Schweiz

«Es gibt auch im Aargau senkrechte Bürgerinnen und Bürger»

19. März 2007, 14:08

Rudolf Rechsteiner stellte sich im TagiTalk den Leserfragen zum Potenzial erneuerbarer Energien, zur Taktik der Stromlobby und zur atomaren Freude im Aargau.

«Irgendwo windet es immer»: Rudolf Rechsteiner beim TagiTalk.
«Irgendwo windet es immer»: Rudolf Rechsteiner beim TagiTalk.
Den TagiTalk mit Rudolf Rechsteiner moderierte Iwan Städler

Moderator: Wir begrüssen Sie zum TagiTalk. Herzlich willkommen, Herr Rechsteiner. Sie setzen ja auf erneuerbare Energien. Glauben Sie wirklich, dass diese die nach und nach auslaufenden AKWs ersetzen können?
Rudolf Rechsteiner: Selbstverständlich. Wir haben ja schon 60 Prozent Wasserkraft. Kein Land Europas hat es so einfach wie die Schweiz, den Rest mit Biomasse, Windenergie, Solarenergie und Geothermie zu decken.
Bruno, Zürich: Sehr geehrter Herr Rechsteiner, wie stellen Sie sich den Alltag einer Durchschnittsfamilie in zwanzig Jahren vor? Was werden wir (insbesondere die Stadtbevölkerung) an unserem «Lifestyle» einbüssen müssen, und was werden wir noch tun können?
Rudolf Rechsteiner: Wir werden genau gleich gut leben wie heute, aber die Geräte werden effizienter sein (zum Beispiel keine Standby-Verluste) und auf den Dächern wird es sehr viele Solaranlagen geben. Wir werden sicherer leben, wenn die Atomkraftwerke abgestellt sind.
Bruno Kalt, Klingnau: Da Sie bekanntlich gegen die Kernkraftwerke sind, würde ich gerne wissen, ob Sie schon einmal in einem Kernkraftwerk waren?
Rudolf Rechsteiner: Ja, ich war im Atomkraftwerk Gösgen. Ich fand es grauenhaft. Wir mussten uns völlig ausziehen und dekontaminieren. Die grossen Abklingbecken mit den Brennstäben bilden für die ganze Region ein Grossrisiko.
H.R. Burri, Zürich: Herr Rechsteiner, ich zitiere aus einer Ihrer Publikationen: «Die Atombonzen werden sich wundern, wie schnell sie in einem solchen Umfeld zum Bürgerschreck mutieren werden, denen man auf der Strasse ins Gesicht spuckt. Und dies mit gutem Recht». Gedenken Sie, Ihre Gegner weiterhin so zu diffamieren?
Rudolf Rechsteiner: Ich habe niemanden diffamiert. Das Zitat widerspiegelt lediglich die Befindlichkeit vieler Atomkraftgegner. Die Axpo hat sich mit der Verhöhnung der Solarenergie im Köbi-Kuhn-Spot ausreichend selber offenbart. Wenn ein Unfall in einem AKW passiert, ist mit gewalttätigen Reaktionen der Bevölkerung auf jeden Fall zu rechnen.
Andreas, Döttingen: Woher kommt der Strom, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint?
Rudolf Rechsteiner: Die grossflächige Vernetzung von Windfarmen in Europa liefert sichere, billige und saubere Stromerträge. Irgendwo windet es immer. Und dann haben wir noch die Speicherkraftwerke (Wasserkraft) und die Biomasse. Auch Atom- und Kohlekraftwerke werden mit Wasserkraft auf den Bedarf abgestimmt.
Urs Näf, Zürich: Gemäss einer im Januar von der EU veröffentlichten Studie zur Integration der Windenergie wird bei Starkwindlagen ab 2008 mit Blackouts zu rechnen sein. Wie können Sie den Ausbau von Windanlagen fordern, wenn die nötigen Leitungen durch dicht besiedelte EU-Länder nicht gebaut werden können?
Rudolf Rechsteiner: Die EU hat ein Massnahmenpaket für den Ausbau der Stromnetze bereits verabschiedet. Mit Gleichstromleitungen wird Strom nahezu verlustfrei über Tausende von Kilometern transportiert. Zum Beispiel baut Holland gerade eine Verbindung nach Norwegen, um die dortigen Speicherseen für die Windenergieregulierung zu erschliessen. Man muss nur wollen, dann geht es schon.
