Als die Welt bewegt und sexy war
23. Februar 2008, 10:04Zum 40-Jahr-Jubiläum fangen wir auf vier Seiten die Kultur und den Lifestyle von 1968 ein. Etwa in einem Gespräch mit Rainer Langhans, Kopf der legendären Berliner Kommune 1.
Mit Rainer Langhans* sprach Alexandra Kedves in München
Kein Lärm dringt in die winzige Wohnung im dritten Stock. Überhaupt ist das Wort «kein» hier daheim. Es gibt kein Bett, der Futon wird tagsüber aufgerollt. Keine Farben, keine Bilder, keine Lampenschirme. Keine Badewanne, keinen Kühlschrank; einige Karotten lagern auf dem Balkon. Im Sommer sei das ein «gewisses Problem», räumt Rainer Langhans ein. «Aber ich hab ja sowieso fast nichts.» Das stimmt: nicht mal eine Krankenversicherung. Immerhin einen Fernseher, «für die Arbeit»; einen Laptop, «das W-LAN teile ich mit meinem Nachbarn»; eine Hand voll Steine, zum Anschauen. Die paar Bücher auf dem Boden schrieb sein Sikh-Meister. Langhans war 1967 der bunteste unter den schrägen Vögeln der Berliner Kommune 1 (die Uwe Johnsons freie Wohnung besetzte, bis Günter Grass einschritt): ein Klamauk-Protestler, der ein Pudding-Attentat auf den US-Vize plante; der männliche Part des schönsten Paars der APO. Doch seit 1976 wohnt er in seiner Klause in einem unscheinbaren Block in Schwabing. Berlin ist ihm zu düster, zu getrieben, Zürich zu fertig, «zu bräsig, trotz C.G. Jung». Beim 68-Jährigen selbst sind heute bloss noch die grauen Locken wild – und die Sätze, die ohne Punkt und Komma aus dem schmalen Mund strömen. Er trägt Naturweiss, meditiert täglich («Drogen sind plump dagegen»), lebt streng vegetarisch und weit unter der Armutsgrenze. Und fühlt sich so reich wie nie.
Herr Langhans, keiner kommt von «68» los, die Protagonisten so wenig wie die Nachgeborenen. Warum?
«68» ist die Zukunft. Das, was wir zu Beginn der Bewegung wollten – ihr weicherer, innerer Teil -, ist nicht gescheitert. Im Gegenteil: Wir leben heute zunehmend kommuneartig; auch wenn das 68er-Ba-shing in Mode ist. Ich selbst habe das Gedenkbusiness jetzt genutzt, um diese Zukunftschance aufzuzeigen. Der Bildband «K1» protokolliert wichtige Stationen und macht zudem klar, dass Uschi Obermaier richtig dazugehört hat – obwohl sie das heute vergessen haben will. Ich sah Uschi als den neuen Menschen damals. Mit der Autobiografie «Ich bin's» will ich die Verquastheit rund um die Kommunenidee abtragen und ihren Kern freilegen.
Der wäre?
Im Kern stand die Frage, wie man ein besserer Mensch werden kann. Damals herrschte weltweit eine grosse geistige Unruhe, und gerade wir als junge Deutsche hatten mehr als alle anderen auf der Welt Grund, nicht einfach weiterzumachen wie unsere Eltern. Sie waren Täter gewesen oder hatten zumindest zugeschaut beim Massenmord: Das war unser Erbe. Also mussten wir uns von innen her revolutionieren: Besitzgier, Aggression, Autoritätsglauben waren Merkmale des Kleinbürgers und Mitläufers. Wir wollten das aufbrechen; das Menschliche in uns entdecken. Für ein Jahr gelang uns das: 1967, das Jahr der Kommune. Das Private ist das Politische – und kann revolutioniert werden.
Das klingt nach sentimentaler Nabelschau. Was ist mit den gesellschaftspolitischen Ambitionen der Kommunarden?
Wir lebten ohne Türen, auf einem Matratzenlager. Alles war offen, und die Zärtlichkeit war frei. Wir haben die Liebe gesucht – aber man begegnete uns mit Krieg. Und manche haben sich leider darin verstrickt: Andreas Baader, «Baby Baader», mit dem ich gut befreundet war, oder Gudrun Ensslin, die ich mochte. Sie haben ihre dunklen Seiten nach draussen projiziert, die RAF gegründet und sind so in die «alte Welt» zurückgekehrt. Doch Umsturz kommt nur von innen. Dass die Jungen von heute so apolitisch sind, ist eigentlich eine politische Leistung.
