Ticketbetrug in grossem Stil bei Olympia
06. August 2008, 18:51 Von René StaubliEin Zürcher Architekt kaufte im Internet Olympiatickets - und sass internationalen Betrügern auf. Ein schwacher Trost: Fans aus aller Welt sind offenbar in dieselbe Falle getappt.
Peter Kuster* ist ein China-Kenner. Er hat das Land schon oft bereist und lernt seit sieben Jahren Mandarin. Auch diesen Sommer wollte er im Reich der Mitte Ferien machen - und einen guten Freund in Peking mit Tickets für die Olympischen Spiele überraschen. Die Abreise plante er für diesen Freitag.
Wie in solchen Fällen üblich suchte Kuster im Internet nach Anbietern und stiess Anfang August auf beijingticketing.com, eine attraktiv aufgemachte Seite mit offiziellem Olympiaemblem (siehe Abbildung). Angeboten wurden Tickets zu vernünftigen Preisen für die an sich ausverkauften Spiele.
Der Architekt interessierte sich insbesondere für die Tenniswettkämpfe und die Leichtathletikveranstaltungen im «Vogelnest», Pekings Olympiastadion. Auf der Website konnte er auf grafischen Darstellungen sehen, an welchen Tagen welche Plätze noch zu haben waren: «Das sah sehr seriös und professionell aus.» Zum Vertrauen habe auch beigetragen, dass ihm ein Passwort zugeteilt worden sei, sagt Kuster. Er kaufte insgesamt vier Tickets und zahlte 788 Euro mit der Kreditkarte.
Stutzig wurde Kuster erst, als er ein Bestätigungsmail erhielt mit der Aufforderung, zusätzlich eine Abholadresse in Peking anzugeben - für den Fall, dass die Zeit nicht ausreiche, ihm die Tickets wie zuvor versprochen zuzuschicken. Später kam noch ein drittes Mail mit einer Auftragsbestätigung und der Aufforderung, diese auszudrucken, zu unterschreiben, wieder einzuscannen und an eine neue Mailadresse zu schicken, die zu einer andern Website mit dem Namen beijing-2008tickets.net gehörte. Ausserdem irritierte ihn, dass die vermeintlich chinesische Seite Hinweise auf eine Firma in Phoenix, Arizona enthielt und die Nummer der Helpline in Grossbritannien angesiedelt war (wo man ihm auf mehrere Anrufe hin jedoch versicherte, es sei alles in Ordnung, der Auftrag werde ordnungsgemäss abgewickelt).
Daraufhin setzte sich Kuster mit seinem Freund in Peking in Verbindung, der bei einer Bank arbeitet. Nach kurzer Recherche vor Ort teilte ihm dieser mit, sämtliche Veranstaltungen seien ausgebucht, es gebe schon lange keine Tickets mehr. Und vor allem: Niemand habe je von chinesischen Anbietern mit den genannten Website-Adressen gehört.
Nun handelte Kuster. Er informierte seine Kreditkartenfirma. Für den Fall, dass die Tickets bis heute Donnerstag nicht ankämen, liess er die Zahlung stornieren, was innerhalb von 30 Tagen möglich ist. Der Architekt wird also keinen finanziellen Schaden erleiden.
Möglicherweise Tausende Opfer
Vieles deutet darauf hin, dass Kuster bei weitem nicht das einzige Opfer ist. In den USA haben Anwälte Websites aufgeschaltet, mit denen sie Geschädigte auffordern, sich zu melden. In den letzten Wochen und Monaten seien über eine ganze Reihe von Internetseiten nicht existierende Tickets verkauft worden, heisst es; Tausende seien betroffen. Unter den neun aufgeführten Adressen, die vom US-Olympischen Komitée als betrügerisch identifiziert worden seien, befinden sich auch die beiden, mit denen Architekt Kuster hereingelegt wurde. Die US-Anwälte spekulieren, allein über die Website beijingticketing.com seien weltweit Eintrittskarten für 46 Millionen Dollar abgesetzt worden.
«ABC News» meldete, die Ermittlungen deuteten auf eine Täterschaft aus England hin, deren Kopf sich nach Barbados abgesetzt habe. Schon früher sei er als Internetbetrüger aufgefallen. Im Bericht heisst es, die Websites seien über eine Firma in Phoenix, Arizona registriert. Auch dies entspricht den Beobachtungen Kusters.
Laut «Times Online» hat das Internationale Olympische Komitee (IOK) rechtliche Schritte eingeleitet, nachdem Hunderte von Touristen aus Grossbritannien, USA, Belgien und Australien, darunter Eltern und Freunde von Athleten, in Peking angekommen seien, aber ihre Tickets nicht vorgefunden hätten. Einzelne hätten bis zu 30'000 Pfund gezahlt. Claudia Imhasly, Sprecherin des Schweizerischen Nationalen Olympischen Komitees, konnte in Peking dazu gestern keine Angaben machen. Die Sprecherin des IOK war nicht erreichbar.
Marc Henauer von der Koordinationsstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) sagt, solche betrügerischen Websites würden «immer professioneller». Verglichen mit dem Vorjahr hat der Anteil der Verdachtsmeldungen im Bereich Wirtschaftskriminalität von 4,5 auf 11,4 Prozent zugenommen. An der Spitze stehen Spam mit 20,8 Prozent und kinderpornografische Inhalte (19,9).
*Name von der Redaktion geändert
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