Regula Rosenfelder, Thalwil: Woher nehmen Sie die Regelenergie für Ihre Windkraftanlagen? Wollen Sie neben jedem Windpark ein Gaskraftwerk erstellen?
Rudolf Rechsteiner: Nein, überhaupt nicht. Die Regulierung der Windenergie ist das grosse Geschäft der Zukunft für die Schweiz. Wenn es windet, wird billiger Strom importiert; wenn es nicht windet, kann die Schweiz teuren Strom dank der Wasserkraft exportieren. Deshalb werden ja überall die Leistungen der Turbinen erhöht, Projekte für über sechs Milliarden Franken sind in der Pipeline. Das zeigt, dass die Elektrizitätswirtschaft schon lange mit Windenergie geschäftet – auch wenn sie diese in der Atomdiskussion permanent schlecht redet.
Markus P., Zürich: Warum machen wir in der Schweiz nur so zögerliche Fortschritte bei der Einführung von erneuerbaren Energien?
Rudolf Rechsteiner: Weil es Economiesuisse und Atomlobby verstanden haben, erneuerbare Energien seit drei Jahrzehnten zu verhindern. Alles, was ihnen nicht selber gehört (zum Beispiel eine Solaranlage auf dem Dach), hassen die Strombarone wie die Pest.
Eveline, Zürich: Wenn es so schlimm ist, mit einem Atomkraftwerk zu leben, wie erklären Sie sich dann, dass die aargauische Bevölkerung sich hinter die Atomenergie stellt und sich aktiv um ein neues AKW in ihrem Kanton bewirbt?
Rudolf Rechsteiner: Es gibt auch im Kanton Aargau senkrechte Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen Atomrisiken wehren. Aber der wirtschaftliche und politische Druck ist tatsächlich enorm – nicht zuletzt wegen der reichlichen Steuererträge, die zu Steuersenkungen führen. Bei gewissen Gemeindepräsidenten habe ich den Eindruck, dass sie ihre eigene Grossmutter für eine Steuersenkung verkaufen würden.
Stefan Schlapbach, Bonstetten: Ist es wahr, dass bei der Produktion von Solarzellen viel CO2 entsteht?
Rudolf Rechsteiner: Das kommt auf die Primärenergien an, mit denen die Solarzellen hergestellt werden. Auch Atomstrom erzeugt CO2, bei der Urangewinnung, beim Bau und bei der Entsorgung des Atommülls. Wenn Solarzellen in Form von Dünnschichtzellen in Massenproduktion hergestellt werden, ist der CO2-Ausstoss viel kleiner als bei Atomkraft. Das Gleiche gilt für Windturbinen.
M.O., Baden: Warum soll die Schweiz im Ausland Windenergie produzieren und sich somit den Durchleitungsstaaten ausliefern? Was das heisst, haben wir ja beim Gastransfer von Russland in den Westen gesehen. Ist dies nicht höchst fahrlässig?
Rudolf Rechsteiner: Nein, im Gegenteil. Wind ist eine sichere Ressource. Sie kann nicht explodieren und sie bringt niemanden ums Leben. Im europäischen Verbund ist die Schweiz gleichberechtigt mit den Nachbarländern. So, wie die Schweiz Spitzenenergie ins Ausland liefert, wird sie sicher im europäischen Verbund erneuerbare Energien einkaufen können. Autarkie im Stromsektor ist unsinnig, erhöht die Verletzlichkeit der Versorgung und die Kosten.
Müller, Rheinfelden: Ich gehe davon aus, dass in der Schweiz ein neues AKW politisch und finanziell nicht durchgesetzt werden kann und dass dies den Verantwortlichen bekannt sein dürfte. Was soll also diese «Nebelgranate»? Den Weg freimachen für viele Gaskraftwerke?
Rudolf Rechsteiner: Ich vermute es. Jedenfalls sind die Stormbarone und der Bundesrat immer noch auf dem Trip für Grosskraftwerke. Dass kleine Lösungen beim Verbraucher – zum Beispiel der Ersatz von Elektroheizungen – oder die Durchsetzung von effizienteren Geräten mehr bringen würden, wird leider noch nicht erkannt. Im Gegenteil: Die Stromkonzerne und die kantonale Energiedirektoren-Konferenz hintertreiben die Anstrengungen für Energieeffizienz, weil sie möglichst viel Storm verkaufen wollen. Der Axpo-Verwaltungsrat und die Energiedirektoren-Konferenz sind personell zum Teil identisch.
