IM BRENNPUNKT
Heute gibts keine Kopfnuss mehr
21. März 2008, 17:27 Von Antonio CortesiDie antiautoritäre Erziehung von 1968 hat die Schulstuben von unfähigen Paukern befreit. Mit Kuscheln hat das wenig zu tun, auch wenn bei einigen Lehrern die nötige Strenge fehlt.
Die Schule ist eine Wohlfühlanstalt, das Elternhaus ein Ort, an dem nicht mehr richtig erzogen wird. Deshalb gibt es immer weniger leistungsbereite Jugendliche, dafür mehr Gewalt und Kriminalität. Mit dieser einfachen Gleichung tingelt die SVP seit Wochen durchs Land. Ihr Gegengift lautet: Ordnung, Disziplin, Druck. Schuld an der angeblichen Misere sind laut SVP die Linken – genauer deren antiautoritäre Erziehungsmethoden im Nachgang zu 1968. Dafür hat die SVP ein Schlagwort gefunden: Kuschelpädagogik.
War also früher alles besser? Wer in den Jahren vor 1968 zur Schule ging, erinnert sich: Vorne an der Wandtafel baute sich der Lehrer auf, in den Bänken duckten sich die Schüler. Frontalunterricht nannte man das. Und der funktionierte im Fach Lesen beispielsweise wie folgt: Heidi, rechts vorne, durfte beginnen. Dann ging es schön der Reihe nach, bis zu Walter, links hinten. Da Walter noch lange nicht drankommen würde, las er unter dem Pult ein Karl-May-Buch. Doch Pech, der Lehrer erwischte ihn. Es gab eine Kopfnuss oder eine Strafaufgabe.
In der Paukerschule der Vor-68er-Zeit herrschte Ordnung und Disziplin. Es gab eiserne Regeln, Noten ab der ersten Primarklasse und Körperstrafen. Der Lehrer war zwar noch eine Respektperson, oft aber auch eine Angstfigur. Und der Unterricht war meist zum Gähnen. Die Schüler freuten sich auf die grosse Pause, in der sie sich austoben konnten.
Diffuse Retro-Sehnsucht
Ist es das, was die SVP wieder einführen will? Ihre Vision einer Anti-Kuschelschule bleibt letztlich diffus. Im Positionspapier «Für Ordnung und Sicherheit» ist jedoch die Sehnsucht nach den angeblich guten, alten Zeiten unverkennbar. Gefordert werden die «Rückkehr zum Leistungsprinzip», die Abkehr vom «spielerischen Lernen», «zwingende Sanktionen» und eine «radikale Entrümpelung des Lehrplans». Themenbereiche wie Gewaltprävention, Sexualkunde oder Umwelterziehung will die SVP an die Eltern zurück delegieren. Die Schule soll sich wieder auf die Basisfächer Sprache und Mathematik konzentrieren.
Hoch gehalten wird im SVP-Papier aber auch die Erziehung zur Eigenverantwortung, dem «höchsten sozialen Prinzip». Nun war jedoch gerade dies eine zentrale Leistung der 68er-Pädagogik. Sie richtete den Fokus auf das einzelne Kind, respektierte es als Individuum mit je eigenen Interessen und Begabungen. Dem entsprechend veränderte sich der Unterricht. Eine neue Generation von Lerntheoretikern propagierte die «Individualisierung». Bildlich gesprochen: Das einzelne Kind wurde nicht mehr als Hohlkörper verstanden, der sich mittels einem Trichter beliebig mit Zahlen und Vokabeln abfüllen liess, sondern als junge Persönlichkeit mit eigenem Profil.
Die 68er-Rebellion gegen hohle Autoritäten und Unterdrückung führte im Klassenzimmer letztlich zur Emanzipation der Schüler. In radikaler Form feierte dies die britische Rockband Pink Floyd. In ihrem Hit «Another Brick in the Wall» sang sie «We don't need no education» (Wir brauchen keine Erziehung) und schickte die Lehrer gleich ganz zum Teufel. Doch der Vater der antiautoritären Pädagogik, Alexander Sutherland Neill, wollte die Kinder keineswegs sich selbst überlassen, sondern zu selbstbewussten, gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten erziehen – zu Menschen mit Eigenverantwortung, wie die SVP sagen würde.
