Schweiz

Seine Welt ist die Bahn – nicht der Paradeplatz

02. Juli 2008, 21:29 – Von Hannes Nussbaumer

Erfolgreich als Bahn-Industrieller, erfolglos als UBS-Verwaltungsrat, dazu eine SVP-Schlüsselfigur: Peter Spuhler eilt von Schlagzeile zu Schlagzeile. Wer ist dieser Mann?

Peter Spuhler: «Wir haben in der SVP einen Generationenwechsel vollzogen.»
Keystone Peter Spuhler: «Wir haben in der SVP einen Generationenwechsel vollzogen.»

Am Montag wurde bekannt, dass die Stadler Rail die SBB mit 50 Doppelstock-S-Bahn-Zügen beliefern kann. Ein Grosserfolg für den Thurgauer Industriellen Peter Spuhler: Trotz starker Konkurrenz konnte sich sein Schienenfahrzeug-Unternehmen einen Milliardenauftrag sichern.

Nach dem Hoch der Tiefschlag: Gestern sackte der Kurs der UBS-Aktie auf unter zwanzig Franken ab. Es war der Tag, an dem bekannt wurde, dass Peter Spuhler und drei weitere UBS-Verwaltungsräte ihre Sessel räumen.

Doch schon übermorgen könne ein neues Hoch folgen – dieses Mal nicht für den Industriellen Spuhler, sondern für SVP-Nationalrat Spuhler: Die SVP-Parteileitung empfiehlt den Delegierten, auf das Referendum gegen die Personenfreizügigkeit mit der EU zu verzichten; am Samstag wird entschieden. Kommt es zum Verzicht, wäre dies Spuhlers Triumph. Er hat sich stets gegen das Referendum gestellt – im Gegensatz zu Parteipräsident Toni Brunner und Vize Christoph Blocher. Letztere waren ursprünglich zum Referendum entschlossen, treten jetzt aber für den Verzicht ein. Was offiziell dementiert wird, wird inoffiziell bestätigt: Brunner und Blocher gingen vor Spuhler in die Knie.

Eine schwarze oder eine sonnige Woche? Gerne hätte man von Spuhler selbst eine Antwort erhalten. Doch der Unternehmer-Politiker ist im In- und Ausland unterwegs – mit einem Programm, so dicht, dass kein Gespräch möglich sei, beschied der Sprecher von Stadler Rail.

Industrieller, kein Finanzspezialist

Wer ist dieser Mann, der gleichzeitig auf drei Bühnen für Schlagzeilen sorgt? Geboren vor 49 Jahren im spanischen Sevilla als Sohn eines Kochs, aufgewachsen in Zürich, ausgebildet an der Uni St. Gallen, wohnhaft im Thurgau, einst NLB-Eishockeyspieler, heute Vater zweier Kinder aus erster Ehe; im Oktober folgt – aus zweiter Ehe – ein weiteres. 1999 wurde Spuhler für die Thurgauer SVP in den Nationalrat gewählt. 2004 erfolgte die Wahl in den UBS-Verwaltungsrat.

Auf Letztere würde er aus heutiger Sicht wohl gerne verzichten. Als Verwaltungsrat ist Spuhler mitverantwortlich für die aktuelle Krise der Bank. Sie ist der Tintenfleck in seiner Berufsbiografie. Dabei hat Peter Spuhler nie verhehlt, dass er kein Bankenfachmann sei. Er verschwieg auch nicht, was dieser Umstand bedeutete: Weil er selber nicht aus dem Finanzbereich komme, sei er für seine Meinungsbildung auf die Analysen des Managements angewiesen, erklärte Spuhler im Februar der «Thurgauer Zeitung». Mit anderen Worten: Spuhler musste mangels Fachwissen den Managern glauben. Dabei hätte er sie kraft seines Amtes eigentlich beaufsichtigen sollen. Das mag in guten Zeiten gehen, rächt sich in stürmischen aber oft.