Was heisst das?
Die Jungen haben aus unseren Erfahrungen gelernt: Im Grunde ist die Welt nicht gut; da ist es unsere politische Aufgabe, ein vollständigeres Menschsein anzustreben. Heute sind die Internet-Communities eine quasi geistige, körperlose Plattform für die Kommunikationspraxis von 68: eine Grosskommune. Der intensive Austausch wird digital gelebt. Die Jungen fürchten nicht, sich dort zu offenbaren; und ihre reale Restexistenz spielt für sie keine so grosse Rolle. Seien wir doch ehrlich: Die Globalisierung macht uns alle materiell ärmer, und an den Mythos Vollbeschäftigung glaubt keiner mehr. Die Devise lautet: simple life, high thinking.
Sie selbst leben extrem einfach, propagieren eine «hohe Liebe» und verwirklichen eine Gemeinschaft mit vier Frauen.
Nach der Studentenrevolte erlebte ich einen Zusammenbruch und sah, wie wenig weit wir gekommen waren. Ein Sikh-Meister hat dann mich auf den Weg gebracht, die Liebe weiterzuentwickeln. Daher gelte ich für viele als Spinner. Ich bin auch als Verräter beschimpft und bedroht worden. Aber wie ist es den anderen ergangen? Neulich traf ich Dieter Kunzelmann wieder, mit dem ich zeitweilig die Kommune 1 gemacht habe, und Fritz Teufel, der mit mir vor Gericht stand wegen unserer Flugblätter zum Kaufhausbrand in Brüssel, und meine damalige Kommunefreundin Antje Krüger. Sie alle leben in einem depressiven Abseits. Auch wer bei Attac mitmacht, wird begreifen müssen: Das bringt nichts. Und das Retro-Gerede von der Rückkehr zur Kleinfamilie halte ich für Heuchelei: Man lebt in Patchworkfamilien, die Scheidungsraten explodieren. Kommune ist die Existenzform der Zukunft und die Suche nach dem neuen Menschen in uns ihr Sinn. Deshalb funktioniert auch mein virtueller Harem mit den Frauen, die alle ihre eigene Wohnung haben, seit drei Jahrzehnten: Wir helfen einander dabei, im Altern jung zu werden – nicht, jung zu bleiben.
1999 haben Sie dazu provokativ formuliert: «Wir müssen die besseren Faschisten sein.» Hitler sei ein fehlgegangener, «verhinderter Spiritueller» gewesen.
Daraufhin wurde ich schier gelyncht. Ein völliges Missverständnis. Wesentlicher Faktor der 68er war ja, sich vom braunen Deutschland abzusetzen. Aber wer den Nazismus verstehen will, kann das nur durch Einbeziehung der Spiritualität. Andersherum ist dadurch nicht von vornherein jede Spiritualität oder Utopie wie «der neue Mensch» diskreditiert, wie einige linke Galionsfiguren von damals meinen. Götz Aly etwa zieht mit dem Eifer des schuldig gewordenen Renegaten eine Linie von den Nazis zu den 68ern. In der ersten Hoch-Zeit der Kommunen war er nicht dabei. Er kam genau wie Joschka Fischer erst dazu, als alles schon in, unter anderem, Terrorgruppen und kommunistische Gruppen zerfiel. Unbestritten ist allerdings, dass gerade die 68er aus dem Osten wie Rudi Dutschke oder Bernd Rabehl sich auch als National-Revolutionäre sahen. Wie Mao, der später seine Kulturrevolution zerstörte. Jürgen Habermas ahnte mit seiner Warnung vor einem linken Faschismus etwas Richtiges. Es gehört zu unserer Arbeit, die Schatten jener Jahre differenziert zu erforschen – um ihr Licht für unsere Zukunft nutzen zu können.
* Rainer Langhans, Jahrgang 1940. Ab 1967 Mitglied des Landesvorstands des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (Ausschluss nach dem vereitelten Pudding-Attentat) und der Berliner Kommune 1. 1970 Mitgründer der Münchner Drogen- und Medienkommune Highfisch; 1973/74 Fassbinder-Assistent. Ab 1976: Suchender auf 29 m2 Schwabing.
R. Langhans: Ich bin's. Die ersten 68 Jahre. Blumenbar, München 2008. 254 S., mit Fotos und Zeittafel, 35.90 Fr. Ders./ Christa Ritter (Hg.): K1. Das Bilderbuch der Kommune. Ebd. 196 S., 44.90 Fr.
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