Palliativpflege - viel gerühmt, kaum gefördert
09. März 2008, 16:37 Von Michael MeierNoch immer ist die ganzheitliche Betreuung Schwerstkranker im Hintertreffen. Weil sie nicht profitabel ist, fliesst kaum Geld in die Palliativpflege. Erst wenige Kantone haben ein Konzept.
Palliative Care - Zauberwort oder Worthülse? Wohl beides. Kaum jemand, der die umfassende medizinische, pflegerische, seelsorgerliche und schmerzlindernde Versorgung von Menschen - vor allem in der letzten Lebensphase - nicht gutheissen würde. Bund, Kantone, Kirchen und Verantwortliche im Gesundheitswesen singen seit einigen Jahren das Hohelied der Palliativ-Medizin: Der Ausbau eines flächendeckenden palliativen Betreuungssystems in der Schweiz tue dringend not, darin sind sich alle einig. Doch von den heute betreuten Patienten am Lebensende erhalten höchstens 5 Prozent optimale palliative Pflege.
Dass sich Palliative Care so schwer implementieren lässt, hat laut dem Geriater Roland Kunz, Schweizer Pionier auf diesem Gebiet, eine doppelte Ursache: Zum einen behaupteten viele Politiker und Ärzte: Palliative Care, das machen wir doch längst, indem wir unheilbar kranken Patienten Morphium geben. Doch Palliative Care, die den Namen verdient, darf nicht auf Schmerzlinderung reduziert werden. Sie wird vielmehr von Ärzten, Pflegenden, Psychologen, Sozialarbeitern, Seelsorgern und Freiwilligen gemeinsam in Teams geleistet.
Kostenfrage vorgeschoben
Zum anderen ist die letzte Lebensphase mit ihrem geringen Bedarf an Technologie wirtschaftlich und kommerziell nicht interessant. Was wenig Geld bringt, dorthin fliesst auch wenig Geld. «Man schafft sich viel lieber ein weiteres MRI-Gerät an, als dass man eine Palliativ-Station aufbaut», sagt Kunz. Während Medizin-Kongresse mühelos Sponsoren aus der Pharma-Branche fänden, gingen Palliativ-Kongresse weit gehend leer aus. Häufig muss Kunz von Politikern hören: In Zeiten des Spardrucks können wir uns die neue Palliativmedizin gar nicht leisten. Dabei werde in Akutspitälern gerade für Patienten in der letzten Lebensphase unsinnig viel Geld ausgegeben. Um ihren Platz im Spital zu rechtfertigen, müssten solche Patienten manchmal noch in den letzten zwei Lebenswochen teure Chemotherapien über sich ergehen lassen. In Privatspitälern, die partout rentieren müssen, hat Palliative Care noch weniger Platz als in öffentlichen Kliniken.
Wegen der kantonalen Gesundheitshoheit ist es kaum möglich, Palliative Care auf Bundesebene voran zu treiben. Das Bundesamt für Gesundheit betont, auf eidgenössischer Ebene könne es einzig etwas bezüglich Ausbildung tun. Die Gesundheitsdirektorenkonferenz bemerkte unlängst gegenüber Kunz, sie habe wohl ein Dossier Palliative Care, doch sei dieses leer.
Also sind die Kantone gefordert, doch nur wenige haben ein eigentliches Palliativ-Konzept. Es ist bezeichnend, dass vorletzte Woche erstmals in der Schweiz eine Initiative für das Recht auf Palliativpflege lanciert wurde. Sie will den Kanton Thurgau verpflichten, Palliativ-Stationen einzurichten. Die vor drei Jahren ins Thurgauer Gesundheitsgesetz aufgenommene Empfehlung für Palliative Care blieb wegen mangelndem politischem Willen bisher folgenlos.
Auftrag an die Spitäler
Im Kanton Zürich präsentierte der Regierungsrat vor zwei Jahren sein Projekt für sieben Palliativ-Kompetenzzentren. Nur: bis heute ist kein einziges realisiert. Kunz rechnet damit, dass es zunächst deren zwei oder drei geben wird. Er hat letztes Jahr das Limmattal-Spital verlassen, das ein Kompetenzzentrum hätte einrichten sollen, dann aber kein Interesse zeigte. Als neuer Chefarzt Geriatrie am Bezirksspital Affoltern wird Kunz nun selber ein Palliativzentrum mit 12 Betten aufbauen. Baubeginn ist im Frühjahr.