Immerhin hatte Spuhler Glück im Unglück: Dank der positiven Stadler-Rail-Schlagzeile vom Vortag warf die negative UBS-Nachricht etwas weniger Schatten. P<> Zumal: Positive Schlagzeilen gehören bei Stadler Rail, wo Spuhler als Chef, Verwaltungsratspräsident und Eigentümer eines 75-Prozent-Aktienpakets alle Fäden in der Hand hält, quasi zur Routine. Das Unternehmen verbucht Erfolg um Erfolg. Die Schweiz, Deutschland, Holland, Italien oder Polen sind nur einige der Länder, die Stadler Rail mit Rollmaterial beliefert. Der SBB-Auftrag wird dafür sorgen, dass der Höhenflug des Unternehmens weitergeht. 2007 erwirtschaftete Stadler Rail mit 2500 Mitarbeitenden erstmals einen Umsatz von über 1 Milliarde Franken. Als Spuhler die Firma 1989 übernahm, erzielten 18 Mitarbeitende 4,5 Millionen Umsatz.

Parlamentarisches Netz als Trumpf

Spuhlers Erfolgsgeheimnis? Er habe exquisite Mitarbeitende, sagt der Direktor der Thurgauer Industrie- und Handelskammer, Peter Maag. Spuhler habe das Verhängnis anderer genutzt: Auf den ratenweisen Abbau der Schienenverkehrs-Bereiche in den Traditionsfirmen SIG, Sulzer und Schindler reagierte Spuhler, indem er dort die besten Leute holte. Mit der Folge, dass seine eigene Firma nicht nur immer besser, sondern – entgegen dem Trend in der Branche – auch immer grösser wurde.

Ausserdem: Spuhler wisse Geschäftliches und Politisches optimal zu verbinden, sagt Hansueli Raggenbass, einst Thurgauer CVP-Nationalrat, heute Präsident des Bankrats der Nationalbank. Wer Mitglied eines nationalen Parlaments sei, habe bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen einen Startvorteil, weil er leichter und rascher von den entscheidenden Stellen empfangen werde – das gelte bei Vergaben im eigenen Land genauso wie bei solchen im Ausland. Von Filz will Raggenbass freilich nicht sprechen: «Am Ende zählt nur die Leistung.» Stimme die Leistung nicht, helfe auch das politische Mandat nichts.

Doch was, wenn zwei Anbieter gleich gute Leistungen anbieten? Wird Spuhlers parlamentarisches Beziehungsnetz dann zum entscheidenden Trumpf? André Daguet, SP-Nationalrat und Unia-Gewerkschaftsfunktionär, relativiert. Bei Grossaufträgen würden alle alles unternehmen, um den Zuschlag zu bekommen. Lobbyisten werden eingesetzt, Beziehungen gepflegt. «Es ist gewiss nicht so, dass Nationalrat Spuhler als Einziger seine Kontakte spielen lässt und die andern mit den Händen im Schoss auf den Entscheid warten.»

Den Gewerkschaften sei Dank

Seine Leistungen für den Werkplatz Schweiz, sein Engagement für die Personenfreizügigkeit sowie sein punktuelles (allerdings immer reichlich wattiertes) Kräftemessen mit Christoph Blocher haben Peter Spuhler auch auf der linken Seite Respekt verschafft. Was nichts an der rechtsbürgerlichen Gesinnung des Thurgauer Politikers ändert. Von Gewerkschaften hält er wenig; jahrelang weigerte er sich, für sein Unternehmen einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) abzuschliessen.

Umso bemerkenswerter, dass er den SBB-Grossauftrag womöglich auch deswegen kriegte, weil er rechtzeitig auf die Gewerkschaftsspitze gehört hatte. Diese drohte, es gebe keine öffentlichen Aufträge mehr für die Stadler Rail, wenn Spuhler sich weiterhin weigere, einen GAV abzuschliessen. Also begann Spuhler im Jahr 2000 mit Daguet zu verhandeln – mit Erfolg. Heute sagt Daguet: Hätte die Stadler Rail noch immer keinen GAV, hätte sie die Zusage nicht bekommen. «Es ist undenkbar, dass ein solcher Auftrag an ein Unternehmen ohne GAV gehen könnte.» P<> Spuhler hat ein feines Gespür, wie weit er gehen darf – ob gegenüber den Gewerkschaften, ob gegenüber seinen SVP-Kontrahenten, ob im Geschäftsalltag. Nur einmal scheint ihn das Gespür verlassen zu haben: Als er Ja zur UBS-Berufung sagte.

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