Schweiz

Das EDA liess Del Pontes Buch durchgehen

09. April 2008, 22:23 – Von René Lenzin

Das Aussendepartement hätte vor Drucklegung Korrekturen an Carla Del Pontes Buch über das Jugoslawien-Tribunal anbringen können. Stattdessen verbot es ihr Werbeauftritte.

Carla Del Ponte hat das Manuskript ihres Buches «Die Jagd. Ich und die Kriegsverbrecher» dem Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) vorgelegt und ihrem Arbeitgeber eine Frist für Änderungs- oder Kürzungswünsche eingeräumt. Das berichtete die Tessiner Tageszeitung «Corriere del Ticino».

Das EDA bestätigt dies, wenn auch nur indirekt: «Das EDA war über das Buch und dessen Veröffentlichung informiert. Frau Carla Del Ponte hat dieses Buch in ihrem Namen verfasst und äussert sich darin über ihre frühere Tätigkeit als Chefanklägerin des Uno-Kriegsverbrechertribunals für Ex-Jugoslawien», sagt Sprecher Jean-Philippe Jeannerat. Es könne daher «nicht Sache des EDA sein, Änderungen vorzuschlagen oder gar zu verlangen».

Das EDA hatte Del Ponte untersagt, Werbeauftritte für ihr Buch zu absolvieren, weil dessen Inhalt teilweise «nicht mit der Funktion einer Schweizer Botschafterin vereinbar sind». Daher mutet es seltsam an, dass das EDA nicht früher interveniert hat. Denn als das Buch zur Begutachtung vorlag, hatte Del Ponte ihr Amt als Botschafterin in Argentinien bereits angetreten. Welche Passagen das EDA problematisch findet, will Jeannerat nicht sagen. Man kommentiere «das Buch als solches nicht» und werde «auch nicht einzelne Auszüge oder Aussagen bewerten», teilt er mit.

Das Buch hat nicht nur auf dem Balkan Irritation ausgelöst, sondern auch unter Schweizer Parlamentariern. Eine Lektüre des 400-seitigen Werks zeigt, wieso. Del Pontes Sprache ist direkt und ungeschminkt. Und sie teilt nach allen Seiten aus. Der Schlüsselbegriff der ehemaligen Chefanklägerin heisst «Muro di gomma» (Gummiwand). Immer wieder und überall sei mit ihren Anträgen nach Unterstützung und Mitarbeit an dieser Wand abgeprallt, schreibt Del Ponte.

Sie habe mit Personen zusammenarbeiten müssen, die «allzu oft überhaupt keine Lust zur Zusammenarbeit hatten und die Angelegenheit als relativ wenig dringend erachteten», heisst es in der Einleitung. Illustriert ist dieser Befund anhand von zwei Treffen mit dem ehemaligen CIA-Chef George Tenet. Dieser habe ihr Ende September 2000 versichert, die Verhaftung des serbischen Kriegsverbrechers Karadzic gehöre zu seinen obersten Prioritäten. Sechs Monate später habe sie ihn daran erinnert, dass noch nichts passiert sei und der CIA doch wenigstens Informationen zur Verfügung stellen könnte. Weiter schreibt sie:

Ich sagte: «Wenn ihr nicht die Absicht habt, etwas zu unternehmen, denke ich, dass ihr zumindest unsere Anstrengungen unterstützen könntet.» «Schauen Sie, Madame», antwortete Tenet, «was Sie denken, interessiert mich einen Scheissdreck.»

Am schärfsten ins Gericht geht Del Ponte mit den Akteuren auf dem Balkan selbst. An einer Stelle im Buch vergleicht sie das Verhalten von Serben und Kroaten. Viele serbische Behörden hätten das Tribunal offen zurückgewiesen. Das habe ihr in einem gewissen Sinn sogar Respekt abgerungen. Hingegen hätten sie die Kroaten offiziell unterstützt, seien ihr aber gleichzeitig mit «hinterlistigen Täuschungen» in den Rücken gefallen. Dann fährt sie fort:

Einer der Ankläger des Tribunals, ein für seine geistreichen Witze und Anekdoten bekannter Kanadier, brauchte einen Aphorismus, der den Unterschied zwischen jenen Serben und Kroaten gut erfasste, die versuchten, die Arbeit des Tribunals ins Leere laufen zu lassen: «Die Serben sind Bastarde», sagte er, «während die Kroaten hinterlistige Bastarde sind.»

Relativ viel Platz räumt Del Ponte einem angeblichen Organschmuggel ein, den Kosovaren nach dem Einmarsch der Nato-Truppen im Jahre 1999 betrieben haben sollen. Mit «Wissen und aktiver Beteiligung von mittleren und höheren Kadern» der Befreiungsarmee UCK sollen serbische Gefangene getötet und deren Organe über Albanien verkauft worden sein. Del Ponte beruft sich dabei auf Berichte von Journalisten, die jedoch ihre Quellen nicht hätten offenlegen wollen. Später hätten die Ermittler des Tribunals selber mögliche Spuren endeckt, aber nicht genug, um Anklage zu erheben, schreibt Del Ponte:

«Geschichten über Organhändler, die Gefangene töten, kursieren in vielen Konfliktgebieten. Aber selten lassen sich konkrete Beweise finden, um diese Geschichten dem Reich der Stadtlegenden zu entreissen. Die Spritzen, die Infusionen, der Mull sind ganz klare Indizien, aber als Beweise reichen sie leider nicht aus. Die Untersuchungsbehörden sind nicht in der Lage zu bestimmen, ob die gefundenen Spuren von menschlichem Blut stammen. Die Quellen (der Journalisten, die Red.) haben die Position der Gräber der angeblichen Opfer nicht angegeben, weshalb wir die Leichen nicht gefunden haben.»

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