«Heute haben wir gezeigt, dass das Tessin existiert»
19. März 2008, 22:31 Von René LenzinTausende demonstrierten in Bern gegen den Abbau bei SBB Cargo. Allein aus dem Tessin reisten über 3000 Personen an. Friedlich, aber laut trugen sie ihr «Hände weg» vors Bundeshaus.
- Artikel zum Thema
- Streikende sollen zahlen
Lugano, 7 Uhr 10. Etwa 200 Personen haben sich am Bahnhof versammelt, um an die Demonstration in Bern zu reisen. Junge, Familien mit Kindern, Ältere - es ist eine bunt gemischte Gesellschaft, die sich aufmacht, ihre Solidarität mit den Angestellten der SBB-Werkstätte Bellinzona vor dem Bundeshaus zu bekunden. «Wir hoffen, dass sich etwas bewegt», sagt eine Schülerin. «Ich habe einen Freund, dessen Vater in den Officine arbeitet. Aber ich gehe nicht deshalb nach Bern, sondern aus Solidarität mit allen Angestellten.»
Bereits auf dem Perron intonieren Gewerkschafter erstmals jenes «Giù le mani dalle officine» (Hände weg von den Werkstätten), welches längst zum Kampfruf eines ganzen Kantons geworden ist. Eigentlich könne er nichts mit solchen Slogans und Demos anfangen, sagt ein 67-jähriger pensionierter Monteur der Ascom. Aber was da in Bellinzona ablaufe, sei gar nicht gut: «Wenn dieses Werk verschwindet, hat es bald gar keine Arbeitsplätze mehr im Tessin. Wo sollen die Jungen dann ihre Ausbildung absolvieren?» Genau so sei es, bekräftigt ein ebenfalls etwas älterer Mann. Trotz Rückenbeschwerden nimmt er die neun Stunden Zugfahrt auf sich. «Für diese Sache würden sich auch zwölf Stunden lohnen», sagt er.
Ausflug am Vatertag
Heute war St. Joseph, den die italienische Schweiz als Festa del Papà (Vatertag) feiert. Auch das hat wohl dazu beigetragen, dass zwischen 3000 und 3500 Tessinerinnen und Tessiner in drei Sonderzügen in die Bundesstadt aufgebrochen sind. In Bellinzona steigen Streikführer Gianni Frizzo und Stadtpräsident Brenno Martignoni zu. Sie gehen von Abteil zu Abteil und danken allen Teilnehmern für die Unterstützung.
Dann werden Sandwiches verteilt, die jemand gespendet hat. Die Grosszügigkeit der Tessiner scheint weiterhin keine Grenze zu kennen. Allein mit einer spontanen Sammlung im Zug kamen heute 4200 Franken zusammen. Insgesamt ist bisher über eine halbe Million aufs Solidaritätskonto geflossen.
In Bern angekommen, werden die Tessiner von rund 150 Angestellten des bedrohten Freiburger Callcenters empfangen. Dann setzt sich der Marsch durch die Bundesstadt in Gang. Von rund 5000 Personen spricht die Berner Polizei, von mindestens 6000 die Organisatoren. Die Veranstaltung ist laut, aber friedlich - auch als die Umzugsspitze entgegen den Abmachungen vor dem Bundeshaus anhält und die Teilnehmer zu einem kurzen Unterbruch auffordert.
Ans Mikrofon tritt Gianni Frizzo, die unumstrittene Symbolfigur des Streiks in Bellinzona. «Wenn die Manager nur einen Zehntel der Würde von jedem einzelnen hier auf dem Platz hätten, würden sie sich entschuldigen und ihre Massnahmen zurücknehmen», ruft er unter riesigem Applaus. Und: «Hier sind Menschen versammelt, nicht Rädchen, die man beliebig auswechseln kann.»
Dann geht der Umzug weiter zum vereinbarten Kundgebungsort. Dort überbringen Gewerkschaftsvertreter und Tessiner Politiker ihre Solidaritätsbotschaften. Um Viertel nach drei - kurz bevor im Nationalrat die Cargo-Debatte beginnt - setzt sich der erste Zug Richtung Süden wieder in Bewegung.
«Ich habe die Bahn in der DNA»
Er hoffe, dass die Botschaft der Demonstration angekommen sei, sagt ein Vater, der mit seiner achtjährigen Tochter nach Bern gefahren ist. «Wenn wir heute nichts erreicht haben, bleibt dem Tessin nichts mehr erhalten.» Und eine Frau, deren Mann Lokführer ist, pflichtet ihm bei: «Heute haben wir gezeigt, dass das Tessin existiert.»
Ein ehemaliger Angestellter der SBB-Werkstätte freut sich über die grosse Beteiligung. «Ich habe die Bahn wirklich in der DNA», erklärt er. Der Grossvater war bei der Gotthardbahn, der Vater 43 Jahre lang in den Werkstätten, und er selbst arbeitete 39 Jahre in den Officine. Sein Sohn, wie könnte es anders sein, ist als Lokführer ebenfalls bei den SBB.
«Wir sind respektvoll, aber bestimmt aufgetreten», freuen sich drei Gymnasiastinnen aus Mendrisio. Für das Tessin sei es wichtig, die Arbeitsplätze in Bellinzona zu erhalten. Deshalb war es für sie selbstverständlich, den freien Tag für die Protestfahrt nach Bern einzusetzen.
Schweiz
Meistgelesen in der Rubrik Schweiz
- 1«Der politische Islam ist für die Schweiz eine Bedrohung»
- 2Verdächtige IV-Rentner im Kosovo werden wieder observiert
- 3«Bedrohung kommt heute aus dem VBS»
- 4Wie die Schweizer über Sterbehilfe denken
- 5Blochers Ex-Buchhalter: Geld stammt von verstorbener Ehefrau
- 6«Man kann hier schon von einem krassen Fall sprechen»
«Woodtli, gönd ane und säged öppis»
Sommer- und Herbstausflüge
PublireportageDie 3 Top-Themen im 
Des Schweizers liebste Erinnerungen
Body Coach
-
Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. Er stellt einen individuellen Ernährungsplan zusammen, erstellt Einkaufslisten, schlägt Rezepte vor und unterstützt Sie beim Training.










