Albright: «Das ist für mich äusserst beunruhigend»
16. Juni 2008, 23:12 Von Daniel FoppaDer Atomschmuggel-Fall Tinner ist noch brisanter als erwartet. US-Experte David Albright sagt, die Gebrüder Tinner hätten Pläne zum Bau hoch entwickelter Atomsprengköpfe besessen.
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Mit David Albright sprach Daniel Foppa
Herr Albright, was für Dokumente haben die Schweizer Ermittler laut Ihren Informationen bei den Tinners gefunden?
Es wurden unter anderem Pläne zum Bau kleiner Atomsprengkörper sichergestellt. Diese Sprengsätze sind in Grösse und Gewicht derart reduziert worden, dass man mit ihnen Mittel- oder Langstreckenraketen bestücken kann. Dabei handelt es sich um hochentwickelte Nukleartechnik – weit fortgeschrittener etwa als die Pläne für das libysche Atomwaffenprogramm, das 2003 aufgeflogen ist. Es ist viel anspruchsvoller, einen kleinen atomaren Sprengsatz zu konstruieren, der etwa einen halben Meter Durchmesser hat und weniger als 500 Kilogramm wiegt, als einen grossen.
Woher wissen Sie, was Schweizer Ermittler bei den Tinners gefunden haben?
Ich arbeite seit vier Jahren an diesem Fall und habe mich dabei intensiv mit dem Schweizer Aspekt beschäftigt. Quellen, die nicht aus der Schweiz stammen, haben uns berichtet, dass solche Pläne 2006 bei den Tinners gefunden worden sind.
Die Schweizer Behörden begannen 2004 mit ihren Ermittlungen gegen die Tinners. Weshalb wurden die Pläne erst 2006 gefunden?
Die Pläne waren verschlüsselt. Zudem fehlte den Schweizer Ermittlern die Erfahrung mit atomaren Bauplänen. 2006 realisierten sie dann, was sie gefunden hatten – und informierten korrekterweise die Internationale Atomenergieagentur IAEA.
Was bedeutet der Fund dieser Pläne bei den Tinners?
Für mich ist es äusserst beunruhigend, dass man derart sensible Pläne bei Leuten wie den Tinners findet. Iran und Nordkorea sind fähig, Trägerraketen herzustellen, um einen solchen Sprengkopf einzusetzen. Mit atomar bestückten Trägerraketen kann man weit mehr Unheil anrichten als mit einer Atombombe, die von einem Flugzeug abgeworfen wird. Ein Flugzeug kann man abfangen. Bei einer Rakete ist das weit schwieriger.
Wie kamen die Tinners zu diesen Plänen?
Meine Informationen sagen mir, dass zumindest ein Teil der Pläne aus Pakistan stammt. Ich frage mich aber, weshalb die Tinners diese Pläne besassen. Ihre Aufgabe war es, für das Netzwerk von Abdul Qadeer Khan Zentrifugen-Bestandteile herzustellen. Es war jedoch nicht ihr Job, mit Bauplänen für atomare Sprengsätze zu handeln. Für mich ist das besonders alarmierend; wenn die Tinners diese Dokumente besessen haben, besitzen heute womöglich auch andere Leute diese Pläne. Offenbar waren die Sicherheitsbestimmungen im Khan-Netzwerk nicht sonderlich hoch.
Haben die Tinners die Pläne weiterverkauft?
Das ist die entscheidende Frage, die mich sehr besorgt macht. Ich kenne aber die Antwort nicht. Hier können nur die Tinners selber weiter helfen. Auch deshalb werden sie seit Jahren im Gefängnis gehalten; damit sie mit den Ermittlern kooperieren.
Was für Auswirkungen hat die vom Bundesrat angeordnete Aktenzerstörung auf das Strafverfahren gegen die Tinners?
Es gibt sehr starke Indizien dafür, dass die Tinners illegalen Atomschmuggel betrieben. Wenn nun aber die Schweizer Behörden Akten vernichten, dann werden die Tinner-Anwälte sagen: Das wären genau die Unterlagen gewesen, die die Unschuld unserer Mandanten bewiesen hätten. Unter diesen Umständen wird ein Prozess sehr schwierig zu führen sein. Überhaupt ist die Beweisführung in diesem Verfahren nicht leicht. So wurde das 2003 von den Tinners nach Libyen gelieferte und im Mittelmeer von der CIA abgefangene Zentrifugen-Material umgehend nach den USA verfrachtet. Die Schweizer Ermittler wollten es anschliessend sehen, doch die US-Regierung lehnte ab. Ich habe vergeblich versucht, den Schweizer Behörden behilflich zu sein.
Weshalb lehnten die USA ab?
Das hat damit zu tun, dass die Tinners als Informanten für die CIA arbeiteten. Im Gegenzug bekamen sie Unterstützung von den USA zugesichert. Wie beurteilen Sie die Rolle der Tinners als CIA-Informanten?
