Schweiz

Gletschergemeinden schauen ohnmächtig zu

01. Juli 2008, 18:29 – Von Beat Bühlmann

Mit dem Gletscher-Rückzug geht nicht nur ein Sujet für Ansichtskarten verloren. Die Gefahr wächst, das Trinkwasser wird knapp. Die Gemeinden geben sich cool.

Tafeln entlang des Wanderweges zum Morteratschgletscher im Berninagebiet informieren über den Gletscherschwund in den letzten 100 Jahren.
Keystone Tafeln entlang des Wanderweges zum Morteratschgletscher im Berninagebiet informieren über den Gletscherschwund in den letzten 100 Jahren.

Innert eines Jahres hat der Untere Grindelwaldgletscher sieben Meter an Dicke verloren. «Das ist verheerend», sagt Kurt Amacher. «In meiner Schulzeit reichte dieser Gletscher noch bis in den Talboden, das ist längst vorbei», sagt der 60-jährige Bergführer und Rettungschef. Grindelwald, das «gastliche Gletscherdorf», droht sein Postkartensujet zu verlieren und will sein Standortmarketing nun vermehrt auf den Eiger ausrichten.

Die Schweizer Gletscher sind zwischen 1985 und 2000 um einen Fünftel geschrumpft. Das ist augenfällig, wie auch die Bilder vom Steingletscher am Susten zeigen. Und sie werden in den nächsten Jahrzehnten nochmals massiv zurückgehen (siehe Kasten). Was bedeutet das für die 131 Gemeinden, die einen Gletscher als natürliche Ressource nutzen? Oder ihn für den Tourismus vermarkten?

Gäste kommen trotzdem

Die Gemeinden sind kaum beunruhigt, wie eine Umfrage der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) zeigt. Nur 13 Prozent haben überhaupt Zukunftsszenarien entwickelt. «Die Gletscher werden in ihrer Bedeutung verkannt, das Handeln hat sich kaum verändert», resümiert SL-Projektleiterin Christine Neff das Ergebnis. Dennoch lassen sich drei Konflikte herauskristallisieren:

  • Wasserversorgung: Gletscher machen einen Sechstel der gespeicherten Wassers aus. Wenn sie schmelzen, droht langfristig ein Versorgungsengpass beim Trinkwasser und bei der Energie, befürchten die Gemeinden. Zudem rechnen sie mit Einnahmeausfällen bei den Wasserzinsen.
  • Landschaft: Gletscher sind der Inbegriff der unberührten Bergwelt. Für 40 Prozent der befragten Gemeinden sind sie deshalb ein wichtiger Teil des touristischen Angebots. Allerdings glaubt nur ein Fünftel der Fremdenorte, dass die Gäste wegen des Gletscherrückgangs ausbleiben könnten.
  • Naturgefahren: Der Rückzug der Gletscher erhöht das Gefahrenpotenzial, fast drei Viertel der Gemeinden erwarten eine Zunahme der Naturgefahren. Doch nur 22 Prozent glauben, dass sie wirksame Massnahmen gegen das Schmelzen der Gletscher treffen können.
Auch Graziella Walker Salzmann, Gemeindepräsidentin von Ried-Mörel, wirkt eher ratlos. «Die Gletscherschmelze ist ein globales Problem, dem wir ohnmächtig gegenüberstehen.» Sie spricht aus eigener Anschauung. Der Aletschgletscher, Teil des Unesco-Weltkulturerbes, geht jährlich um bis zu 30 Meter zurück. Für Wanderer wird der Einstieg auf den Gletscher immer schwieriger. Nächste Woche wird eine neue Hängebrücke mit einer Spannweite von 124 Metern eröffnet, um den Wanderweg zu sanieren. Und was ist in zwanzig Jahren? Der Aletschgletscher bleibe ein eindrückliches Naturphänomen, sagt die Gemeindepräsidentin, «auch als Mahnmal für den Rückzug der Gletscher».

Die Landschaft Davos macht sich keine grossen Sorgen. Für den Wintertourismus spiele der Gletscherschwund keine Rolle, weil die Skigebiete nicht tangiert seien, sagt Landschreiber Michael Straub. Schlimmer sei der auftauende Permafrost, der sich verdeckt abspiele. Am Piz Grialetsch sei zwar das Schwinden des ewigen Eises von Davos aus zu sehen, doch spiele der Gletscher im Landschaftsbild nur eine Nebenrolle. Sollte er ganz verschwinden, sei das «kein erheblicher Verlust». Auch Martha Bächler, die Frau Talammann von Engelberg, ist keineswegs beunruhigt. «Der Gast wird nichts davon merken.»

See ob Grindelwald ausgelaufen

Doch der Gletscherschwund beeinträchtigt nicht nur das Landschaftsbild. Er schafft auch neue Naturgefahren. «Wenn sich der Gletscher zurückzieht, werden die Seitenmoränen instabil, und es kommt öfters zu Murgängen», erklärt der Grindelwaldner Rettungschef Kurt Amacher. Besonders gefährlich seien die neuen Stauseen.

So ist Ende Mai ob Grindelwald ein See mit 800'000 Kubik Wasser innert drei Stunden ausgelaufen. «Das Wasser kam plötzlich und hätte Wanderer gefährden können», sagt der Rettungschef. Beunruhigend sei, dass die Experten grössere Stauwasser ankündigten. «Sie reden von Seen mit bis zu 10 Millionen Kubik Wasser.» Die Gemeinde könne allenfalls Staumauern bauen oder das Wasser abpumpen. «Doch wie sollen wir beim Klimawandel Gegensteuer geben?», fragt Amacher.

Für einen «Aktionsplan Gletscher»

Die Gemeinden würden den Rückgang der Gletscher weitgehend fatalistisch hinnehmen, wundert sich SL-Projektleiterin Christine Neff. Allerdings hat auch die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz keine Patentrezepte gegen Klimawandel und Gletscherschwund. Sie regt an, die Umweltbildung zum Phänomen Gletscher und Klimawandel zu verstärken, die Gletschergemeinden in einem Netzwerk zusammenzuführen und mit einen «Aktionsplan Gletscher und Klima» für mehr politischen Druck zu sorgen. «Nur wenn die Gemeinden ihre Interessen bündeln, können sie die Bevölkerung für die Gefahren des Gletschschwunds sensibilisieren.»

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