Hochfest der Heidi-Schweiz in Berlin

01. August 2008, 22:20 – Von Sascha Buchbinder

Eveline Widmer-Schlumpf in Berlin: Die Justizministerin meint, dass für die Schweiz die Zusammenarbeit mit den Nachbarn heute wieder besser möglich sei.

Die Bünder Regierungsräte Hansjörg Trachsel und Martin Schmid sowie Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf posieren zusammen mit dem Geissenpeter und Heidi vor dem Brandenburger Tor.
Keystone Die Bünder Regierungsräte Hansjörg Trachsel und Martin Schmid sowie Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf posieren zusammen mit dem Geissenpeter und Heidi vor dem Brandenburger Tor.

Das Thema ist zwar nicht feierlich, nicht 1.-August-tauglich. Trotzdem: Deutschland kennt seit letztem Jahr ein Anti-Stalking-Gesetz. Nachstellen, Telefonterror und dergleichen wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Entstanden ist das Gesetz unter Federführung der deutschen Justizministern, Brigitte Zypries (SPD). Wenn also Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) am 1. August in Berlin ihre deutsche Kollegin trifft - dient dann das Gespräch der Weiterbildung aus aktuellem Anlass? «Man kann durchaus prüfen, ob ein Stalking-Gesetz etwas Sinnvolles ist.»

Widmer-Schlumpf zeigt sich aufgeschlossen und bestätigt auch: «Das sind Diskussionen, die möglicherweise aus Frauenoptik etwas anders diskutiert werden als aus Männeroptik.» Entschieden ist aber noch nichts. Denn zugleich meint die Bundesrätin: «Ich wehre mich dagegen, dass man sofort nach einem Spezialgesetz ruft, wenn man einmal einen Fall hat, der so öffentlich wird wie der von Herrn Nef.»

Konzert, Armenspeisung, Party

Eigentlich will sie nicht über den Fall Nef reden. Eigentlich ist die Bundesrätin in Berlin, weil ihr Heimatkanton Graubünden Gastkanton der 1.-August-Feier ist. Widmer-Schlumpf hatte den Anlass schon in ihrer Agenda eingetragen, als sie noch Bündner Regierungsrätin war. Seit 2000 wird der 1. August in Berlin gross gefeiert. Allein Graubünden lässt sich den Anlass 800'000 Franken kosten - und ist nur einer von sechs Hauptsponsoren.

Fest steht, dass der Anlass wächst. Dieses Jahr begann die Feier am Vorabend, im «Radialsystem V», einem trendigen neuen Ort der Off-Kultur. Daniel Schnyder begeisterte mit Sax-Klängen aus einer Welt zwischen Jazz und Kammermusik. Der Moskauer Arkady Shilkloper steuerte mit virtuosem Spiel auf einem Karbonfaser-Alphorn die patriotische Komponente bei. Und Endo Anaconda von Stiller Has machte die Berliner mit Berner Mundart vertraut, indem er seinen Songs deutsche Übersetzungen voran stellte. «Schweizgenössisch» nannte sich der Anlass und diente als Werbung für 2009, wenn hier eine ganze Woche lang Schweizer Kultur zu Gast sein wird.

Am Mittag des 1. August wurden 300 Geissen, eigens aus Graubünden herbeigeschafft, durch das Brandenburger Tor getrieben. Anschliessend gab es Bündner Spezialitäten umsonst. Jedes Jahr wirbt ein Gastkanton mit Gratisverpflegung. In Berlin, wo jeder Sechste von Harz IV lebt - also weniger als sieben Franken täglich für Lebensmittel ausgeben kann - ist das ein sicherer Magnet. 33 Grad zeigte das Thermometer im Schatten, und trotzdem bildeten sich lange Schlangen vor den Getränke- und Essensausgaben.

Das eigentliche Fest ist dagegen ein exklusiver Anlass. Am Abend lädt die Botschaft gut 1000 Gäste zur gediegenen Feier. Hier werden jene Kontakte zwischen Politik und Wirtschaft beider Länder geknüpft, die den Anlass für die Gastkantone so interessant machen. Hilfreich dürfte dabei sein, dass die Schweiz nicht mehr mit Rechtspopulismus und Schwarzen Schafen in Verbindung gebracht wird.

Verneigung vor Friedrich Schiller

Den Wandel, den sie selbst verkörpert, beschreibt Widmer-Schlumpf als neue Tonalität: «Es werden jetzt auch wieder jene gehört, die bereit sind, mit unseren Nachbarn zusammenzuarbeiten und die bereit sind, Probleme gemeinsam zu lösen.» Das Ausland nehme diese Öffnung interessiert zur Kenntnis, fasst die Bundesrätin im Gespräch ihre Eindrücke zusammen.

Die kurze, spritzige Begrüssungsrede Widmer-Schlumpfs bei der Feier in der Schweizer Botschaft war dann eine Verbeugung vor Friedrich Schiller als dem Dichter, dem die Schweiz ihren Gründungsmythos zu verdanken hat, der aber als Kosmopolit «kaum diese schlichte Absicht verfolgte», weil seine Philosophie dazu zu weltoffen war.

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