Datenschützer stoppt Bewerten von Ärzten

30. Juni 2008, 22:16 – Von Christina Leutwyler

Auf der Internet-Site okdoc.ch können Patienten anonym ihren Arzt beurteilen. Das schliesst Verleumdungen nicht aus. Deshalb hat der Datenschutzbeauftragte interveniert.

Der Illnauer Allgemeinpraktiker Christoph Willi muss laut herauslachen, als er hört, was im Internet über ihn verbreitet wird. Er sei ein «Arzt mit Herz», kompetent und aufmerksam; bloss seine Praxis sei etwas düster und der Lesestoff langweilig. Das hat ein unbekannter «Kommenart» letzte Woche bei okdoc.ch eingetragen, einem Internet-Rating für Ärzte in der Schweiz.

Willi ist überrascht, dass seine Praxis als düster gelten soll. Vielleicht habe dies mit den derzeitigen Bauarbeiten hinter dem Haus zu tun, mutmasst er. Und obwohl er sonst gut wegkommt, findet er solch anonyme Bewertungen «sehr, sehr fragwürdig». Denn: «Ich muss reagieren können, wenn ich finde, jemand tue mir unrecht.»

Die Kommentare, die angebliche Patienten anonym eintragen, enthalten in der Tat zuweilen massive Anschuldigungen. Da wirft etwa jemand einem Zürcher Hals-, Nasen- und Ohrenarzt vor, er habe eine massive Entzündung des Rachens und der Lunge nicht erkannt. «Anonyme Hinweise sind nichts wert, und die Leute wissen das auch», sagt der Arzt zwar. Doch er überlegt sich auch, ob er rechtliche Schritte gegen die Firma ergreifen soll, die hinter okdoc.ch steht.

Rating «keineswegs zuverlässig»

Bereits gehandelt hat der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür. Nachdem sich die Waadtländer Ärztegesellschaft und Betroffene beschwert hatten, hat er das Internet-Rating überprüft. Es wurde dieses Jahr aufgeschaltet und umfasst bisher knapp 2700 Bewertungen von Ärzten und anderen Therapeuten.

«Unsere Abklärungen haben ergeben, dass die aufs Netz geschalteten Bewertungen keineswegs zuverlässig sind», sagte Thür heute an seiner Jahresmedienkonferenz. Es sei nicht einmal gewährleistet, dass die Bewertungen tatsächlich von Patienten abgegeben würden, die vom betreffenden Arzt behandelt worden seien. Es sei sogar möglich, dass ein Konkurrent einen Arzt absichtlich schlechtmache. «Solche Ratings öffnen der Diffamierung Tür und Tor», kritisierte Thür. Sie liessen sich deshalb nicht mit einem öffentlichen Interesse rechtfertigen.

Bewertungen sollen gelöscht werden

Thür hat der Lausanner Firma bonus.ch, die okdoc.ch verantwortet, letzte Woche eine Empfehlung geschickt: Sie soll alle bisher gesammelten Bewertungen löschen. Wenn sie das Rating weiterhin anbieten wolle, müsse sie zuerst die Einwilligung von allen betroffenen Ärzten einholen.

«Das lässt sich kaum machen», sagt Patrick Ducret, der Direktor von bonus.ch. Er will Thür jedoch in den kommenden drei Wochen Vorschläge machen, wie sich das Rating im Sinne des Datenschutzes verbessern liesse. Zentraler Punkt dabei ist die Anonymität. Ohne diese gehe es bei Zufriedenheitsumfragen nicht, da sich die Patienten sonst nicht frei äussern würden, sagt Ducret. Um die Möglichkeit von Missbräuchen einzuschränken, erwägt er nun aber, nur noch Patienten zum Rating zuzulassen, die sich bei okdoc.ch als Mitglieder einschreiben und dabei identifizieren. Dies schliesse allerdings nicht aus, dass sich jemand unter einer falschen Identität anmelde, räumt Ducret ein. Wenn die Mitglieder dazu bereit seien, könnten ihre Namen auch veröffentlicht oder zumindest dem Arzt mitgeteilt werden.

Falls Ducrets Vorschläge den Datenschutzbeauftragten nicht überzeugen, kann Thür den Fall vors Bundesverwaltungsgericht bringen. Wenn ein Verfahren mit einer Schliessung des Internet-Ratings enden würde, wäre das für die Firma laut Ducret kein grosser Verlust. Die Werbung aus dem Gesundheitsbereich decke bisher nur einen kleinen Teil der Entwicklungskosten. Das Geschäft macht bonus.ch, indem sie Krankenkassenprämien vergleicht und Interessierten Offerten von Krankenkassen vermittelt. Dafür erhält sie von den Versicherern ein Entgelt.

Dozenten wehren sich kaum

Es sei damit zu rechnen, dass anonyme Internet-Ratings in nächster Zeit aus dem Boden schiessen würden, sagte Thür. Er verwies namentlich auf meinprof.ch, wo Studierende ihre Hochschuldozenten bewerten. Bisher haben sie gut 1100 Dozenten benotet. Die Studierenden müssen sich einschreiben, wenn sie bei meinprof.ch mitmachen wollen. Sie können dabei aber einen «frei wählbaren Benutzernamen» angeben. Er habe in dieser Sache bisher zwei Schreiben von Betroffenen erhalten, sagt Thür. Diese hätten ihn aber nicht aufgefordert, gegen meinprof.ch vorzugehen: «Die Lehrer sind noch etwas ambivalent.»

Thür betont, er habe nicht grundsätzlich etwas gegen Internet-Ratings einzuwenden, wenn diese zuverlässig seien. Positive Beispiele sind für ihn die Internet-Verkaufsplattformen Ricardo und Ebay. Wer dort etwas kaufe oder verkaufe, könne nachschauen, wie sein Geschäftspartner von anderen Teilnehmern bewertet worden sei – und zwar von Leuten, die sich kenntlich gemacht hätten und deren Identität überprüft worden sei.

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