt Toni Häne, Leiter SBB Verkehrsmanagement dem Personal.

Ganz sicher wird auch Häne erleben, was bereits seine Vorgänger mitgemacht haben. Es gab in der Vergangenheit keine pannenlose Neuuniformierung bei der Staatsbahn. Anfang der Neunziger Jahre beschwerten sich Frauen bei der SBB-Direktion über die bunten Foulards. Damit sähen sie aus «wie Papageien», protestierten die Angestellten.

1995 wusste der «Blick», dass die Kondukteure die neue Krawatte «todhässlich» fanden. Deshalb wurde sie gar nicht erst eingeführt. Dann gab SBB-Direktor Hans-Peter Faganini zu, sein Personal werde wegen allzu zivil aussehender Kleider nicht mehr erkannt. «Die neuen Dienstkleider erschweren die Erkennbarkeit des Personals» räumte die SBB ein. Darum führte Faganini die ausrangierte rote Zugführertasche wieder ein. Auch die gibt es heute kaum noch. Das Personal klagte erneut, man erkenne den Zugschef in seiner blauen Uniform kaum. Deshalb steckt nun das elektronische Zugführergerät in einem roten Kleid.

Berghilfe will keine alten Uniformen

Was geschieht mit alten Uniformen oder solchen, die in den SBB-Lagern liegen bleiben? An sich können SBB-Angestellte die alten Kleider behalten. Die SBB erwägt aber «eine Sammelaktion für Mitarbeitende, die ihre alte Uniform zurückgeben möchten». Was im Lager liegen bleibt, «werden wir wie in früheren Jahren wohltätigen Organisation wie etwa der Berg- oder der Winterhilfe zukommen lassen», sagt SBB-Sprecher Binz. Die Berghilfe winkt jedoch ab. Sprecher Kaspar Abplanalp sagt, eine mögliche Anfrage der SBB würde negativ beantwortet werden. «SBB-Dienstkleider sind nicht geeignet für die Schweizer Bergbevölkerung. Wir vermitteln prinzipiell keine Uniformen weiter». (mut)

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