Arbeiten über 65 hinaus ist nicht gefragt
08. Mai 2008, 19:44 Von Gaby SzöllösyÄltere Arbeitnehmer seien möglichst lange ins Erwerbsleben einzubinden, propagieren Politiker und Firmenbosse. Doch die Realität sieht anders aus. Trotz guter Konjunktur.
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- Trend zur Altersarbeit verschlafen
Von wegen altes Eisen. Reifere Arbeitskräfte seien Gold wert, referieren Wirtschaftsverbände wie Thinktanks seit Jahren. Und fordern vehement die Flexibilisierung des Rentenalters - vor allem nach oben. Denn der hiesige Arbeitsmarkt ist auf die älteren Semester angewiesen. Je länger, desto dringender. Infolge der gesunkenen Geburtenrate kommen weniger junge Arbeitskräfte nach, während die Gruppe der Rentner anwächst. Ohne Gegenmassnahmen bringt dieser demografische Wandel über kurz oder lang die Sozialversicherungen in Schieflage und die Firmenchefs in die Bredouille. So weit die Erkenntnis.
Mit deren Umsetzung hapert es jedoch: Die Erwerbsquote der über 65-Jährigen steigt wohl seit zwei Jahren leicht an, wie das Bundesamt für Statistik ermittelt hat. Sie liegt aber immer noch deutlich unter 15 Prozent und damit unter dem Wert von 1996. Markant höher ist die Quote der Erwerbstätigen, die vor Erreichen des regulären Rentenalters ihre Arbeit aufgeben: Sie lag 2007 bei 20 Prozent.
Zwar sind viele Arbeitgeber inzwischen fürs Thema sensibilisiert, doch die Programme zur Förderung der Altersarbeit stecken noch in den Kinderschuhen. Angestellte, die übers Rentenalter hinaus arbeiten, haben auch in Zeiten florierender Wirtschaft Seltenheitswert - dies zeigt eine Umfrage.
So entlässt die UBS, die in den vergangenen Jahren Hunderte von Arbeitskräften suchte, ihre Mitarbeiter immer noch mit 62 in den Ruhestand. Bei der Swisscom wächst zwar die Anzahl der über 55-jährigen Angestellten gemessen am Gesamtbestand. Doch letztes Jahr war kein einziger über 65, dieses Jahr gerade mal einer.
Bei Novartis Schweiz mit ihren gut 12'000 Angestellten liegt die Zahl arbeitender Senioren im einstelligen Bereich, während 2007 rund 200 Personen den vorzeitigen Ruhestand wählten. Dies obwohl der Betrieb ein spezielles Programm für pensionierte Mitarbeiter entwickelt hat, ihnen Weiterbildung anbietet und die Möglichkeit offeriert, auch teilzeitlich - etwa als Coaches - in der Firma zu verbleiben.
Bemühungen zeigen mässigen Erfolg
Der Versicherungskonzern Zurich hat die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt und ist daran, ein Mentoring-Programm für ältere Mitarbeiter aufzubauen. «Sie sollen ihr Knowhow den jüngeren Arbeitskräften weitergeben und gleichzeitig von deren aktuellem Wissen profitieren», erklärt der Personalchef von Zurich Schweiz, Chris Dunkel. Zudem hat das Unternehmen 2006 seine Pensionskassenregelung so angepasst, dass die Weiterbeschäftigung (auch teilzeitlich) möglich ist und keine Nachteile bringt.
Die Bemühungen zeigen bislang mässigen Erfolg: Festangestellte Senioren verzeichnet der Betrieb keine, «lediglich einige, die nach der Pensionierung im Mandatsverhältnis weiterarbeiten», so Dunkel. Und die Zahl der Frühpensionierungen verharrt auf dem Niveau der Vorjahre. Es brauche Zeit, bis sich die Angestellten der neuen Möglichkeiten bewusst seien, glaubt der Personalchef.
Besser sieht die Situation bei ABB Schweiz aus. Der Technologiekonzern hat schon vor Jahren einen neuen Umgang mit älteren Arbeitskräften in die Wege geleitet. Es gehe in erster Linie darum, ihnen zu zeigen, dass man sie wertschätze, sagt Mediensprecher Lukas Inderfurth. Die Vorgesetzten sind angehalten, mit älteren Arbeitnehmern Standortgespräche durchzuführen, sie mit Weiterbildungsprogrammen und Teilzeitmodellen zu motivieren. Und prompt kann ABB erste Erfolge vermelden: Rund 60 Personen der 5800 Mitarbeiter haben das Rentenalter überschritten. Zudem, sagt Inderfurth, «hat sich die Zahl der Frühpensionierungen in den letzten fünf Jahren beinahe halbiert».
Die Beispiele zeigen: Das Umdenken beginnt im privaten Sektor erst allmählich. Dabei ist es bereits fünf Jahre her, dass der frühere Direktor des Arbeitgeberverbands sich vornahm, eine «Umerziehung» der Firmen anzustossen. Im TA forderte Peter Hasler damals: «Wir müssen wegkommen von diesem Jugendlichkeitswahn, weg von dieser Auffassung, dass Arbeit nur Mühsal und Plage ist.» Man starte in einem ungünstigen Moment, räumte er mit Blick auf die Anfang Jahrzehnt serbelnde Konjunktur ein. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet - Jahre voller Auftragsbücher liegen hinter uns.
Der Arbeitgeberverband, aber auch der Thinktank Avenir Suisse haben inzwischen Kampagnen gestartet und mit Veranstaltungen versucht, die Firmenbosse zu sensibilisieren. Und doch scheint man punkto Altersarbeit nicht recht vom Fleck zu kommen. Eigentlich ein ernüchternder Befund für ökonomische Vordenker und bürgerliche Politiker. Der heutige Arbeitgeber-Direktor Thomas Daum ist nicht erstaunt: «Das braucht seine Zeit, weil wir eine Mentalitätsveränderung bewirken müssen.»
Die Schere öffnet sich noch mehr
Daum stellt fest, dass das Thema heute bedeutend stärker diskutiert werde. «Doch auch ich bin überzeugt, dass noch mehr gehen muss.» Zumal sehr viele Leute heute im Alter noch leistungsfähig seien: «Es ist schade, dass wir ihr Knowhow nicht länger nutzen.» Dem stimmt der Soziologe und Altersforscher François Höpflinger zu: Immer mehr Menschen über 60 seien noch vif, neugierig und lernfähig: «Das heisst, sie kombinieren Innovationskraft und Erfahrung und könnten deshalb für die Betriebe von besonderem Nutzen sein.» Höpflinger beobachtet, dass dieses Potenzial allmählich erkannt wird. Die Betriebe würden vermehrt in die über 55-Jährigen investieren - etwa in deren Weiterbildung.
Allerdings konstatiert der Altersforscher, dass vor allem jene Arbeitnehmer zum Zug kommen, die gut qualifiziert sind und sich auch in früheren Jahren kontinuierlich fortbildeten. «Das bedeutet, dass sich die Schere zwischen top qualifizierten älteren Personen und solchen mit Bildungsdefiziten noch weiter öffnet.» Erstere sind den Arbeitgebern Gold wert, Letztere gelten auch heute noch als altes Eisen. Für den Arbeitgeberverband, der dies ändern möchte, bleibt viel zu tun. Man werde am Thema dranbleiben, verspricht Thomas Daum, kann aber noch keine konkreten Massnahmen nennen.
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