Schweiz

TRIBÜNE: DIE SCHWEIZ UND DIE INTELLEKTUELLEN

Die Fähigkeit zum unreinen Kompromiss

01. April 2008, 09:25 – Von Georg Kohler

Seit Max Frischs Zeiten hat sich die Schweiz stark verändert. Die Zäsur lässt sich datieren: 1989. Seitdem gibt es einen Kulturkampf um die Neubestimmung unseres Lands.

Die Worte sind hängen geblieben in unserem Gedächtnis und über unseren Köpfen, als ob ein Richter vom Gebirg herab das Urteil gefällt hätte: «Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr. Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen (...) Man wittert Landesgefahr (...) Hier das Gesunde und Ein-für-allemal-Richtige und Einheimische und Weiss-Gott-Bewährte, kurzum das Schweizerische, und da kommen nun mitten in unseren Wohlstand unversehens Fremdlinge in Scharen, immer kleinere und immer schwärzere (...)»

Es ist mehr als 40 Jahre her, ein halbes Menschenleben, seit Max Frisch dies formuliert hat, scharf und triftig, kühl und mit beherrschter Empörung. Ein Verdikt über das Land der frühen 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts, über die Schweiz der «Überfremdungsinitiativen» und des «Saisonnierstatuts», die Schweiz des James Schwarzenbach (von dem Christoph Blocher, wie er selber sagt, viel lernte, und Ulrich Schlüer der Sekretär gewesen ist), der Schweiz des «noch weit gehend intakten Bürgertums» (Frisch, 1961) und der grossen Wirtschaftskonjunktur, geschützt von den Festungen des Kalten Krieges, den Halterungen des «Landes ohne Utopie».

Denkt man heute über diese Worte nach, erscheinen sie aktuell und veraltet gleichzeitig, so zeitgemäss wie unbrauchbar für die Vermessung der Gegenwart.

Ihre Aktualität ist offensichtlich, nur geht es jetzt nicht mehr um «Kalabresen, Griechen, Türken», sondern um die Menschen, deren Namen mit «-ic» enden, um Sätze wie «Mehr Schweiz, weniger Islam» oder um die «Asylanten», die weisse Gebirgslandschaften schwarz färben und Kinder mit Drogen vergiften. Doch zugleich muss/darf man konstatieren, dass unsere Fussballnationalmannschaft gespickt ist mit «Jugos», Türken und sonstigen Secondos, zu denen auch ein paar dunkelhäutige Eidgenossen gehören.

2008 ist nicht 1960 und nicht 1991, das Jahr von Frischs Tod. Viel hat sich verändert in den letzten 15 Jahren. Das Land ist, jedenfalls in seinen städtischen Zonen (die bevölkerungsmässig etwa 70 Prozent ausmachen), in einem Ausmass vielgestaltig, vielsprachig, multikulturell, auch selbstkritisch und weltoffen geworden, wie es für «Stiller» vollkommen unvorstellbar gewesen war.

Dass uns noch ein «weit gehend intaktes Bürgertum» regiert, wird niemand behaupten wollen. Der Status des «Gastarbeiters», den man bei Flaute in seine kalabresische Arbeitslosigkeit zurückschicken darf, existiert nicht mehr. Die Grossindustrien um Baden, Zürich, Winterthur, im Oberland und am Rheinfall, die all die Fremdstämmigen brauchten, um ihre Maschinen in Gang zu halten, sind verschwunden. Gleichwohl gestiegen sind aber die Grundstückspreise, weil «Zürich-West» hip geworden ist für die «Young Urban Professionals» und an den Hängen des Pfannenstiels nun ziemlich dicht die hochdeutschen Nutzniesser der hiesigen Steuerklimatik siedeln.

Unter vielen Gesichtspunkten liessen sich mehr Beispiele aufzählen, und stets käme man zum gleichen Ergebnis: Das «kleine Herrenvolk» hat seine (immer schon fragile) kulturelle Homogenität eingebüsst; sein Selbstverständnis als «Sonderfall» ist ihm mindestens fragwürdig geworden, und etwa die Hälfte der Bevölkerung ist nicht felsenfest davon überzeugt, dass unser Steuerhinterziehungsgeheimnis ein legitimes «Notwehrrecht» gegenüber dem bundesrepublikanischen «Fiskalfaschismus» darstellt (wie derzeit öfter auch von angesehenen Mitbürgern öffentlich und privat zu hören ist). Mit einem Wort: Frischs zornige Anklagen gegen eine selbstgefällig verbunkerte, profitgierig erstarrte Schweiz klingen heute zu pauschal für die Lage des Landes und die Befindlichkeit seiner Bewohner, um unmittelbar wirksam sein zu können im fälligen Kulturkampf um die Neubestimmung der Schweiz am Ende des ersten Jahrzehnts im begonnenen 21. Jahrhundert.

