Schweiz

«Die Rückfallgefahr ist hoch»

22. Juli 2008, 20:45

Die meisten Stalker haben in der Kindheit an Zurückweisung gelitten, sagt der Experte Jens Hoffmann. Eine Minderheit betreibe das Stalking als Spiel.

Mit Jens Hoffmann* sprach Martina Frei

Zeichnen sich Menschen, die der Geliebten nach einer Trennung nachstellen, durch typische Charakterzüge aus?

Es gibt keinen «Prototyp» des Stalkers. Häufig sind es aber Menschen, die isoliert sind oder Schwierigkeiten haben, soziale Kontakte zu knüpfen. Auch narzisstisch veranlagte Typen, die glauben, sie hätten einen Anspruch auf die geliebte Person, neigen zum Stalking. Das Auffallendste aber ist, dass die meisten Stalker schon mehrfach im Leben anderen Personen nachgestellt haben. Sie können nicht gut mit Zurückweisungen umgehen. Zurückgewiesen zu werden, tut jedem Menschen weh. Bei Stalkern äussern sich die Wut und die Verzweiflung besonders stark.

Wo liegen die hauptsächlichen Gründe für dieses Verhalten?

Stalking ist keine Krankheit, sondern meist das Symptom einer frühen Bindungsstörung. Die Stalking-Opfer glauben, es gehe um sie. Aber der Stalker projiziert «nur» lange zurückliegende Kränkungen auf sie.

Sie meinen Zurückweisungen, die er in der frühen Kindheit erfahren hat?

Ja. Wir haben einen angeborenen Bindungs- und Betreuungsreflex, wenn wir einen Säugling sehen. Die Kinder ihrerseits versuchen, etwa mit Blicken oder einem Lächeln, die Aufmerksamkeit der Betreuungspersonen zu bekommen. Wird ihnen diese versagt, protestieren sie. Stalker zeigen genau das gleiche Verhalten. Wir wissen aus Befragungen, dass sie in ihrer frühen Lebensgeschichte häufig kühl zurückgewiesen worden sind.

Viele Stalker sehen in ihrem Tun gar nichts Unrechtes.

Das stimmt. Stalker sind fest davon überzeugt, dass sie nicht Täter, sondern Opfer sind. Die Betroffenen beschweren sich oft sogar bei uns, dass sie als Stalker bezeichnet werden. Diese Realitätsverzerrung ist beeindruckend. Sie hängt damit zusammen, dass ihnen eine frühe, grundlegende und lebenswichtige Erfahrung in Beziehungen fehlt. Kommt die Bezugsperson wieder? Freut sich der andere, dass es mich gibt? Werde ich getröstet, wenn es mir schlecht geht? Solche Dinge erfahren Kinder in der Beziehung zu den Eltern. Und das dient als Blaupause für alle weiteren Beziehungen. Stalker haben an diesem Punkt eine Wunde. Es wäre sehr schmerzhaft für sie, sich daran zu erinnern. Die Realitätsverzerrung schützt sie vor dem Wiedererleben dieses Schmerzes, den sie als Kind erfahren haben. Das wirkt wie eine Mauer.

Wie gross ist die Rückfallgefahr bei Stalkern?

Sie ist sehr hoch. Wenn der Betreffende erneut in eine ähnliche Beziehungssituation gerät, tritt das Verhalten oft wieder auf.

Gibt es auch andere Typen von Stalkern?

Ja, etwa 10 bis 15 Prozent bezeichnet man als so genannte «psychopathische Stalker». Ihnen geht es um Macht und Kontrolle. Sie sind sehr kühl und haben nicht diese Verletzung und Verzweiflung erfahren, wie sie die anderen Stalker erlebt haben. Für sie ist das Stalking ein Spiel, ein gezielter Psychoterror. Psychopathische Stalker sind auf ihren Vorteil bedacht und sehr manipulativ, können dabei aber sehr charmant und kommunikativ auftreten. Sie haben eine gewisse Form der Rücksichtslosigkeit, die jedoch hinter einer Fassade von gutem Auftreten verborgen sein kann.

Wie häufig ist Stalking?

Für die Schweiz gibt es meines Wissens noch keine umfassende repräsentative Erhebung. Aus den USA wissen wir, dass zwei Prozent aller Männer und acht Prozent der Frauen Opfer von schwerem Stalking werden.