Dies mit nachhaltiger Wirkung: Pädagogen sind sich einig, dass die Jungen heute um einiges selbstständiger sind als jene vor vierzig Jahren. Schon Primarschüler managen ihren Alltag mit erstaunlicher Professionalität. Und sie bilden sich schon früh eine eigene Meinung. Eine Nationalfondsstudie von 2006 bestätigt diese Einschätzung. Sie zeigt, dass die Heranwachsenden über ein hohes Mass an Sozialkompetenzen wie Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein verfügen. Und darüber hinaus sehr leistungsbereit sind – in der Schule vor allem dann, wenn ein konstruktives Unterrichtsklima herrscht.
Nur wenige Kuschelpädagogen
«Die Leistung der 68er-Pädagogen bestand rückblickend letztlich darin, dass sie das Führungsthema ins Blickfeld rückten», bilanziert Anton Strittmatter, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle beim Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Laut der Analyse des Erziehungswissenschaftlers reagierten die Pädagogen damit auch auf neue Herausforderungen im Klassenzimmer. Im Zuge der einsetzenden Immigrationswelle wurde die Schülerschaft heterogener. Der vorläufige Endpunkt ist die heutige Multikulti-Schule mit Kindern aus unterschiedlichsten Kulturen und Milieus. Die Pauker der 60er-Jahre wären heute mit ihrem militärischen Führungsprinzip «Im Gleichschritt, marsch!» völlig überfordert, sagt Strittmatter.
Dennoch hatte der Aufbruch von 1968 auch problematische Folgen. Denn damals hielten auch neuste Erkenntnisse der (Lern-)Psychologie Einzug in den Schulstuben. Hoch einfühlsame Lehrkräfte missverstanden dies als Freipass, die Schule zu einem Ort der Selbsterfahrung umzuwandeln. Mit der Konsequenz, dass das Erreichen vorgegebener Leistungsziele weniger zählte als das individuelle Befinden der Schüler. Dieser Soft-Unterricht deckt sich am ehesten mit dem, was die SVP als Kuschelpädagogik bezeichnet. Laut Strittmatter gerieten aber «weit über achtzig Prozent der Lehrkräfte nie in dieses Fahrwasser». Es ist aber unbestritten, dass heute ein Teil der Lehrkräfte und Eltern Mühe bekundet, auch streng zu sein – also klare Verhaltensregeln zu definieren und den Kindern Grenzen zu setzen.
Schleichender Autoritätsverlust
Unter Fachleuten zu Sorgen Anlass gibt aber vielmehr eine generelle Nachwirkung von 1968: Der Zusammenbruch von Autoritäten führte an den Schulen dazu, dass sich immer weniger profilierte Führungspersönlichkeiten für den Lehrerjob interessierten. Bei der Berufswahl hat dieser oft den Stellenwert einer Verlegenheitslösung. Der Pädagogenberuf gilt als unattraktiv, weil es immer schwieriger wird, den divergierenden Ansprüchen von Kind, Eltern und Behörden zu genügen, weil die gesellschaftliche Wertschätzung tief ist und weil kaum Karrierechancen bestehen. Wer sich trotzdem für den Beruf entscheidet, tut dies häufig bloss auf Zeit oder weil man als in Teilzeit arbeitende Lehrerin auch Familienfrau sein kann.
Mit dem simplen Ruf der SVP nach Law and Order lässt sich das Rekrutierungsproblem indes nicht lösen. Als Lehrerpolizist einer angeblich verweichlichten Jugend den Marsch zu blasen, ist heutzutage bei der Berufswahl keine verlockende Perspektive. Gefragt wären vielmehr starke Persönlichkeiten, welche die Kinder sowohl mit Liebe, als auch mit Strenge an die Schwelle zur Berufswelt führen.
Ob die Schule dafür künftig vermehrt geeignete Personen findet, kann die Politik steuern – beispielsweise mit verbesserten Anstellungsbedingungen. Von der SVP ist diesbezüglich aber wenig zu erwarten. Wenn es etwa um die Verkleinerung der Klassen geht, drückt sie reflexartig auf die Sparbremse. Bis anhin bestand ihr Beitrag zur Bildungsdebatte in erster Linie im Schlagwort Kuschelpädagogik.
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