Der Spiessrutenlauf Leuthards in Russland

12. Juli 2008, 20:24

Vor dem Rückflug aus Russland mit einer Swiss-Maschine musste Bundesrätin Doris Leuthard bei der Sicherheitskontrolle in St. Petersburg einiges über sich ergehen lassen.

Von Johannes Brinkmann

Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen von St. Petersburg wurde die Schweizer Wirtschaftsministerin zum Ausziehen ihrer Schuhe gezwungen. Leuthard weigerte sich zunächst und ging mit ihren Schuhen durch die Metallerkennungsschleuse. Doch der Schrank von russischem Sicherheitsbeamten liess die Wirtschaftsministerin auf ihrem Weg zum Flugzeug nicht weiter.

Alles intervenieren nützte nichts

Der Schweizer Botschafter Erwin Hofer intervenierte energisch mit hochrotem Kopf. Auch ABB-Manager Richard Friedl, der Schweizer Wirtschaftsminister oft auf ihren Missionen begleitet, schaltete sich lautstark ein.

Übersetzerinnen versuchten den Beamten klarzumachen, dass sie eine Regierungsmitglied vor sich hätten. Botschaftsangestellte telefonierten mit dem Handy, um Vorgesetze der russischen Sicherheitsleute zu erreichen. Auch der Pilot der Swiss-Maschine kam gelaufen, weil er mittlerweile seine Startzeit verpasst hatte.

Körper auch noch abgetastet

Nichts half. Alles prallte an dem bulligen Uniformierten ab, der eine gelangweilte Apparatschik-Mine aufsetze, die in einem Hollywood-Film als übertriebenes Sowjet-Klischee aufgefasst würde.

Schliesslich gab Leuthard nach: Wie alle anderen Mitglieder der rund 20-köpfigen Schweizer Wirtschaftsdelegation legte sie ihre halboffenen Schuhe aufs Band der Durchleuchtungsmaschine und schritt durch die Metallerkennungsschleuse. Auf der anderen Seite musste sie sich noch von einer russischen Sicherheitsbeamtin abtasten lassen.

Protestbrief nach Moskau folgt

Mit rund 20 Minuten Verspätung konnte die Swiss-Maschine abheben. Das sei das erste Mal als Bundesrätin, dass ihr so etwas passiert sei, sagte Leuthard der Nachrichtenagentur SDA. Auf den Vorfall werde die Schweiz mit einem Protestbrief reagieren. Denn für Regierungsmitglieder gälten die speziellen Regeln der diplomatischen Immunität.

Allerdings ist Leuthard kein Einzelfall. Auch ihr Vorgänger Joseph Deiss habe schon Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen müssen, sagte eine langjährige Diplomatin im Gespräch.

Nicht der Einzige Affront

Ein ehemaliger Schweizer Botschafter in Russland meinte, dass die Sicherheitsleute wohl nicht aus Absicht, sondern aus schlichter Inkompetenz den Affront verursacht hätten: «Da stehen halt fünf oder sechs Uniformierte herum und keiner hat ohne Erlaubnis eines Vorgesetzten die Kompetenz, das vorgeschriebene Sicherheitsverfahren zu ändern.»

Der Vorfall in St. Petersburg war nicht der einzige Misston auf Leuthards Russland-Reise: Bereits am Vortag war der Gouverneur der Region Leningrad für die Schweizer Wirtschaftsministerin nicht zu sprechen.

An seiner Stelle erschien Stellvertreter Grigori Dwas, der seinen Chef Valery Serdjukow damit entschuldigte, dass er kurzfristig nach Moskau zu einer Regierungssitzung abberufen worden sei. Die Schweizer Seite war erst unmittelbar vor dem Treffen über Serdjukows Abwesenheit informiert worden.

Kommunistenmentalität

Überhaupt war auf Leuthards Reise überall bei den russischen Beamten und Wirtschaftsvertretern, die älter sind als 40, die Kommunistenmentalität zu spüren. Ihre Reden waren ein endloses Ablesen von Steigerungsraten in Prozent.

«Unsere Beziehungen haben sich ausgezeichnet entwickelt: Das gegenseitige Handelsvolumen wurde um ... Prozent gesteigert. Die Exporte stiegen um ... Prozent, die ausländischen Direktinvestitionen um ... Prozent...», wie beim Vorlesen der so genannten Erfolge des Fünf-Jahresplans an den Kongressen der Kommunistischen Partei.

Nur die Grussadressen der Bruderstaaten blieben aus. Die auf Effizienz getrimmten Schweizer Manager vertrieben sich derweil mit ihren Blackberrys die Langeweile. Kein Wunder: Ein russischer Unternehmensvertreter war so mitreissend, dass er sogar aufs Blatt sehen musste, um verkünden zu können, seine Rede sei jetzt beendet.

Schweiz

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

Umfrage

Soll in der Deutschschweiz mehr Hochdeutsch gesprochen werden?

zur Story...

Ja, der nationale Zusammenhalt verlangt dies

Im Gegenteil, die Mundart sollte mehr gefördert werden

Die Balance zwischen Dialekt und Hochdeutsch ist zurzeit genau richtig


Lernpower

Die Top-Themen im

Neu: Alle Dossiers auf einen Blick

Schandflecken oder Denkmäler?

Thomas Minders Kampf gegen die Abzocker

Die Libyen-Affäre




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten