Hinter den glänzenden Fassaden steckt der alte Geist
07. Januar 2008, 08:02 Von Michael SchindhelmChina protzt mit monumentalen Bauten wie dem neu eröffneten Opernhaus in Peking. Derweil kommt Kritik von international bekannten Künstlern, die mehr Demokratie fordern.
Das Opernhaus liegt innerhalb der Bannmeile, die von der Verbotenen Stadt und dem Platz des Himmlischen Friedens ausgeht, direkt hinter dem Volkskongress, zwischen den ikonografischen Palästen der kaiserlichen und der kommunistischen Macht. Und es sieht aus wie eine makellose Blase aus Stahl und Glas, die halb aus einem Wassertümpel herausragt. Der französische Architekt Paul Andreu, der vor einigen Jahren den Wettbewerb dafür gewonnen hatte und mit dem Bau beauftragt wurde, schien die zeitgemässe Antwort auf so viel historische Bedeutungsarchitektur in einer vollständig runden Form gefunden zu haben. Beifall hat er dafür lange Zeit wenig bekommen.
Der lange Weg ins Innere
Während mein Fahrer auf das Gebäude zusteuert, muss ich mich an eine Bemerkung von Werner Düggelin erinnern, der über das damals neue Stadttheater Basel sagte, es sehe von allen Seiten wie von hinten aus. Mit der Oper von Peking ist es genauso. Entrückt in einem Park, in dem sich ein paar Wachsoldaten und sibirische Kiefern ducken, gibt es Zugang zum Gebäude ausschliesslich durch Tunnel. Offiziell heisst die neue Oper inzwischen «National Grand Performing Arts Center». Der Volksmund nennt es schlicht das Ei. Dem kann man sich anschliessen.
Wir werden von Wächtern am ersten Tiefgaragentunnel abgewiesen und von einem Tunnel zum nächsten geschickt, sodass wir eine volle Runde ums Ei drehen. Der Fahrer wird irgendwann forscher und droht einem Offizier, den Wagen einfach auf der Strasse stehen zu lassen und die ausländischen Gäste auf eigene Faust zur Leitung des Opernhauses zu bringen. Inzwischen kann man in Rotchina mit Courage beeindrucken, die Schleuse öffnet sich. Trotzdem dauert es eine knappe halbe Stunde, bis wir Parkhäuser, Tunnel, Korridore und Büros, exerzierende Soldatenstaffeln, Tänzerinnen, Bauarbeiter und Journalisten, Rolltreppen und Lifte, schlicht das Labyrinth mit einem Grundriss von ungefähr 150'000 Quadratmetern hinter uns gelassen haben und endlich Mr. Wan, dem höchsten Regierungsbeamten der Bauprojektleitung, und Mr. Gu, dem künstlerischen Direktor, im Eingangsfoyer gegenüberstehen.
Mr. Wan trägt eine Brille mit dickem Glas. Der Mann bestätigt erst einmal alles, was man sich so unter einem klassischen chinesischen Apparatschik vorstellt. Den gleichzeitig scharfen und gedeckten Blick, das unbestimmte Alter jenseits der Pensionsgrenze, die distanzierende Begrüssungsgeste, die schlichte Kleidung (kein Anzug, sondern ein bis unters Kinn geschlossenes Lederjäckchen), das zweideutige Lächeln der Macht. Aber kaum hat mein Fahrer, dieses Schlitzohr, erwähnt, ich sei mal Generaldirektor der Opern von Berlin gewesen und käme ursprünglich aus dem Ostteil der Stadt, hellt sich Mr. Wans Gesicht auf. Wir wechseln in die Konzerthalle und später zur Theaterbühne, und wo immer Mr. Wan auf Einlasspersonal stösst, schlagen die Leute die Hacken zusammen und salutieren.
Sowohl hinter als auch vor den Kulissen herrscht überall Vorbereitungseifer. In einer Ecke liegen zwölf rosafarbene Seidenröcke im Kreis, als seien ihnen gerade die dazugehörigen Tänzerinnen entschlüpft, auf der Theaterbühne wird ein Eröffnungsakt ausprobiert, mit Abbildungen von Sichel schwingenden Rotgardisten auf einem papageigelben Vorhang und einer Art Technosound, der immer noch an die klassische Pekingoper erinnern möchte. In der Eingangshalle, in welcher der Zürcher Schiffbau mehrere Male bequem Platz hätte, halten junge Mädchen, die zum Eingangspersonal gehören, eifrig Händchen, auf einer Herrentoilette begegne ich einem Fotografen, der auf eines der Marmorwaschbecken gestiegen ist, um von dort die Einrichtungen ultramoderner westlicher Sanitärtechnik aufzunehmen.