Hingegen hat die Zürcher Gesundheitsdirektion letztes Jahr allen öffentlichen Akutspitälern einen Leistungsauftrag in Sachen Palliative Care erteilt: Sie müssen eine Grundversorgung mit Palliativleistungen anbieten und Ärzte wie Pflegende entsprechend weiterbilden. Seit Anfang dieses Jahres vermittelt zudem eine Helpline (0844 000 800) rund um die Uhr sofortige Hilfestellung und Informationen zu Palliative Care vor allem für Patienten zu Hause. Dieses Angebot vom Palliative Care-Netzwerk ZH/SH kann etwa ein Patient nutzen, der am Wochenende dringend Sauerstoff braucht.
Welsche Schweiz führend
Führend in Sachen Palliative Care ist das Welschland, insbesondere die Waadt. Hier hat die Gesundheitsdirektion 2002 ein Palliativkonzept beschlossen und Geld für mobile Palliative-Care-Teams gesprochen, die Patienten zu Hause betreuen. Daraus ist der erste Lehrstuhl für Palliativpflege in der Schweiz hervor gegangen, angeschlossen an den Universitäten Lausanne und Genf. Während St. Gallen ein kantonales Konzept erarbeitet hat, gibt es etwa in den beiden Basel erst ein Netzwerk von Palliativ-Einrichtungen. Eigentliches Brachland für Palliative-Care ist die Innerschweiz sowie Glarus und Appenzell.
International betrachtet ist die Schweiz bei der Palliativpflege im Hintertreffen - vor allem auch wegen der komplizierten Aufteilung des Gesundheitswesens auf Kantone und Gemeinden. Auf das wachsende Bedürfnis der Menschen, zu Hause sterben, müssen in erster Linie die Gemeinden reagieren, mit spezialisierten Spitexangeboten wie der Zürcher Onkospitex oder dem St. Galler Brückendienst. Doch während 80 Prozent der Leute zu Hause sterben wollen, sind es im Kanton Zürich nur 20 Prozent; 80 Prozent sterben in Institutionen, vor allem in solchen der Langzeitpflege. Laut Kunz waren es fast immer idealistisch gesinnte Einzelpersonen, die lokale und regionale Initiativen von Freiwilligen ins Leben gerufen haben: etwa Vereinigungen zur Begleitung Schwerstkranker und Sterbender oder Hospiz-Vereinigungen.
Nationaler Konsens gesucht
Die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung, Palliative ch, hat Angebote dieser Art unter ein Dach gebracht. Gemäss Ko-Präsident Roland Kunz treibt die Fachgesellschaft mit 1800 Mitgliedern auch Ausbildung und Qualitätsstandards voran. So hat sie dafür gesorgt, dass im neuen Lernzielkatalog des Medizinstudiums auch die Palliativmedizin integriert ist und an der Universität Zürich Vorlesungen angeboten werden.
Die Fachgesellschaft will nun über den medizinischen Bereich hinaus verstärkt die politischen Akteure im Lande einbinden. Dazu hat sie Ende Jahr die «Swiss-end-of-Life-Care-Koalition» lanciert - mit beträchtlichem Echo: Vom Bundesamt für Sozialversicherung bis zum BAG, von der Santésuisse bis zur Gesundheitsdirektorenkonferenz, vom Gemeindepräsidentenverband über die Kirchen bis zur Krebs- und Lungenliga - alle haben zugesagt, Palliative Care zu unterstützen. Und alle wollen sie an einer Konferenz vom 3., 4. Dezember in Biel nach einem nationalen Konsens suchen.%perl>
Palliative Care und Sterbehilfe
Zürich. - Umfragen zufolge wissen 90 Prozent der Leute, was Exit ist. Aber nur 10 Prozent können den Begriff Palliative Care zuordnen. Er wird heute meist nur im Zusammenhang mit dem Thema Sterbehilfe verwendet, als Alternative zu dieser. Für Palliativmediziner Roland Kunz ist das störend: «Man sollte die zwei Bereiche entkoppeln und bewusst machen, dass es eine optimale Palliativbetreuung gibt.» Nicht erst am Lebensende, sondern auch bei chronisch Kranken.
Kunz zufolge wollen Palliativmediziner weder die Sterbehilfe bekämpfen noch die Sterbehilfeorganisationen überflüssig machen. Es gibt auch für ihn einen legitimen Wunsch nach Suizidbeihilfe, etwa wenn ein Tumor praktisch das Gesicht des Patienten wegfrisst. Kunz ist jedoch überzeugt, dass Palliative Care die Zahl der Leute vermindern kann, die sich an Sterbehilfeorganisationen wenden. Diese sollten für Suizidwillige jeweils eh eine Zweitmeinung bei einem Palliativmediziner einholen. In der Regel wüssten sie viel zu wenig über Palliative Care. Umgekehrt respektierten Palliativmediziner den Patientenwillen und diskutierten ärztliche Entscheide mit den Schwerstkranken im voraus. (mm)