Was gilt als «schweres Stalking»?

Wenn man Angst bekommt um das eigene Leben oder das von nahestehenden Personen.

Warum sind Frauen häufiger Opfer von Stalking?

Wenn man auch leichtes Stalking miteinbezieht, sind beide Geschlechter gleich häufig betroffen. Je schwerer das Stalking wird, desto grösser ist der Männeranteil bei den Stalkern. Männer verletzen Grenzen eher offensiv und aggressiv, um ein Problem zu lösen.

Im aktuellen Fall soll der Armeechef Sex suchenden Männern die Adresse seiner Ex-Freundin mitgeteilt haben.

Das ist eine Strategie, die wir leider regelmässig sehen. In gut 60 Prozent der Fälle kippt das Stalking in Rache und Psychoterror um. Dann kommt es zur Rufschädigung, oder es werden zum Beispiel Sexinserate mit der Privatadresse des Opfers geschaltet. Solche Bösartigkeiten passieren meist, wenn der Täter merkt, dass es mit der Beziehung nichts mehr wird.

Ist die Gefahr für das Opfer grösser, wenn ein Stalker eine Waffe hat?

Wenn jemand Zugang zu Waffen hat, heisst das nicht automatisch, dass auch seine Gewalttätigkeit höher ist. Diese lässt sich besser abschätzen, wenn man seine SMS und anderen Botschaften analysiert: Schreibt der Absender dort zum Beispiel plötzlich, er wolle sein Opfer vernichten, kann das einen Hinweis für eine stärkere Bedrohung liefern. Die Risikoabschätzung kann man nur individuell machen.

Wie erleben Stalking-Opfer die Situation?

Für die meisten ist Stalking ein extrem belastendes Ereignis. Über 90 Prozent haben Angst. In unserer Studie haben wir festgestellt, dass etwa 60 Prozent der Opfer Symptome einer post-traumatischen Belastungsstörung entwickelten.

Wie oft kommt es zu tätlichen Angriffen?

In zirka 20 Prozent der Fälle ohrfeigen die Täter ihre früheren Partner, treten sie oder wenden sonst körperliche Gewalt an.

Was raten Sie Stalking-Opfern?

Wichtig ist, dass man früh und offensiv Grenzen ziehen sollte, und dass die Behörden wirksam einschreiten. In Deutschland kommt es leider immer noch oft vor, dass die Polizisten zum Stalker gehen und das Verhalten gar nicht so schlimm finden. Wenn man mit Stalkern spricht, tun sie einem oft leid. Dadurch fühlt sich der Stalker eher noch bestärkt. Schlecht ist auch, wenn die Polizisten dem Stalker für den Fall, dass er weitermacht, eine Strafe androhen und sie dann nicht verhängen. Das macht den Stalker noch stärker.

Einige Unternehmensberater zweifeln die Eignung eines Armeechefs an, der seine Ex-Freundin so stark bedrängt hat.

Zu diesem aktuellen Fall kann ich mich nicht äussern, weil ich ihn zu wenig kenne. Generell aber sind Stalker keine Monster. Ihr Problem ist oft auf das Thema Trennung und Zurückweisung beschränkt. In anderen Bereichen fallen sie nicht auf. Allerdings können sie, wenn es um Beziehung und Trennung geht, vieles aufs Spiel setzen, weil es für sie eine so hohe Bedeutung hat. Wenn Stalker keine Therapie machen, kann in diesem Bereich immer wieder etwas passieren. Ohne Therapie ist die Rückfallquote sehr hoch.

Kann man Stalker therapieren?

Das Problem ist, dass die Betreffenden die Notwendigkeit einer Therapie oft nicht einsehen. Wichtig ist, dass es einen Vertrag und Auflagen gibt. Setzt der Stalker sein Verhalten fort, muss er Sanktionen spüren.

Und wie heilt man die lange zurückliegende Kränkung?

Die Stalker müssen lernen, sowohl die Perspektive des Opfers einzunehmen, als auch, an ihr eigenes Leid heranzukommen. Das ist schmerzhaft und dauert erfahrungsgemäss mindestens ein Jahr.

*Jens Hoffmann leitet das Institut für Psychologie & Sicherheit in Darmstadt. Hoffmann gilt im deutschsprachigen Raum als eine der führenden Fachpersonen zum Thema Stalking. www.institut-psychologie-sicherheit.de

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