Die Tinners waren keine Helden. Erst als sie realisierten, dass sie praktisch gefasst waren, kooperierten sie. Sie arbeiteten weniger lange und weniger intensiv mit der CIA zusammen, als gemeinhin angenommen wird. Dafür bekamen sie Geld und Straffreiheit zugesichert. Diese Zusammenarbeit mit der CIA macht ihre früheren, illegalen Handlungen nicht ungeschehen. Zudem haben die Tinners der CIA verschwiegen, dass sie Baupläne für kleine Atomsprengsätze besassen. Die USA erfuhren davon erst via IAEA.
Inwieweit war die IAEA bei der Vernichtung der Tinner-Akten involviert?
Die IAEA hat der Schweiz wohl gesagt, dass sie diese Dokumente nicht besitzen sollte. Sie hat die Schweiz aber nicht zur Zerstörung der Akten gezwungen.
Hat die IAEA alle Dokumente gesehen, bevor diese zerstört wurden?
Das kann ich nicht sagen.
Hat die Schweiz richtig gehandelt, als sie die Dokumente zerstörte?
Es wäre besser gewesen, wenn die Schweiz mit der Zerstörung bis nach dem Prozess zugewartet oder die Dokumente den USA ausgehändigt hätte. Viele Dokumente waren noch verschlüsselt, als sie vernichtet wurden. Die USA hätte die Fähigkeit gehabt, diese Unterlagen zu analysieren. Mich hat der Entscheid der Schweizer Regierung, die Akten einfach zu vernichten, überrascht. Zudem hat es mich überrascht, dass die Schweiz das im Geheimen tun wollte. So etwas lässt sich aber nicht geheim halten. Eigentlich steht es mir nicht an, die Aktenzerstörung zu bewerten. Aber ich befürchte, dass die Tinners deswegen straffrei ausgehen und das Gefängnis schon bald verlassen könnten. Dabei spielten sie eine äusserst wichtige Rolle im Atomschmuggel-Netz von A.Q.Khan. Das zeigt bereits der Umstand, dass sie über diese Baupläne verfügten.
Weshalb hat Ihrer Ansicht nach die Schweiz die Akten zerstört? Hat die CIA Druck ausgeübt?
Nein, das glaube ich nicht. Die Schweizer Regierung wollte die Unterlagen wohl los werden. Sie fühlte sich nicht wohl, diese Akten zu besitzen.
Bestehen laut Ihren Informationen Kopien der zerstörten Akten?
Ich gehe davon aus, dass die Schweiz den USA auf deren Ersuchen hin Kopien der Dokumente übergeben hat. Wie weit die Schweiz jedoch mit den USA kooperiert hat und wie viele Dokumente sie den USA ausgehändigt hat, weiss ich nicht. Die Schweizer Behörden haben vielleicht auch nicht vergessen, dass die USA 2003 nicht mit ihnen kooperiert haben.%perl>
ZUR PERSON: David Albright
Der Amerikaner David Albright gehört zu den führenden Atomwaffenexperten der Welt. Von 1992 bis 1997 arbeitete der Physiker und Mathematiker für die Internationale Atomenergieagentur IAEA. Dabei inspizierte er als Uno-Waffeninspektor das irakische Nuklearprogramm. Heute leitet Albright das Institute for Science and International Security in Washington.
Historiker gegen Aktenvernichtung
Die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte sowie der Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare protestieren gegen die vom Bundesrat angeordnete Aktenvernichtung im Fall Tinner. In einem offenen Brief an die Landesregierung weisen sie darauf hin, dass das Archivrecht genügend Möglichkeiten böte, um geheime Akten sicher zu archivieren und auch für künftige historische Forschung zu sichern. Die wissenschaftlichen Fachorganisationen bezeichnen die Vernichtung von Archivgut als «ungesetzlich» und fordern den Bundesrat auf, künftig davon abzusehen.
Tinners: Verdacht auf Atomschmuggel
Die Brüder Urs und Marco sowie Vater Friedrich Tinner sind des Atomschmuggels verdächtigt. Als Mitglieder des Netzwerks des Pakistani A. Q. Khan sollen sie entscheidend am Aufbau des libyschen Atomwaffenprogramms mitgewirkt haben. Vor allem Urs Tinner soll gleichzeitig als CIA-Informant tätig gewesen sein. 2003 flog das Programm auf. Seit 2004 und 2005 sitzen Urs und Marco Tinner in Untersuchungshaft. Im Herbst 2007 beschloss der Bundesrat, umfangreiches Aktenmaterial zum Fall Tinner vernichten zu lassen. Dieser Eingriff in ein Strafverfahren führte zu scharfer Kritik.




























