Der Sololauf eines Freigeistes
09. März 2008, 19:51 Von Christian Andiel
Die alpine Skisaison 2007/2008 geht in dieser Woche mit den Finalrennen in Bormio (It) zu Ende. Diese Tage der letzten Entscheidungen beginnen bei den Männern bereits am Mittwoch in der Abfahrt. Hier herrscht eine Traumkonstellation: Der Neuenburger Didier Cuche führt mit fünf Punkten vor Bode Miller (USA), es ist ein klassischer Showdown: Wer vor dem anderen liegt, hat gewonnen.
Einiges spricht dabei für Miller. In Bormio ist er 2005 Abfahrts-Weltmeister geworden, hier hat er im vergangenen Dezember im Weltcup dominiert. Mit einem Sieg wäre er auch seinem übergeordneten Ziel näher: dem Gesamt-Weltcup. Hier führt Miller mit 169 Punkten vor Cuche und gar 264 vor Benjamin Raich (Ö).
Für den 32-Jährigen aus New Hampshire wäre der zweite Gewinn der grossen Kristallkugel der grösste Erfolg in seiner Karriere, wichtiger als seine vier WM-Titel: Denn er hätte es wieder einmal allen gezeigt, die an ihm und seinen Entscheiden gezweifelt, die ihm eine professionelle Haltung abgesprochen hatten. «Man sieht ja, dass ich tatsächlich bis zum Schluss fit bin», sagt Miller, «ich habe mich noch nie so gut gefühlt wie in diesen Tagen.»
Das ist ein klarer Seitenhieb gegen das US-Skiteam, von dem er sich im vergangenen Sommer trennte. Dort sei er in einem Korsett übertriebener Disziplin und Überwachung eingesperrt gewesen, beklagte sich Miller. Er konnte nicht in seinem geliebten Wohnmobil durch die Berge fahren, musste im Teamhotel leben. Er konnte nicht den Fitnesstrainer seiner Wahl engagieren. «Ich wollte einfach einmal erleben, wie es ist, wenn ich alles selbst bestimme», sagt Miller zu seinem Solo-Lauf in diesem Winter, den er sich rein finanziell problemlos erlauben kann: Allein bei seinem Ausrüster Head dürfte er pro Jahr mit allen Prämien fast vier Millionen Euro verdienen.
Miller engagierte ein fünfköpfiges Trainerteam mit dem langjährigen US-Coach John McBride an der Spitze, er kaufte sich ein zweites Wohnmobil mit integriertem Fitnesspark, dessen Geräte speziell auf die Bedürfnisse eines Skifahrers zugeschnitten sind. «Und jetzt kann ich mich endlich wieder so ernähren, wie ich es brauche», sagt Miller, «nicht wie es die Hotels anbieten.»
«Bode braucht immer wieder eine neue Herausforderung», sagt McBride. Diejenige der Trennung vom Team wird er mit Bravour bestehen, daran zweifeln die wenigsten. Schliesslich tut er dafür Dinge, die man ihm zuvor nie zugetraut hätte. Er hat seit letztem Herbst keinen Tropfen Alkohol getrunken und vor allem das Taktieren gelernt: Verbal kommentierte er die Trennung vom US-Team ungewohnt leise, um sich nicht zusätzlich Druck aufzubürden; auf der Piste gibt er nach Fehlern nicht mehr auf oder sucht so lange das Risiko, bis er ausscheidet. Nun fährt er auf Ankommen und Punkte, für den Freigeist Miller lange Zeit ein Graus.
Den Spass hat er in dieser Saison in seinem Dasein als Ich-AG gefunden. Das werden manche Cheftrainer ungern sehen, Miller hat gerade auf jüngere Athleten im Weltcup-Zirkus eine enorme Vorbildwirkung. Wo aber findet er nun seine nächste Herausforderung? Den ersten Olympiasieg in Vancouver 2010? Doch Miller denkt nicht so weit voraus. Die grösste Herausforderung, die ihm bevorsteht, ist der Rücktritt, die Frage, was nach dem Leben als Ski-Profi kommt. Soll sich niemand wundern, wenn er diese Herausforderung schon übernächste Woche annimmt. «Ich finde jeden Tag Hunderte von Gründen, um aufzuhören», hatte Miller einmal gesagt.
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