Trend zur Altersarbeit verschlafen
08. Mai 2008, 19:37 Von Gaby SzöllösyDer öffentlichen Verwaltung kommt als Arbeitgeberin Vorbildfunktion zu. Etliche Kantone lassen aber eine Weiterbeschäftigung nach 65 nur in Ausnahmefällen zu.
In den kantonalen Verwaltungen ländlicher Regionen tendiert die Anzahl angestellter Seniorinnen und Senioren gegen null - dies zeigt eine Anfrage des «Tages-Anzeigers»: «Im Moment arbeiten keine Personen im Pensionsalter», lautet die Antwort aus Appenzell Ausserrhoden. «Nur Einzelfälle», meldet Obwalden. Schwyz verzeichnete im Januar 6 Personen. Immerhin 28 waren es in Nidwalden letztes Jahr, 44 im Thurgau - auf der anderen Seite lässt sich ein Grossteil der Thurgauer Verwaltungsangestellten mit 63 pensionieren.
Auch städtische Zentren verzeichnen kein Plus an älteren Arbeitnehmenden. Obwohl dort der Aufschwung der letzten Jahre tendenziell mehr zu spüren war und damit auch der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften stieg: Beim Kanton Zürich machten die Senioren in den letzten fünf Jahren zwischen 1 und 3 Promille der Belegschaft aus.
Jean-Paul Weiler vom Berner Personalamt kann zwar mangels detaillierter Statistik keine genauen Zahlen liefern, weiss jedoch aus Befragungen in den Direktionen, dass die Zahl der über 65-Jährigen «sehr gering bis unbedeutend ist und in den letzten Jahren nicht zugenommen hat». Zu tun hat dies laut Weiler in erster Linie mit dem Gesetz: Der Kanton erlaubt die Weiterbeschäftigung nach 65 nur in Ausnahmefällen. Dies ist auch in andern Kantonen der Fall: In Luzern oder Zug endet das Arbeitsverhältnis automatisch mit Erreichen des Rentenalters. Und wenn ein Kanton diese fixe Grenze aufgehoben hat - wie etwa Nidwalden - so sprechen nicht selten die höheren Lohnkosten älterer Mitarbeiter gegen ihre Weiterbeschäftigung.
Ein weiteres Hindernis stellen die Regeln der Pensionskassen dar: In Bern etwa gilt das Leistungsprimat, die Rente berechnet sich nach dem letzten Lohn. Das verhindert, dass die Angestellten ihr Pensum reduzieren und sich gestaffelt aus dem Erwerbsleben zurückziehen.
Keine eigentliche Strategie
Über eine offizielle Strategie zur Förderung der Altersarbeit verfügt kaum ein Kanton. Das Thema stehe zwar weit oben auf ihrer Prioritätenliste, sagt etwa die Personalamtsleiterin Madeleine Heim, «aber die Zeit ist noch nicht reif für Appenzell Ausserrhoden, der Leidensdruck zu wenig gross, denn noch können wir unsere Vakanzen besetzen.» Die Personalchefin aus Baselland, Doris Bösch, erläutert, es gebe Führungsverantwortliche, die noch nicht erkannt hätten, dass die «jungen Alten» über langjähriges Knowhow verfügten, dessen Einbindung in die Geschäftsprozesse notwendig sei. Die Förderung der älteren Arbeitnehmer werde reduziert oder gar gestoppt, die Anforderungen an sie ebenso. Bösch will nun das Blatt wenden und hat eben für das oberste Kader zu einer Veranstaltung zum Thema organisiert.
Auch Bern, Luzern, Obwalden und Thurgau wollen Massnahmen ergreifen zur Förderung der Erwerbsarbeit nach 65, machen aber keine Angaben zum Zeithorizont. Mit andern Worten: Die Kantone stehen noch ganz am Anfang des Denkprozesses.
OECD hat Schweiz 2003 gemahnt
Nicht viel besser sieht die Situation beim Bund aus: Von über 36 000 Bundesangestellten haben 2007 nur gut 100 das Rentenalter überschritten. Demgegenüber wurden 828 Bundesangestellte frühpensioniert. Der Bund erlaubt zwar seinen Senioren, bis 70 weiter zu arbeiten. Bisher bestand aber wenig Anreiz dafür, weil die Angestellten dadurch ihre Rente nicht erhöhen konnten. Das soll sich ändern, wenn im Juli die Bundespensionskasse zum Beitragsprimat wechselt: Wer länger arbeitet, erhält danach auch mehr Rente.
Gleichzeitig verstärkt der Bund die Gesundheitsförderung und die Weiterbildung von älteren Mitarbeitern. Doch die Mediensprecherin des eidgenössischen Personalamts Sabine Stauffer resümiert: «Das Umdenken steht in der Schweiz erst am Anfang.» Dies obwohl die internationale Wirtschaftsorganisation OECD die Schweiz schon 2003 angehalten hatte, dafür zu sorgen, dass die älteren Menschen länger im Arbeitsprozess verblieben.
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