Schweiz

«Dies ist das Ende der Pro Helvetia»

21. Mai 2008, 21:28 – Von Philipp Mäder

Wie autonom soll Pro Helvetia entscheiden, welche Künstler sie unterstützt? Das zeigt sich in der Kommission des Nationalrates. Der Pro-Helvetia-Direktor fürchtet Schlimmes.

Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel
Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel

Mit Pius Knüsel sprach Philipp Mäder

Bisher genoss Pro Helvetia einen grossen Freiraum: Die Kulturstiftung konnte weitgehend selbst entscheiden, welche Schweizer Künstler sie bei Auslandtourneen unterstützt und welche kulturellen Programme sie im Inland lanciert – obwohl das Budget von jährlich über 30 Millionen Franken vom Bund kommt. Die Autonomie fand auch Ausdruck darin, dass die Pro Helvetia in einem eigenen Gesetz geregelt ist. Nun will die zuständige Kommission dieses ins Kulturförderungsgesetz integrieren. Und der Bundesrat möchte seine Aufsicht verstärken.

Vor drei Jahren hat Pro Helvetia in Paris die Hirschhorn-Ausstellung unterstützt, was für einen riesigen politischen Wirbel und die Kürzung Ihres Budgets sorgte. Bereuen Sie diese Ausstellung heute manchmal?

Nein. Die ganze Diskussion hat dazu beigetragen, die Frage zu klären, was Kulturförderung soll. Und die Echos der Debatte hallen noch heute hörbar nach.

Ist es auch ein Echo dieser Debatte, dass die zuständige Parlamentskommission der Pro Helvetia kein eigenes Gesetz mehr zugestehen will und damit – wie manche befürchten – deren Autonomie beschneidet?

Eine knappe Mehrheit der Kommission hat die Integration des Pro-Helvetia-Gesetzes ins Kulturförderungsgesetz durchgebracht. Man könnte sagen, dies ist das Ende der Pro Helvetia. Es gibt aber auch eine andere Interpretation: Wenn die Kommission nun ein Konzept nachliefert, das die Autonomie der Pro Helvetia stärkt, dann ist die Fusion der beiden Gesetze keine Katastrophe.

Mit dem neuen Gesetz kann der Bundesrat der Pro Helvetia strategische Ziele vorgeben. Ist dies ebenfalls ein Angriff auf die Autonomie der Pro Helvetia?

Wir fürchten, dass damit die Politik viel stärker ins Tagesgeschäft eingreifen kann – wie es bei Hirschhorn der Fall war. Wenn sich der Bundesrat etwa aus politischen Gründen mit einem Land gut stellen will, könnte er der Pro Helvetia vorschreiben, dort in den nächsten vier Jahren zehn Prozent ihres Budgets einzusetzen. Das wäre ein strategisches Ziel. Und eine Instrumentalisierung der Kultur, die kontraproduktiv ist.

Warum soll die Regierung der Pro Helvetia keine Strategie vorgeben dürfen? Bei Swisscom und SBB macht sie das auch.

Pro Helvetia funktioniert nicht wie die SBB, die einen Auftrag im öffentlichen Verkehr übernimmt und diesen möglichst effizient erfüllen muss. Pro Helvetia arbeitet an einem sehr komplexen Problem. Dabei geht es um die Frage, was die Identität der Schweiz als multiple Gesellschaft ausmacht. Das kann man nicht so einfach messen wie den Preis des Personenkilometers bei der Bahn. Politiker suchen nach einfachen Lösungen. Die Kulturförderung hingegen braucht einen grossen Freiraum, um die soziale Vielfalt abbilden zu können. Auf die Frage, wer wir sein möchten, gibt es zahlreiche Antworten.

Man kann es auch einfacher formulieren: Pro Helvetia muss im Ausland mit Hilfe der Kultur ein möglichst positives Bild der Schweiz vermitteln.