Patrick, Meilen: Wie gedenken Sie gegen die Atomverschwörung vorzugehen? Folgt man den Standpunkten der Atomgegner, möchten die «Atombonzen» schlicht mehr Geld in die eigene Tasche wirtschaften – auf Kosten eines erhöhten Risikos für die Gesamtbevölkerung. Wenn dem so wäre: Warum finden die AKWs immer noch so eine Zustimmung?
Rudolf Rechsteiner: Private Investoren setzen nicht auf Atomenergie. Es ist das alte Old-Boys-Network am Werk, das schon die ersten Atomkraftwerke durchgestiert hatte. Windenergie ist heute schon viel billiger als Atomkraft, und die Kosten sinken pro Jahr um drei bis vier Prozent. Bis die neuen Atomkraftwerke gebaut sind, werden es Investitionsruinen sein. Geld verdient man damit sicher nicht. Es geht um Ideologien. Atomenergie ist für manche Leute eine Ersatzreligion.
Martin Koller, Zürich: Wärme aus Strom macht ja bekanntlich keinen Sinn. Wird momentan in der Schweiz irgend etwas unternommen, um die Anzahl Elektroheizungen zu reduzieren? Wie viel Strom könnte damit gespart werden?
Rudolf Rechsteiner: Ich denke, dass man im Winter etwa 25 Prozent des Konsums einsparen würde – also mindestens zwei grosse AKWs. Das Grundproblem sind die Lockvogel-Tarife. Wer Strom verheizt, erhält ihn zum halben Preis. Vielleicht führt die geplante Marktöffnung zu einer Harmonisierung der Tarife Richtung Markt. Zudem sind im Stormversorgungsgesetz Effizienzprogramme vorgesehen. (Der Ständerat ist noch dagegen.) Elektroheizungen kann man durch Holz-Pellets und Solaranlagen ersetzen.
Andreas, Döttingen: Noch eine Frage zur Wasserkraft: Wenn die Sommer zukünftig immer trockener werden und die Wasserstände an Aare und Rhein sinken, schmälert das in erheblichem Masse die Leistung der Wasserkraftwerke. Womit soll der fehlende Anteil ersetzt werden?
Rudolf Rechsteiner: Die Neuinstallation von Windenergie verdoppelt sich alle drei Jahre, jene der Solarzellen alle zwanzig Monate. Die Welt kann sich sauber und kostengünstig aus diesen Quellen versorgen. Die Kosten sinken und die Primärenergie ist gratis (Wind und Sonne). Dazu kommen noch Geothermie und Biomasse. Mit diesem Mix kann man jeden Energiebedarf decken.
Michael Neuenschwander, Olten: Während der letzten Wochen war viel von Gaskraftwerken die Rede. Dabei wurden diese auch als «Dreckschleudern» bezeichnet – interessanterweise von denselben Politikern, welche sich vehement gegen die Filterpflicht für Dieselfahrzeuge einsetzen. Was tun gegen solche Falschinformationen?
Rudolf Rechsteiner: Wir versuchen seit zwanzig Jahren, den erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen. Die CO2-Abgabe kommt nun endlich – wenigstens auf Brennstoffen – und verbessert die Rentabilität von Solaranlagen, Isolationen usw. Beim Stromversorgungsgesetz kommen erstmals kostendeckende Einspeisevergütungen für sauberen Strom. Sie sehen also: Geduld bringt Rosen – aber in der Schweiz geht manches etwas länger.
Jonas, Basel: Wie schätzen Sie die Lage punkto Atommüllentsorgung ein? Wird da die Bevölkerung nachzahlen müssen, weil die Rückstellungen zu klein sind? Ist eine Lösung – ein Lagerort – überhaupt absehbar?
Rudolf Rechsteiner: Die Entsorgung von hochradioaktiven Abfällen ist weltweit nirgends gelöst, und es gibt auch keine Lösung, höchstens Schadensbegrenzung. Solange die Produktion von Atommüll nicht befristet und absehbar beendet wird, darf kein Atomlager bewilligt werden, sonst schafft man nur neue Gründe für den Ausbau dieser gemeingefährlichen Technik. Mit Deponien machte die Schweiz so ihre Erfahrungen: In Kölliken kostet die Sanierung über eine halbe Milliarde Franken. Beim Atommüll wird es ähnlich herauskommen. Deshalb verschenkt die Atomindustrie die Abfälle der Eidgenossenschaft. Die Allgemeinheit muss dann zahlen ...