Wegen der Oper hat es viel Ärger in der Stadt und im Land gegeben. Vielen Leuten passt die Form nicht. Das Ei gehöre sich nicht in der Nähe der Verbotenen Stadt, ausserdem sei es zu teuer. Allein die Reinigung des Daches werde Millionen verschlingen. (Tatsächlich gehören 100 Putzkräfte zum Personal.) Als ein anderes Kind des Architekten, der Bahnhof des Pariser Flughafens Charles de Gaulle, von einer Havarie heimgesucht wurde, die auf statische Probleme zurückging, wurde der Bau zeitweise gestoppt. Das Hauptproblem ist aber, dass man bei aller kulturoptimistischen Bauaktivität vergessen hat, dass ein Opernhaus mit 150'000 Quadratmetern Grundfläche und drei Spielstätten mit insgesamt 6500 Plätzen auch über ein eigenes Ensemble verfügen sollte. Stattdessen wird sich Mr. Gu in diesem Haus vorläufig mit Gastspielen aus aller Welt begnügen müssen (Bolschoi-Theater, New York Philharmonic, Mariinsky-Theater u.a.). Ob er denn auch an gemeinsamen Projekten mit Dubai interessiert wäre? Mr. Gu nickt. Oper wird in Zukunft nicht mehr ausschliesslich eine Sache des Westens sein. Dafür stehe auch das National Grand Performing Arts Center.
Der Hype um chinesische Kunst
Am Abend treffe ich Yin Xin, einen Maler, der seit 20 Jahren im Exil lebt und sich im Westen immer erfolgreicher etabliert. Wir gehen in einem Restaurant in der Nähe des zweiten Rings essen, das wie viele in dieser Gegend in einem Hutong-Innenhof mit Zypressen gelegen ist. Die Kellnerinnen begrüssen uns am Eingang mit «Merry Christmas» und rücken ihre roten Zipfelmützen zurecht. Yin Xin ist genau wie ich zu Besuch in China. Gerade heute hat er ein Galerieprojekt im Szeneviertel Dashanzi abgesagt, das von der Galerienkolonie 798 dominiert wird. Die Leute hier sind seiner Meinung nach sehr clever, sie benutzen den Hype, den die chinesische Kunst international geniesst, und verkaufen alles, was irgendwie verrückt aussieht. Mit Kunst hat das für ihn nicht viel zu tun, eher mit kunstloser Kunst.
Yin Xin glaubt, alle interessanten Gegenwartskünstler Chinas leben heute im Ausland, abseits der grossen Show. Selbst die ernst zu nehmenden Systemkritiker unter den Künstlern haben das Land verlassen und sind nicht zurückgekehrt. Natürlich gebe es eine Menge Selbstdarsteller, die die Gunst der Stunde nutzten, um ihre Story zu verkaufen, zum Beispiel, wie sie mit einem Basketball übers Wasser vom Festland nach Hongkong geflohen seien. Yin Xin erzählt das ohne Bitterkeit, obwohl er in Peking noch keine grössere Ausstellung gehabt hat. Seit einigen Jahren werden seine Arbeiten in aller Welt gezeigt. Ja, im Westen gilt er als Chinese, in China als Westler.
Viele Leute haben heute keinen traditionellen Heimatbegriff mehr. Für Yin Xin ist die Malerei Heimat. Bevor er China verlassen hat, hatte er kaum von Leonardo gehört. Die Kinder der Kulturrevolution kannten kein anderes Bild als Mao. Als er zum ersten Mal im Louvre und später in italienischen Kirchen die Malerei der Renaissance und des Barock sah, hat das sein Leben verändert.
Am nächsten Morgen geht es zu Ai Wei Wei, dem chinesischen Künstler, der an der Seite von Herzog & de Meuron das Nationalstadion für die Olympischen Spiele mitentworfen hat. Ich habe ihn in den letzten vier Jahren, seit dem Spatenstich an Heiligabend 2003, oft für den Film «Birds Nest» besucht, den ich zusammen mit Christoph Schaub über das Projekt gedreht habe.
