Er frass selbst Kuchen von Fenstersimsen

15. April 2008, 23:00 – Von Jean-Martin Büttner

Die Behörden rechtfertigen den Abschuss des Bären JJ3 bei Thusis: Er sei für die Menschen zur Gefahr geworden. Dennoch kommt Kritik auf.

JJ3 narkotisiert im Val Spadlatscha: Der Braunbär wurde im vergangenen August eingefangen und mit einem Sender versehen.
Keystone/Bündner Amt für Jagd/Fischerei JJ3 narkotisiert im Val Spadlatscha: Der Braunbär wurde im vergangenen August eingefangen und mit einem Sender versehen.

Knallpetarden explodierten auf seinem Pelz, die Wildhüter beschossen ihn mit Gummischrot. Trotzdem suchte JJ3, der zweijährige Braunbär, immer wieder die Häuser und Maiensässe auf und trottete nachts durch Bündner Dörfer. Er fiel über Abfallsäcke und Komposthaufen her, warf Container um und riss Schafe auf der Weide. Am Freitag beschloss die Bündner Regierung, dass der Bär sterben müsse. Gestern am Abend wurde JJ3 in der Gegend von Thusis erlegt.

Am Tag darauf rechtfertigen die Behörden den Abschuss in Chur und vor zahlreichen Medienleuten. Je mehr Gefühle ein Thema auslöst, desto kälter klingt oft die Amtssprache. Da ist von «Sicherheitsbedenken» und «Vergrämungsaktionen» die Rede, von «Bärenmanagement» und «Umerziehungsversuchen». Dennoch ist den Beamten und Politikern die Anspannung anzumerken. Der Entscheid sei niemandem leicht gefallen, beteuert Georg Brosi vom Bündner Amt für Jagd und Fischerei, es sei auch niemand zum Abschuss gezwungen worden. Schliesslich hätten auch seine Leute zum Tier eine Beziehung gehabt. Schon deshalb zeigen die Behörden keine Bilder des toten Bären und sagen auch nicht, wie man ihn zur Strecke brachte; er sei ja keine Trophäe. Das Tier wird ausgestopft und im Bündner Naturmuseum ausgestellt.

Die Angst vor einem Angriff

JJ3 habe sich innert zehn Monaten vom Problembären zum Risikobären entwickelt, sagt Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt. Damit sei er nach dem Bärenkonzept des Bundes nicht mehr tragbar gewesen. Das Tier hätte in einer Garage auftauchen und dort auf einen Menschen treffen können, ergänzt der Bündner Regierungsrat Stefan Engler. Wäre ihm der Fluchtweg versperrt gewesen, hätte es möglicherweise den Menschen angegriffen. Diese Gefahr sei zu gross gewesen, und die Sicherheit des Menschen gehe vor.

Auf seinen Wanderungen hat JJ3 täglich bis zu zwanzig Kilometer zurückgelegt, und er wurde in über 15 Bündner Gemeinden gesichtet. Da die Wildhüter ihm im Sommer einen Peilsender angelegt hatten, konnten sie ihn leicht orten und mit Petarden vertreiben. Das habe nichts genützt, sagt Brosi: Oft sei der Bär wenige Stunden später wieder in der Nähe von Häusern aufgetaucht. Dabei wurde JJ3 offenbar immer dreister. Das Tier sei intelligent, schnell und zielbewusst vorgegangen, sagen die Wildhüter nicht ohne Bewunderung. Dank seiner hervorragenden Nase roch es Essensreste in Abfallsäcken und auf Komposthaufen schon von weitem und packte sich sogar Fruchtwähen, die auf den Fenstersimsen auskühlten. Zum Problem wurde auch, dass einzelne Bewohner Fleischreste auslegten, um den Bären fotografieren zu können. Dasselbe hatten Touristen in slowenischen Hotels schon bei seiner Mutter Jurka getan: Diese brachte ihrem Jungen dann bei, wo er am schnellsten Essen finden könne: genau dort, wo die Menschen ihn nicht haben wollen.

Jurka lebt jetzt in einem norditalienischen Tierpark. Schnidrig empfiehlt den Besuch, um zu verstehen, wie sich wild geborene Tiere in Gefangenschaft fühlen und verhalten. Schon jetzt müssten überzählige Bären jedes Jahr in Zoos eingeschläfert werden. Zudem hätten sich italienische Kollegen geweigert, den Bär in einem ihrer Naturparks anzusiedeln.

Bald schon neue Bären

Der gefrässige Bär hat Bund und Kantone gegen 200'000 Franken gekostet. Das Geld habe beim Abschuss aber keine Rolle gespielt, sagt Regierungsrat Engler. Man habe nämlich viel gelernt, das einem im Umgang mit anderen Bären nützen werde. Am meisten freut den Politiker, dass JJs Halbbruder MJ4, scheu und unbehelligt, in der Wildnis weiterlebt. Weniger freuen ihn die heftigen Mails, die er von der Bevölkerung bekommen hat, darunter auch Beschimpfungen. «Da ist mehr Tierliebe als Menschenliebe», sagt er; man spürt die Bitterkeit.

Kritik kommt auch von den Umweltorganisationen. JJ3 habe sich Menschen gegenüber nie aggressiv verhalten, kritisiert der Schweizer Tierschutz. WWF-Sprecher Richard Lehner anerkennt zwar, dass die Behörden es sich mit dem Abschuss nicht leicht gemacht hätten. Dennoch findet er, sie hätten damit länger warten sollen. Man habe die Bevölkerung zu wenig klar informiert, wie sie ihren Abfall bärengerecht entsorgen müsse. Der WWF erhofft sich einiges von neuen Behältern, die speziell für solche Fälle entwickelt würden. Diese seien nötig; schon bald könnten neue Bären über die Grenze kommen.

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