Schweiz

Russlands Fussball: Das Spiel machen Oligarchen

25. Juni 2008, 09:51 – Von Dario Venutti

Russlands Fussball ist dank dem Geld von steinreichen Männern wie Roman Abramowitsch im Aufschwung. Sie wollen so ihr Image aufpolieren und der Staatsmacht gefallen.

«Wer nicht betrügt, gewinnt nichts», lässt der russische Dramatiker Alexander Ostrowski (1823-1886) in seiner Komödie «Der bittere Rest beim fremden Fest» den Kaufmann Tit Titytsch sagen. Titytsch verkörpert in dem Stück einen ungebildeten und beschränkten Mann, der es in Rekordzeit zu grossem Reichtum gebracht hat. Weil seine einzige Antriebsfeder hemmungslose Besitzgier ist, wird er vom gemeinen Volk gehasst.

Mit dieser Figur schuf der Dramatiker Ostrowski den Prototyp der heutigen russischen Oligarchen. Auch sie sind auf rücksichtslose Art und in kurzer Zeit steinreich geworden, nachdem sie sich zu Beginn der 1990er-Jahre die Filetstücke der zusammengebrochenen Sowjetwirtschaft zu Spottpreisen unter den Nagel gerissen hatten. Doch im Gegensatz zum Kaufmann Titytsch haben die Oligarchen gelernt: Um das Volk milde zu stimmen, unterstützen sie soziale Einrichtungen, investieren in Kunstobjekte - oder finanzieren Fussballvereine. «Hinter jedem russischen Klub steckt ein Oligarch, der Staat oder ein Unternehmen», sagt der Kenner des russischen Fussballs Ilija Kaenzig, früher Manager der Bundesligavereine Bayer Leverkusen und Hannover. Der Oligarch Jewgeni Ginter beispielsweise ist Präsident von ZSKA Moskau, Rubin Kasan wird von der dortigen Regionalregierung finanziert, und Meister Zenit St. Petersburg, der finanzkräftigste Verein, vom Erdölkonzern Gasprom unterhalten.

Löhne wie in der Bundesliga

Mit den schier unerschöpflichen Mitteln der Oligarchen lassen sich in Russland ungefähr Löhne bezahlen wie in der Bundesliga. Laut Kaenzig verdient schon ein solider russischer Fussballer eine halbe Million Euro netto im Jahr; Spitzenverdiener soll Nationalstürmer Andrei Arschawin mit 4 Millionen sein. Auf westeuropäischem Niveau bewegen sich auch die Transfersummen, die russische Topvereine ausgeben: Meister Zenit St. Petersburg verpflichtete im vergangenen Winter den ukrainischen Nationalspieler Anatoli Timotschuk für 15 Millionen Euro von Schachtjor Donezk.

Zahlreiche Brasilianer, Argentinier, Kroaten und Serben, die in früheren Jahren nach Westeuropa gewechselt hätten, verdienen ihr Geld heute in Russland und verleihen der Liga auf diese Weise Internationalität. In sportlicher Hinsicht hat sich das Engagement schon vor dem aktuellen Erfolg der Nationalmannschaft an der Europameisterschaft ausbezahlt: Vor drei Jahren gewann ZSKA Moskau den Uefa-Cup, dieses Jahr siegte Zenit St. Petersburg, nachdem die Mannschaft auf dem Weg in den Final Bayern München ausgeschaltet hatte.

Dem Interesse der Oligarchen am Fussball half nicht zuletzt der heutige Premierminister Wladimir Putin nach. Mit Missfallen beobachtete er, wie Roman Abramowitsch, gemäss dem Wirtschaftsmagazin «Forbes» mit 20 Milliarden Dollar Vermögen der zweitreichste Russe, seit 2003 Hunderte von Millionen in den englischen Klub Chelsea steckt. Putin liess Abramowitsch fragen, was dieser für den russischen Fussball zu tun gedenke.

Seit drei Jahren stopft der Oligarch nicht nur die Löcher des russischen Fussballverbandes, sondern er baut mit den Geldern einer von ihm gegründeten Stiftung auch Dutzende von Fussball-Akademien im ganzen Land. Gemäss dem Nachrichtenmagazin «Spiegel» soll Abramowitsch so bereits eine halbe Milliarde Dollar in den russischen Fussball gesteckt haben. Laut dem Russlandkenner Kaenzig ist diese Zahl allerdings zu hoch gegriffen, er veranschlagt sie auf mehrere Dutzend Millionen. Da es in Russland nicht zum guten Ton gehört, nach der Höhe der Budgets zu fragen, sind sie auch nicht bekannt. Sicher ist, dass Abramowitsch das Gehalt des russischen Nationaltrainers Guus Hiddink, den er für diesen Posten selber empfohlen hatte, bezahlt und dessen sündhaft hohen Spesen deckt: Hiddink nächtigt während seiner Aufenthalte in Moskau in der Suite eines Luxushotels beim Bolschoi-Theater. «Im russischen Fussball beschäftigt man sich nicht mit der Frage, ob genügend Geld vorhanden ist. Wenn man beschlossen hat, etwas zu machen, macht man es einfach», sagt Kaenzig.

Nach der Pfeife des Kreml

Zahlreiche andere Oligarchen sind dem Beispiel von Roman Abramowitsch gefolgt, nachdem die gross angelegte, vom Kreml gesteuerte Kampagne gegen «rücksichtslose und ausbeuterische Oligarchen» sie in Gefahr gebracht hatte. Wer nicht nach der Pfeife Putins tanzen wollte, wurde und wird verfolgt. Das prominenteste Beispiel dafür war die Verurteilung des früheren Jukos-Besitzers Michail Chodorkowski zu mehreren Jahren Arbeitslager. Chodorkowski hatte es gewagt, sich Kreml-kritisch zu äussern und eine eigene politische Laufbahn ins Auge zu fassen.

Von Roman Abramowitsch und den anderen Oligarchen, die den russischen Fussball finanzieren, hat man dagegen nie ein kritisches politisches Statement gehört. Sie erfüllen ihre Bringschuld, im Gegenzug sind sie vor der Justiz geschützt und können ihr Engagement als «Dienst am Vaterland» darstellen. Zudem goutiert der Kreml ihren aufwändigen, zuweilen dekadenten Lebensstil: Während eines Exhibition-Turniers mit den besten russischen und ukrainischen Teams in Israel im Mai waren sämtliche Luxuslimousinen und Standplätze für Privatflugzeuge ausgebucht. Allein Roman Abramowitsch hatte 3000 Freunde und Bekannte eingeladen.

Und das Volk? Es findet am von den Oligarchen finanzierten Fussball zunehmend Gefallen: Betrug vor drei Jahren der Zuschauerdurchschnitt des damaligen Meisters ZSKA Moskau alleine 10'000, ist er in dieser Saison in der gesamten Liga auf 15'000 angewachsen. Das Volk scheint sich damit zufrieden zu geben, dass wenigstens ein Bruchteil des von den Oligarchen nach dem Kollaps der Sowjetunion «gestohlenen Volksvermögens» in Form von guter Unterhaltung zurückfliesst.

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