Schweiz

Intrigen! Sex! Skandale! Erfolg! Ringier!

15. Mai 2008, 23:00 – Von Constantin Seibt

In 175 Jahren kämpfte sich der Ringier-Verlag von Zofingen bis nach China durch. Wie schaffte er das?

Über keine Firma ist in der Schweiz öfter die Nase gerümpft worden als über Ringier. Ihr wurden Kampagnen so heftig vorgeworfen wie Harmlosigkeit, Anbiederung wie Fertigmacherei, gnadenloses Marketing wie naives Scheitern.

Ein seltsames Schillern zieht sich durch Ringiers 175 Jahre Geschichte und ihre zahllosen bunten Erzeugnisse: kühne Entscheidungen für biedere Produkte, hehres Pathos und abgebrühte Frechheiten, Tüfteln und avantgardistische Technik, dazu ein starker Geruch nach Provinz – und trotz diesem Geruch ist Ringier der einzige Grossverlag, der den Sprung ins internationale Geschäft schaffte.

Kurz: Ringier ist schweizerisch bis ins Mark. Und trotzdem blieb es in seiner Branche ein Aussenseiter. Nur: ein unverschämt erfolgreicher Aussenseiter.

Die Provinz

Zofingen 1833 war eine mausarme Stadt, kaum aus Stadtmauern und Mittelalter entwachsen. Hier eröffnete Johann Jakob Ringier eine Druckerei – mit einer Handpresse auf dem technisch neuesten Stand: Sie leistete bis zu 250 Abzüge die Stunde. Ringier druckte bald das dörfliche Wochenblatt, Amtsschreiben und später auch Aufregenderes: die so genannten «Standreden». So hiessen die Predigten der Pfarrer vor der öffentlichen Hinrichtung. Diese verkauften sich prächtig: frühes Boulevard des 19. Jahrhunderts.

Wirklich voran ging es erst mit Paul August Ringier. Er erbte das 8-Mann-Geschäft seines Vaters mit 22 Jahren. Bis zu seinem Tod mit 84 Jahren sollte er keinen Tag Ferien machen. Er war ein knochenharter Mensch. Und als Vater war er ein Tyrann. Er ass Beefsteak, die Familie nicht. Er ass Orangen und warf seinen Kindern nur den Anschnitt zu, damit sie sich darum balgten.

Die Schweiz

Als Unternehmer hingegen war Paul August Ringier ein Genie. Er fusionierte, drängte seine Partner aus dem Geschäft und er fuhr konsequent die Strategie des Aussenseiters. Während die anderen Verleger regional waren, setzte Paul auf eine nationale Strategie. Während die anderen wortreich für eine Partei, Kirche oder Gewerkschaft missionierten, setzte Paul August auf bunte Bilder. Und wo andere die Männer umwarben, fand Ringier als Publikum die Frauen.

Der Erfolg der auf modernsten Maschinen gedruckten «Schweizer Illustrierten Zeitung», «Sie+Er», «Blatt für alle», «Gelbes Heft» steigerte sich über Jahrzehnte. Als Paul August 1960 starb, hatte Ringier über 2000 Mitarbeiter. Und der sterbende Patriarch litt schreckliche Ängste, in die Hölle zu kommen.

Der Blick

Nicht zu unrecht. Denn kurz vor seinem Tod war der «Blick» geboren worden. Die neue Zeitung war ein elektrisierender Schock für Branche, Bundesrat und Leserschaft.

Hatten Journalisten bis dahin wie die Mönche gearbeitet – allein in den Zellen, trinkfest, meinungsstark – gingen die «Blick»-Reporter raus, recherchierten, ihre Reportagen wurden im News-Room verarbeitet. Und das Marketing betrat die politische Bühne: Sex, Crime, Affairen, politische Homestorys aber auch Skandale, selbstgemachte Events: Das alles schockierte. Protestmärsche folgten, Inserenten inserierten nicht, der Bund entzog Ringier den millionenschweren Druckauftrag, die Ringiers wurden nicht mehr eingeladen... Die ersten zehn Jahre brachten dem Verleger nichts als Verluste und Ärger.

Der Verleger hielt durch. Zur Überraschung aller. Denn der Mann, der durchhielt, war der schüchterne, vom Vater verachtete Patriarchensohn Hans Ringier. Er zeigte überraschende Qualitäten: die Geduld zu warten. Und die Weisheit, sich mit klugen Ratgebern zu umgeben. Sein neuer Chef, Heinrich Oswald, machte Ringier zu einem modernen Unternehmen: Budgets, Management, Pensionskasse, Journalistenschule, ein topmodernes Pressehaus in Zürich.

Der Osten

Letztlich war es ein Zufall: Der Ringier-Manager Thomas Trüb erfuhr über den tschechischen Masseur einer Freundin, dass dort ein Wirtschaftsjournalist für eine Zeitung Geld suchte: Tags darauf sass er mit einem Geldköfferchen mit 50' 000 Franken im Flugzeug.

Heute, 15 Jahre später, besitzt Ringier nach einer abenteuerlichen Expansion, die zeitweise auch Porno-Linien, Chaos und schreckliche Verluste umfasste, Zeitungen im halben Ostblock, in Vietnam, Hongkong und China. Neben Kleinigkeiten wie dem Kochkonzern «Betty Bossi», Online-Jobvermittlern oder einem Fernsehstudio. Von den 130 Blättern des Konzerns kann der heutige Verleger Michael Ringier nur 30 lesen. Der Rest erscheint in zu exotischen Sprachen.

Das Imperium

Wen immer man aus dem Hause Ringier spricht, jedes Mal hört man Mittelalterliches: Schreckliche Intrigen herrschten an Ringiers Hofstaat, Journalisten und Manager, alle Höflinge, bekämpfen sich, ziehen Fäden, siegen, fallen in Ungnade.

Schlimm? Anders gesehen ist dies auch ein Ausdruck der Freiheit. «Nicht fragen, sondern einfach machen!», erklärte in Karl Lüönds hervorragendem Ringier-Buch ein Kadermitglied die Philosophie des Hauses. Und dies ist vielleicht ein Grund, warum Ringier es in hundert Nischen schaffte, vom ersten Boulevardblatt bis nach Vietnam: das Gewusel von Achterbahnkarrieren, Projekten, Scheitern, neuen Projekten.

Ein anderer Grund ist sicher der Geruch nach Provinz: Die Neugier wird bei Ringier nicht durch all zu grosse Feinheit gebremst. «Mir war es immer, mit Verlaub, scheissegal, was die Leute von mir reden», sagte der krawattentragende Kunstsammler Michael Ringier und verglich einen Verleger mit einem Fussballtrainer.

Auch die Professionalität wird bei Ringier nicht durch Feinheit gebremst: Kein Verlag setzt so auf Ausbildung wie der Boulevardspezialist.

Und sicher hat auch das grosse Geldpolster der Familie entspannt gemacht: Dass bei Ringier moderne Kunst und das Prominentenschmeichelnundbarfussaufdemsofazeigeblatt «Schweizer Illustrierte», knallharte serbische Boulevardtitel und besorgte TV-Debatten, Sex und Predigt, Schweizer Verbrechen und chinesische Schminktipps nebeneinander existieren, dass ist nicht nur eine Frage des Geldes. Sondern auch von Neugier und Mut zu Experiment und Niederlage. Wie man hört, ist das einzige, was Ringier noch fehlt, ein Erbe. Das ist schwer begreiflich. Denn auf ihn oder sie wartete das Leben selbst: ein gottverdammtes Abenteuer.

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