«Wir wollen keine Moslemschulen»
30. Juli 2008, 19:53 Von Philipp MäderNationalrätin Kathy Riklin lehnt die freie Schulwahl ab. Doch die CVP will gegen den Willen ihrer bildungspolitischen Leaderin drei Varianten zur Diskussion stellen.
Sollen die Eltern frei wählen können, in welches Schulhaus sie ihre Kinder schicken - auch ausserhalb des eigenen Quartiers? Und soll der Staat mit so genannten Bildungsgutscheinen die Schulkosten übernehmen, falls die Eltern eine Privatschule aussuchen?
Diese Fragen sorgen für heisse Diskussionen, seit der Verein Elternlobby unter anderem im Kanton Zürich eine entsprechende Volksinitiative lanciert hat. Die SP lehnt die freie Schulwahl nach heftigen Auseinandersetzungen ab, während die FDP diese lediglich bei öffentlichen Schulen zulassen will - ohne Privatschulen mitzufinanzieren. Am Montag stellt auch die CVP ihr Konzept für die Volksschule vor. Die Zürcher CVP-Nationalrätin Kathy Riklin leitet die zuständige Arbeitsgruppe.
Frau Riklin, unterstützt die CVP die freie Schulwahl?
Das ist eine so wichtige Frage, dass wir sie parteiintern diskutieren wollen. Zuerst mit dem Vorstand und dann Ende August an der Delegiertenversammlung.
Die CVP lässt in ihrem neuen Positionspapier die Frage bewusst offen. Die Delegierten sollen aus drei Varianten für und gegen die Schulwahl auswählen. Wäre es nicht besser, die Parteileitung hätte klar Position bezogen?
Das finde ich auch. Man muss aber sehen, dass es in katholischen Kreisen eine grosse Tradition von religiösen Internaten und Schulen gibt. Viele CVP-Wähler denken deshalb, dass eine freie Schulwahl diesen Institutionen helfen würde. Das ist aber eine Illusion. Denn religiöse und andere private Schulen wollen wir in jedem Fall von der freien Schulwahl ausnehmen. Wir wollen kein Geld von öffentlichen zu privaten Schulen umverteilen.
Weshalb? Die CVP als traditionell katholische Partei müsste doch ein Interesse haben, dass katholische Internate überleben.
Das haben wir. Es gibt jedoch die Angst vor anderen religiösen Schulen. Wir wollen keine Moslemschulen in der Schweiz.
Damit stirbt auch die freie Schulwahl.
Ja. Was die Elternlobby mit ihren Volksinitiativen will - zum Beispiel Rudolf-Steiner-Schulen für alle finanzieren - ist damit nicht möglich. Man hätte dann nur die freie Wahl unter den öffentlichen Schulen.
Fänden Sie das sinnvoll?
Wenn es über die Quartiergrenze hinaus geht, halte ich die freie Schulwahl nicht für sinnvoll. Dann müsste man die Kinder über grössere Distanzen chauffieren. Das ist ökologisch widersinnig. Und Schulklassen sind irgendwann voll.
Heute sind Kinder aus Arbeiter- und Ausländerquartieren benachteiligt, weil ihre Schulen weniger bieten als jene in reichen Quartieren.
Diese Segregation muss man mit raumplanerischen Mitteln bekämpfen. In Milwaukee und Chile, wo es die freie Schulwahl gab, wurde die Segregation gar noch verstärkt.
Eine OECD-Studie zeigt das Gegenteil: Bei freier Schulwahl hat die soziale Herkunft eines Kinders weniger Einfluss auf dessen Leistung.
Das funktioniert nur, wenn die Eltern ihre Kinder in eine andere Schule schicken. Gerade bei Eltern aus bildungsfernen Schichten fehlt dieses Bewusstsein aber. Ihre Kinder wären dann erst recht benachteiligt.
Sie haben bis vor kurzem als Gymnasiallehrerin gearbeitet. Fürchten sich die schlechten Lehrer nicht einfach vor der Konkurrenz?
Schlechte Lehrer muss man motivieren oder entlassen. Ich stelle das Interesse des Kindes in den Vordergrund: Es will im eigenen Quartier zu Fuss in die Schule gehen können und dort auch seine Gschpänli haben. In meiner Kindheit am Zürichberg gab es auch ein Mädchen, das in die Rudolf-Steiner-Schule ging. Es war völlig isoliert.
Denken Sie, die CVP-Delegierten überzeugen zu können?
Ich bin guter Dinge.
Die CVP verlangt im neuen Konzept, dass auch muslimische Mädchen in den Schwimmunterricht müssen. Weshalb?
Im Modell Schweiz sollen alle gleich sein. Es gibt nicht nur muslimische Mädchen, die im Schwimmunterricht fehlen. Andere Eltern schieben bei Schulreisen und -lagern gesundheitliche Gründe vor. Wir müssen wieder zeigen, dass wir eine Gemeinschaft sind. Wenn wir das in der Schule nicht fertigbringen, gelingt es in der Willensnation Schweiz erst recht nicht.
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