Evolutionskritiker auf verlorenem Posten
02. April 2008, 19:37 Von Michael MeierSchöpfung und Evolution sollen an den Schulen gleichberechtigt gelehrt werden, fordern Kreationisten. Doch sie haben in der Schweiz niemals dieselbe Resonanz wie in den USA.
Nächste Woche behandelt das Berner Kantonsparlament eine Motion von EDU-Grossrat Erwin Brun. Der Adelbodner Politiker verlangt, dass die bernischen Schulen die biblische Schöpfungslehre als gleichberechtigte Alternative zur Evolutionstheorie lehren. Entsprechend seien die Lehrmittel anzupassen. Die Regierung spricht sich allerdings klar gegen Bruns Antrag aus.
Schon zum Jahresende hatte das Lehrmittel «NaturWert» des Berner Schulverlags für Wirbel gesorgt. Die Autoren stellten die Schöpfungslehre mit der Evolutionstheorie auf die gleiche Stufe. Nach grossem Protest wird das Kapitel «Evolution und Schöpfung» nun überarbeitet.
Sind das Anzeichen eines in der Schweiz anbrechenden Kampfes «Gott gegen Darwin»? Analog zu den USA, wo die Kreationisten lautstark und teilweise mit Erfolg die Verankerung der Schöpfungslehre im Biologieunterricht fordern? Kreationisten nehmen die Schöpfungsberichte der Bibel wortwörtlich. Neuerdings erhalten sie Sukkurs durch die Vertreter der modernen «intelligent design»-Theorie: Diese machen eine übernatürliche Intelligenz für die Entwicklung des Lebens verantwortlich. So können sie umgehen, in den von den Kirchen getrennten US-Bundesstaaten Gott ins Spiel zu bringen.
Idee einer Volksinitiative verworfen
Die Organisation, die das evolutionskritische Anliegen in der Schweiz am vehementesten vertritt, ist der Verein Pro Genesis mit rund 600 Mitgliedern vor allem aus dem evangelikalen Lager. Unternehmensberater Gian Luca Carigiet hat ihn 2001 gegründet.
«Meine Vorstellung war, in der Schweiz eine eigentliche Bewegung zu lancieren. Doch es ist nicht so gekommen, es fanden sich zu wenig Leute», sagt Carigiet enttäuscht. Markantestes Unterfangen des Vereins ist die letztjährige repräsentative Umfrage, wonach 76 Prozent der Schweizer wünschen, dass Schöpfung und Evolution in der Schule gleichberechtigt gelehrt werden. Das Anliegen in allen Kantonen umzusetzen, wie das EDU-Politiker Brun in Bern versucht, ist für Carigiet im Prinzip eine gute Idee. In der föderalistischen Schweiz sei dies aber viel zu aufwändig. Die EDU hatte deshalb über eine entsprechende Volksinitiative nachgedacht, die Idee dann aber fallen gelassen.
Carigiet bezeichnet sich selber nicht als Kreationisten, sondern als Evolutionskritiker. Wie die Kreationisten nimmt er aber den biblischen Schöpfungsbericht wortwörtlich: «Warum soll es einem allmächtigem Gott nicht möglich sein, die Welt in sechs Tagen zu erschaffen?»
Anders als die Kreationisten gehe er wissenschaftlich vor und stelle die Grundfrage: Ist es möglich, dass Leben zufällig entstanden ist? Dafür gebe es keinerlei wissenschaftliche Belege, weshalb er die Evolutionstheorie ablehne. Deren Prinzipien Selektion und Mutation genügten nicht, um die sinnvolle Entwicklung des Lebens zu erklären. Kein Mensch könne sagen, wie das Leben wirklich entstanden sei.
«Rückschritt von 150 Jahren»
Die Evolutionstheorie ist für Carigiet eine Weltanschauung und zwar eine atheistische: «Ein Atheist, der Gott ablehnt, muss die Entstehung der Welt anders erklären können als durch einen Gott.» Und weil man die Evolutionstheorie nicht beweisen könne, sei sie kein Faktum, sondern bestenfalls eine Möglichkeit. Umgekehrt ist Gott für Carigiet keine Möglichkeit, sondern ein Faktum. Darum habe der Schöpfergott nichts mit Religion, sondern mit Tatsachen zu tun. Folglich gehöre die Schöpfungslehre in den Biologieunterricht und nicht in den Religionsunterricht, sagt Carigiet, der vor Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten ist und sich als nicht religiös, aber gläubig bezeichnet.
Ganz anders sieht das Toni Bürgin, Präsident der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft St. Gallen. «Das wäre ein Rückschritt von 150 Jahren», sagt der Verfasser einer Broschüre zum Thema Evolution für die Schule. Darwins grosse Leistung sei es gewesen, mit der natürlichen Selektion den Mechanismus für die Entstehung der Vielfalt des Lebens gefunden zu haben. Die Schöpfungsmythen könne man allenfalls am Rande erwähnen. Richtigerweise hätten sie ihren Platz aber im Religionsunterricht. Für Bürgin sind wie für viele andere Forscher persönlicher Glaube und die Evolutionstheorie durchaus miteinander vereinbar. Das sind sie längst auch für die akademische Theologie, welche die biblischen Schöpfungsberichte im Unterschied zur kreationistischen Extremposition nicht wörtlich nimmt.
Bis zum 29. Juni beleuchtet die Ausstellung «Adam und Eva und Darwin» im Museum BL in Liestal die Auseinandersetzung zwischen Kreationisten und Evolutionisten.
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