Reto Hauser, Zürich: Zwei Drittel der neuen Häuser heizen umweltfreundlich mit Wärmepumpen. Wenn künftig der Strom fehlt, werden diese umweltfreundlichen Investitionen verloren sein. Wollen Sie diesen Leuten den Strom geben oder lieber eine kalte Stube?
Rudolf Rechsteiner: Der Strom wird nicht fehlen, man muss ihn nur bestellen. Weshalb macht die Axpo nicht eine Ausschreibung für sauberen Strom für die nächsten dreissig Jahre wie andere Netzbetreiber auf der ganzen Welt? Weshalb hintertreibt sie permanent Energieeffizienz und erneuerbare Energien – ausser, wenn es sich um eigene Werke handelt?
Walter Kilchenmann, Zürich: Die Stromlobby in der Schweiz ist weitgehend unter Kontrolle der Kantone und des Bundes. Wenn wir bessere Politiker wählen, kriegen wir dann auch eine bessere Stromlobby?
Rudolf Rechsteiner: Schwierige Frage. Historisch ist es so, dass die Netzbetreiber den Regierungen Befehle erteilen und nicht umgekehrt. Der Strommarkt ist bisher sehr intransparent. Deshalb haben die Regierungen meistens alles abgesegnet, was die Atomlobbyisten wollten. Nur in Basel-Stadt war es anders. Aber auch dort hat das Volk mit dem Referendum die Atombeteiligungen verhindert – und nicht die Regierung. Dafür zahlt man seither in Basel fünf Rappen weniger pro Kilowattstunde Strom als in der übrigen Schweiz.
Andreas, Döttingen: Glauben Sie wirklich, dass sich Privathaushalte neue, energiesparende Geräte anschaffen, wenn die alten noch einwandfrei funktionieren? Woher soll eine Familie das Geld nehmen, um Kühlschränke, Waschmaschinen usw. zu bezahlen?
Rudolf Rechsteiner: Man muss nicht alles wegschmeissen, was heute noch funktioniert. Aber dort, wo Geräte ersetzt werden, sollte die beste verfügbare Technik zum Zuge kommen. Also A-Klasse.
Markus Huber, Olten: Sie scheinen für alle energiepolitischen Themen in der Schweiz Patentrezepte zu haben (keine AKWs, keine Gaskraftwerke, keine Erhöhung von Staumauern, die erneuerbaren Energien als die selig machende Lösung). Herr Rechsteiner, dies hört sich aber auch an wie eine Ersatzreligion, finden Sie nicht?
Rudolf Rechsteiner: Ich habe keinen speziellen Präferenzen für eine bestimmte Technik. Bei der Windenergie ist es einfach so, dass sie von allen erneuerbaren Energien am billigsten und auf allen Kontinenten sehr reichlich verfügbar ist. Die Lösung der Zukunft liegt in einem breiten Mix von verschiedenen erneuerbaren Technologien und in Energieeffizienz. Zu beachten ist, dass auch Solartechnik und die Nutzung von Geothermie und Biomasse immer billiger werden.
Bruno Fäh, Baar: Warum wandern Sie nicht schon lange aus? Vielleicht nach Österreich, das Atomstrom importiert und eine mehrfach höhere CO2-Belastung hat als die Schweiz?
Rudolf Rechsteiner: In Österreich steigt der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix stetig an – im Gegensatz zur Schweiz. Von ganz links bis ganz rechts ist man sich einig, dass Atomkraft keine Option ist. Es wird nicht mehr lange gehen, und auch in der Schweiz wird dies zum Konsens werden. Deshalb muss ich nicht auswandern.
David Roth, Luzern: Glauben Sie, dass nach den Wahlen die Energiepolitik immer noch im Vordergrund stehen wird und die jetzt gemachten Versprechen umgesetzt werden?
Rudolf Rechsteiner: Energie wird uns jetzt eine Zeit lang intensiv beschäftigen, auch weil Öl und Gas immer teurer werden. Ich werde mein Versprechen sicher halten und mich mein Leben lang für erneuerbare Energien und gegen Klima- und Atomrisiken einsetzen.
Moderator: Liebe Leserinnen und Leser, es ist leider bereits 14 Uhr. Rudolf Rechsteiner musste den Talk verlassen, um an einer Kommissionssitzung teilzunehmen. Vielen Dank für die vielen Fragen! Ich bitte Sie um Verständnis, dass wir in der kurzen Zeit nicht alle beantworten konnten. Auf Wiederlesen.
 

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