Neue Idee: Biosphäre am Gotthard
17. Juni 2008, 19:57 Von Helmut StalderDie Pläne für die Entwicklung des Gotthard-Raums haben die Landschaftsschützer alarmiert. Sie wollen ein Biosphärenreservat schaffen. Die vier Kantone sind offen, aber skeptisch.
Seit Uri, Graubünden, das Wallis und das Tessin mit ihrem Projekt San Gottardo das Gebiet um den Gotthard zu ihrem gemeinsamen Entwicklungsraum erkoren haben, ist vieles in Bewegung geraten: Der ägyptische Investor Samih Sawiris treibt sein Ferienresort in Andermatt (UR) voran, auf dem Gütsch sowie auf den Pässen Gotthard, Grimsel und Nufenen werden grosse Windparks geplant, viele weitere Tourismusprojekte sind unterwegs.
Zwar steht das meiste erst auf dem Papier. Gleichwohl hat die neue, von der Regionalpolitik des Bundes unterstützte Dynamik am Gotthard die Landschaftsschützer aufgeschreckt. Mit Sorge sehen die Stiftung für Landschaftsschutz (SL), andere Umweltverbände und auch Organisationen wie Mountain Wilderness die zahllosen Aktivitäten. Sie befürchten, dass die vielfältige, über Jahrhunderte gewachsene Natur- und Kulturlandschaft des Gotthards unter Druck kommt.
Nachhaltige Nutzung
Nun hat sich die Stiftung für Landschaftsschutz in die Debatte eingeschaltet. Mit einer neuen Idee: Sie schlägt vor, in der Gotthard-Region bis 2012 ein Biosphärenreservat einzurichten (TA von gestern). Die Region verfüge über einzigartige, intakte Natur- und Kulturlandschaften, die durch typische Siedlungsstrukturen und Bewirtschaftungsformen geprägt seien. Das vielfältige Gebiet vereine unterschiedliche Kulturen und Sprachen und sei reich an Geschichte und Mythen. «Diesen Reichtum mit einem Biosphärenreservat zu bewahren, ist eine grosse Chance», sagt Christine Neff, Projektleiterin bei SL.
Neff wendet sich damit gegen die Ansicht, die Gotthard-Region sei eine alpine Brache, die für eine touristische Intensivnutzung freigegeben werden solle. Projekte wie das Resort in Andermatt mit seinem Golfplatz und die Windkraftanlagen seien aus Sicht des Landschaftsschutzes nicht unproblematisch, denn sie veränderten den Raum tief greifend. «Zudem ziehen solche Projekte stets Folgewünsche nach sich, neue Strassen, neue Bahnen, neue Vergnügungsangebote», sagt Neff. Es drohe eine schnelle Veränderung einer landschaftlich, historisch und kulturell langsam gewachsenen Region zu einer beliebig austauschbaren Gegend.
Mit ihrer Konzeptskizze für eine «Biosphäre Gotthard» möchte die SL eine Grundsatzdiskussion über die Zukunft dieses Raums lancieren und Reflexionen über eine natur- und landschaftsverträgliche Entwicklung auslösen. An Stelle von «unternehmerischem Aktivismus», der sich in der Landschaft negativ und zufällig niederschlage, solle eine Lenkung treten, welche Natur und Landschaft «in Wert setzt», die vielen Einzelprojekte bündelt und die überregionale Kooperation fördert. Eine Biosphäre, an der vier Kantone und mehrere Regionen und Gemeinden beteiligt sind, gebe den idealen Rahmen, und das angestrebte Unesco-Label biete die Chance, die Natur- und Kulturlandschaften zu bewahren und aufzuwerten. Die Initianten gehen dabei von einem deutlich kleineren Gebiet aus, als es im Projekt San Gottardo als Entwicklungsraum definiert ist. Es soll jedoch die Nationalpärke Adula und Locarnese und den Naturpark Binntal ergänzen.
SL betont, dass es nicht um einen rigiden Schutz wie in einem Naturpark gehe, sondern darum, Schutz- und Nutzinteressen in Einklang zu bringen. «Das beinhaltet bewusste Verzichte auf gewisse Nutzungen», sagt Neff. Aber ein Biosphärenreservat soll auch zu einer nachhaltigen, regionalen Wirtschaftsentwicklung beitragen; Land- und Forstwirtschaft, Tourismus und Gastronomie, Handwerk und Gewerbe sollen den Bewohnern eine dauerhafte Existenzgrundlage bieten, ohne die landschaftliche Schönheit zu schmälern.
Vorbehalte bei den Kantonen
Die Verantwortlichen des Entwicklungsprojekts San Gottardo in den Kantonen zeigten sich auf Anfrage offen für die Idee. Zugleich äusserten sie jedoch auch Skepsis. «Es ist nicht so, dass wir die Tür zuschlagen», sagt Emil Kälin, der für Uri im Steuerungsausschuss von San Gottardo sitzt. Aber solche Pärke beinhalteten immer Nutzungseinschränkungen. Deshalb müsse man genau abwägen, sagt er. Ein Reservat stehe nicht im Fokus, glaubt auch der Walliser Projektdelegierte Werner Schnyder und betont, eine «Biosphäre Gotthard» stehe auch in Konkurrenz mit andern kantonalen Parkprojekten, die zum Teil weit gereift seien, etwa Adula, Binntal, Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn und das Projekt Uri/Nidwalden/Engelberg.
Ebenfalls vorsichtig äussert sich Jean-Daniel Mudry, der seit März als Projektleiter von San Gottardo die Aktivitäten koordiniert: «Wir sind interessiert an allen Projekten, die rund um den Gotthard entstehen. Aber man muss sich das gut überlegen. Schliesslich gehört der Mensch auch zur Biosphäre.» Die Trägerschaft des Ferienresorts in Andermatt wollte sich zunächst nicht dazu äussern.
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