Deutschland im Final
26. Juni 2008, 11:50 Von Thomas SchifferleDeutschland steht zum sechsten Mal im Final einer EM. Das Tor zum 3:2 gegen die Türkei schoss Lahm in der 90. Minute. Basel sah einen mitreissenden Kampf.
Die Zeit lief. Es stand 1:1. Die Verlängerung rückte näher. Dann flankte Lahm, der türkische Goalie Rüstü lief grundlos aus dem Tor, Klose brachte Deutschland in Führung. Aber damit war das Spiel nicht entschieden, nein, denn auf der anderen Seite standen die Entfesselungskünstler aus der Türkei, die an dieser EM späte Tore zu ihrem Markenzeichen machten. Lahm sah ganz schlecht gegen Sabri aus, Mertesacker kam in der Mitte zu spät gegen Semih Sentürk, und der bezwang Lehmann aus spitzem Winkel.
Also doch Verlängerung? Der St.-Jakob-Park explodierte nach 89:30 Minuten, Lahm spielte sich im Doppelpass mit Hitzlsperger durch die Abwehr, und ausgerechnet er, der vorher so viel falsch gemacht hatte, behielt allein vor Rüstü die Nerven und traf zum 3:2. Drei Minuten später war dieser begeisternde Halbfinal fertig. «Finale!», sangen die deutschen Zuschauer, und ihre Spieler feierten danach ausgelassen und ausgiebig.
Auf dieses Ende und diesen Sieger hatte am Anfang nichts hingedeutet. Die Türken korrigierten ganz schnell den Eindruck, sie würden sich in erster Linie nur aufs Verteidigen verlegen. Nach Lahms Fehler brauchte es in der 8. Minute die Abwehr von Lehmann, um ein Tor von Altintop zu verhindern. Kazim traf mit seinem fulminanten Schuss die Latte, wieder hatte Lahm gepatzt, und zusammen mit Podolski sah der bislang so hochgelobte Linksverteidiger auch in der 22. Minute schlecht aus, als die Türken zu ihrem verdienten Erfolg kamen: Die beiden Deutschen liessen sich bei einem Einwurf übertölpeln, Kazim schoss erneut an die Latte, und Ugur Boral reagierte auf den Abpraller schneller als Friedrich und traf Lehmann durch die Beine.
Die Türken überraschten alle, vor allem ihren Gegner, sie standen abgesehen von Sabri auf der rechten Seite solid in der Defensive, waren beweglich im Spiel ohne Ball und geschickt am Ball. Und das alles mit einer Mannschaft, die im Vergleich zum Viertelfinal wegen Sperren und Verletzungen erheblich umgestellt werden musste und der insgesamt gleich sieben Spieler fehlten.
Aurelio war ein geschickter Balljäger im Mittelfeld, Kazim überforderte Lahm Mal für Mal, Hamit Altintop von Bayern München war gar die überragende und treibende Kraft der Türken, und an der Seitenlinie versuchte Trainer Fatih Terim seine ganze Energie und Leidenschaft auf die Mannschaft zu übertragen. Er tat es mit Erfolg.
Die Deutschen waren mit dem 1:1 zur Pause sehr gut belohnt. Bei drei Schussversuchen trafen sie ein einziges Mal direkt aufs Tor, das war beim Ausgleich von Schweinsteiger nach der glänzenden Vorarbeit von Hitzlsperger und Podolski in der 26. Minute. Kurz darauf übersah Podolski in seinem Eigensinn, dass Klose für den Abschluss besser postiert gewesen wäre. Die Deutschen taten sich schwer, mit der Rolle des Favoriten umzugehen, sie waren nervös, fahrig, fehlerhaft, unsicher am Ball, sie hatten nicht das Selbstverständnis, das sie gerade bei solchen Gelegenheiten auszeichnet. Nirgends war das besser ersichtlich als bei Ballack, der nie der Leader war, der er sein sollte. Der Ball rollte an ihm vorbei.
Busacca nicht in Form
Das Spiel wurde so richtig gut mit Beginn der zweiten Halbzeit, Deutschland begann Druck zu machen, die Türkei war nicht bereit, den Boden kampflos preiszugeben. Der Match gewann an Intensität, er gewann an Tempo und Leidenschaft, er wurde völlig offen geführt, weil beide das Tor suchten. Massimo Busacca drängte in der 51. Minute in den Mittelpunkt, als er nach einem Penaltyfoul von Sabri an Lahm weiterspielen liess, der Tessiner hatte seinen grossen Fehler an einem Abend, in dem er nicht finalwürdig pfiff. Der unerlaubte Spurt eines Zuschauers auf den Rasen war da nur eine Randnotiz.
1972, 1980 und 1996 waren die Deutschen Europameister gewesen, 1976 und 1992 hatten sie ebenfalls im Final gestanden. Gestern stand ihnen das «Quäntchen Glück» zur Seite, auf das Ballack tags zuvor so sehr gehofft hatte. Am Sonntag aber brauchen sie einen Ballack in anderer Verfassung, um ihre «Bergtour» zuoberst auf dem Gipfel abschliessen zu können, brauchen sie eine verlässlichere Defensive, einen anderen Lahm, brauchen sie mehr als nur einen erstaunlichen Hitzlsperger, mehr als nur die unbeschwerten Flügelspieler Schweinsteiger und Podolski.
Gestern gelangen ihnen nur drei Schüsse direkt aufs Goal. Dass alle drei erfolgreich waren, sprach für die Effizienz. Dass sie diese schlechte erste Halbzeit letztendlich ungestraft überstanden, sprach auch für ihre Kampf- und Willenskraft. Und genau darum sind diese Deutschen so gefürchtet an grossen Turnieren. Und am Sonntag in Wien.%perl>
Telegramm
Deutschland - Türkei 3:2 (1:1)
St.-Jakob-Park, Basel. - 42'500 Zuschauer. - SR Busacca (Sz). - Tore: 22. Ugur 0:1. 26. Schweinsteiger 1:1. 79. Klose 2:1. 86. Semih 2:2. 90. Lahm 3:2.
Deutschland: Lehmann; Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm; Rolfes (46. Frings), Hitzlsperger; Schweinsteiger, Ballack, Podolski; Klose (92. Jansen).
Türkei: Rüstü; Sabri, Mehmet Topal, Gökhan Zan, Hakan Balta; Mehmet Aurelio; Kazim Kazim (92. Tümer), Hamit Altintop, Ayhan (81. Mevlüt), Ugur (84. Gökdeniz); Semih.
Bemerkungen: Deutschland komplett; Türkei ohne Volkan, Arda, Emre Asik, Tuncay (alle gesperrt), sowie Servet, Emre Belözoglu, Emre Güngör und Nihat (alle verletzt). 13. Lattenschuss Kazim. 22. Lattenschuss Kazim (Ugur trifft im Nachschuss zum 0:1). Verwarnungen: 53. Semih (Foul), 94. Sabri (Reklamieren).
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