Doch was ist ein positives Bild der Schweiz? Für den Tourismus sind das schöne Berge, grüne Weiden und alte Städte. Wenn man aber ausländischen Meinungsmachern eine lebendige Schweiz vermitteln will, braucht es ganz andere Bilder.

Welches Bild wollen Sie vermitteln?

Wir wollen zeigen, dass es in der Schweiz eine dynamische Kulturproduktion auf hohem Niveau gibt, die ganz unterschiedliche Ergebnisse hervorbringt dank der –Vielfalt von Sprachen, Regionen und Migranten.

Wenn man Ihnen zuhört, kommt einem ein ganz anderer Verdacht: Sie wollen einfach nicht, dass Ihnen jemand dreinredet.

Nein, es ist nötig, dass das Parlament einen Rahmen vorgibt, weil wir öffentliche Gelder verwalten. Das macht es schon heute alle vier Jahre mit der Botschaft zur Finanzierung der Stiftung. Aber eine kurzfristige instrumentelle Steuerung lehnen wir ab.

Was wäre beispielsweise eine sinnvolle langfristige Vorgabe des Parlaments?

Wenn das Parlament etwa sagt, die Leute lesen zu wenig, wir müssen das Interesse für Literatur fördern. Dann könnten wir die Literatur für eine gewisse Zeit ins Zentrum stellen. Wie wir das machen, wäre aber unser Entscheid.

SVP und Teile der CVP wollen die Pro Helvetia gar ins Bundesamt für Kultur integrieren. Was wären die Folgen?

Als Teil der Bundesverwaltung würde die Pro Helvetia politisch instrumentalisiert. Jeder neue Vorsteher des Departements des Innern setzt je nach Partei seine Prioritäten anders. Solches hätte einen viel stärkeren Einfluss auf unsere Aktivitäten. Heute kann die Politik nicht einfach sagen: Wir wollen keine experimentelle Kunst mehr, sondern nur noch realistische.

Manche Politiker erhoffen sich von einer Integration von Pro Helvetia in die Verwaltung tiefere Kosten. Diese seien noch immer viel zu hoch, monieren sie.

Hinter den Sparforderungen versteckt sich die Absicht, die politische Steuerung zu intensivieren. Man kann so lange sagen, Pro Helvetia sei zu teuer, bis man sie ganz weggespart hat. Mit unseren knapp 15 Prozent Verwaltungskosten gehören wir im europäischen Vergleich aber zu den besten staatlichen Förderinstitutionen. Kulturförderung gibt es nicht zum Nulltarif.

Um Kosten zu sparen, eröffnen Sie keine neuen Kulturzentren mehr, sondern arbeiten mit bescheidenen lokalen Strukturen. So auch in China, wo im Oktober ein mehrjähriges Programm startet. Welches Ziel verfolgen Sie dort?

Auch wenn es banal tönt: Wir wollen in China erst einmal zuverlässige Partner finden, mit denen wir langfristig zusammenarbeiten können und die nicht unmittelbar staatlich gesteuert sind. Davon gibt es nicht so viele.

Vor kurzem stand China wegen des brutalen Vorgehens in Tibet in der Kritik. Ist es sinnvoll, sich dort kulturell zu engagieren?

Der Auseinandersetzung mit China können wir nicht ausweichen, weil die Neugierde der Schweizer Kulturschaffenden auf China ständig wächst. Wir können ihnen helfen, den Zugang zu finden. Und China ist selbst daran interessiert, den Kulturaustausch ins Rollen zu bringen.

Würde sich Pro Helvetia auch in Nordkorea engagieren?

Wenn Nordkorea einen Schweizer Künstler einladen würde, gäbe es viele Gründe, das zu unterstützen. Solche Aktivitäten setzen auch den Samen für etwas, was mit Freiheit zu tun hat. Deshalb fürchten autoritäre Kräfte bekanntlich Kunst. Doch wir können nicht Kultur in die Welt hinausbefördern, die dort die Fantasie der Menschen anregt – und uns zu Hause ans Gängelband der Politik legen lassen.

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