Wei Wei ist so alt wie Yin Xin, ist wie er mit seiner Familie unter katastrophalen Lebensbedingungen in der nordwestlichen Steppe aufgewachsen und später für viele Jahre in den Westen gegangen, nach New York. Aber Wei Wei kam Mitte der 90er-Jahre zurück und hat sich von seinem Vater, der Maos Lieblingsdichter gewesen ist, sagen lassen: Das ist dein Land. Sei nicht zu höflich, mische dich ein. Also mischt Wei Wei sich ein. In seinen Blogs, die eine Zeit lang Hunderttausende angezogen haben, in Interviews für westliche Zeitungen. Er kritisiert das politische System, die Propaganda, die Unterdrückung der Landbevölkerung und der Tagelöhner auf den Baustellen.
Olympia, ist Wei Wei überzeugt, interessiert in China nur die Oberschicht. Die Menschen an der Basis haben andere Sorgen. Deshalb werde Olympia das System nur stärken, nicht reformieren. Ja, er hat am Bau des Stadions mitgewirkt. Das habe damit zu tun, dass das Gebäude für die Menschen da sei, die Spiele aber für Propaganda. Irgendwann hat er ein SMS von seinem Internetserver bekommen: Man sei von offizieller Seite beauftragt worden, ihn aufzufordern, seine kritischen Blogs sofort aus dem Netz zu nehmen. Andernfalls müsse seine Website eingestellt werden.
Wei Wei schickte ein SMS zurück: Er werde keinen Blog entfernen. Darauf hiess es, man werde sich wieder bei ihm melden. Das ist bisher nicht geschehen. Stattdessen sind Internetseiten abgeschaltet worden, die seine Kritik zitiert haben. Ausserdem wurde sein Blog von der Liste der im Internet veröffentlichten beliebtesten Blogs gestrichen. Seitdem registriert sein Blog nur noch ein paar Tausend Besucher.
Jasmintee für die Kollegen in Dubai
«Man wird mich nicht wegen des Blogs in Schwierigkeiten bringen», sagt Wei Wei. «Das sind Methoden, die nicht mehr funktionieren. Aber man spioniert mir nach. Ich kann mich nicht mit jedem Mädchen auf der Strasse zeigen und muss zusehen, dass ich ordentlich meine Steuern bezahle. Das System zwingt mich dazu, ein vorbildlicher Staatsbürger zu sein, wenn ich es kritisieren will.»
Ai Wei Wei wird mich vielleicht in Dubai besuchen kommen. Irgendwie fasziniert ihn wie viele Chinesen diese Kuriosität des arabischen Aufschwungs am Golf. China sei weit, Dubai hoch, sagt er. «Ich bin nicht schwindelfrei, aber eigentlich hat man aus der Höhe einen besseren Überblick. China ist sehr unübersichtlich. Selbst wir wissen ja nicht genau, woran wir sind.» Vielleicht, sagt er, ist Dubai wie China ohne Geschichte: radikales 21. Jahrhundert.
Ich selbst bin vor allem im Auftrag der Regierung von Dubai hier, um den Kulturaustausch mit China aufzubauen. Das ist also die Aufgabe, die uns Europäern noch zufällt: Die aufstrebenden nicht europäischen Kulturen miteinander vertraut zu machen. Im nächsten Dutyfree Shop kaufe ich ein paar Tüten Jasmintee - für meine Kollegen in den Emiraten, mit denen ich im nächsten Jahr hoffentlich schon erste Theaterproduktionen und Ausstellungen aus China nach Dubai bringen werde.
%perl>Michael Schindhelm
Michael Schindhelm (*1960) stammt aus Eisenach in der ehemaligen DDR, studierte Quantenphysik und arbeitete gemeinsam mit Angela Merkel an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften. Später leitete er das Theater in Gera und Altenburg, ab der Saison 1996/97 war er zehn Jahre lang Theaterintendant in Basel. Danach wurde er kurzzeitig Generaldirektor der Berliner Opernstiftung. Heute ist er Kulturdirektor in Dubai und leitet dort den Aufbau eines Opernhauses. Michael Schindhelm schrieb mehrere Bücher, darunter den Roman «Roberts Reise» (2000) oder den Erinnerungsband «Mein Abenteuer Schweiz» (2007). Zusammen mit dem Filmemacher Christoph Schaub («Jeune Homme», «Sternenberg») begleitete er für den Dokumentarfilm «Bird's Nest» die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron in China bei den Bauarbeiten des National Stadium in Peking. (TA)
«Bird's Nest» läuft ab 24. 1. in den Schweizer Kinos. Premiere am 22.1. an den Solothurner Filmtagen.
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