Kulturkampf um die Neubestimmung des Landes – das klingt dramatisch und pathetisch und für jemanden, der in aller Regel versucht, so nüchtern wie möglich zu bleiben, ziemlich schrill. Trotzdem will ich jetzt auf dieser Diagnose beharren, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil die Schweiz in der Tat seit der Jahrtausendwende (oder exakter seit 1989) nicht mehr recht begreift, was sie eigentlich ausmacht. Und zweitens, weil seit genau diesem Zeitpunkt jene mächtige Bewegung entstanden und gewachsen ist, die nur zu genau zu wissen meint, was die Schweiz ist und wie man sie zu definieren hat. Nämlich genau so, wie Max Frisch sie nicht wollte: Neutral als schlauer Kleinstaat unter den Grossen. So weit entfernt von transnationalen Verpflichtungen wie irgend möglich. Getragen von den Werten der Nachkriegszeit. Wirtschaftlich erfolgreich und misstrauisch gegenüber moralistischen Skrupeln (schliesslich sind die anderen ebenfalls Egoisten). Widerspenstig gegenüber allen mentalitätsprägenden und sozialethischen Entwicklungen, die sich irgendwie auf «68» beziehen lassen – heissen sie Tagesschulen, Fairnessregeln für kommunale Einbürgerungen oder wohlfahrtsstaatlich garantierte Lebensstandards, die sich nicht an untersten Subsistenzminima bemessen und – das ist es ja! – auf Grund völkerrechtlicher Verträge besonders heftig von den eingewanderten Fremden beansprucht und missbraucht werden.

Das Überzeugungssystem der Blocher-Schweiz ist in sich recht geschlossen, und es besitzt den doppelten Vorteil, einerseits die alten Identitätsmerkmale der Schweiz zwischen «45» und «89» zu verteidigen, andererseits die neuen Ängste gebündelt aufzufangen, abzuwehren und umzuleiten, die mit der so genannten «Globalisierung» auch über die Schweizer und ihre fleissig-biedere Insel der Glückseligkeit gekommen sind.

Was ich damit sagen will: Die Blocher-Schweiz ist aus ihren kollektivhistorischen Beständen und erklärbaren psychologischen Motiven zu deuten und zu verstehen, bevor man sie moralisch attackiert und gegen ihre (zugegeben: oft mehr bösartigen als) schrecklichen Vereinfachungen protestiert. Denn nur auf diese Weise ist zu verhindern, dass man ausgerechnet dort gegen sie kämpft, wo sie – leider – gute Trümpfe besitzt.

Zum Beispiel «Missbrauch» von Sozial- und Asylrechten: Es gibt ihn, und er muss vernünftigerweise so weit wie möglich eingeschränkt werden. Auf leicht analysierbare Art gefährdet er die Substanz von Solidargemeinschaften. Zum Beispiel «Eigenverantwortung»: Sie ist unerlässlich, und sie zu tragen manchmal schmerzhaft. Zum Beispiel «Patriotismus»: Heimatliebe ist nicht unbedingt gleich Chauvinismus; man darf stolz sein auf die eigene Herkunftswelt, und sehr viele wollen es sein usw. Die Nationalkonservativen sollte man nicht deswegen angreifen, weil sie solche Dinge vertreten, sondern weil sie Tatsachen, die sie mit ihren Positionen verknüpfen, blindwütig verkennen.

Für die Verkennung der Tatsache zum Beispiel, dass wir Schweizer (selbst wenn wir Nicht-Mitglied bleiben wollen) sehr froh über EU-Europa, den Euro und seine Erfolge sein sollten. Für die Verkennung der Tatsache, dass das Mindestmass an Chancengleichheit, auf das sich auch liberale Gesellschaften verpflichtet haben, ohne staatliche Eingriffe und Umverteilungsinstitutionen nicht zu haben ist. Für die Verkennung der Tatsache, dass es kein Zurück mehr gibt in die Zeit der einfachen Wahrheiten, klaren Werte und simplen Unterscheidungen zwischen «Gut» und «Böse», «Wir» und «Ihr», «Vaterlandsverräter» und «Unsereiner».

Und für die Verkennung der Tatsache, dass für die grundlegenden Orientierungsverluste nicht die «Rolling Stones», die «Weichsinnigen» oder die antiautoritären Gutmenschen aus dem alternativen Mittelstand verantwortlich sind, sondern – in allererster Linie – unsere Marktgesellschaft und ihre hedonistischen Ideale, ohne die sie (und wir) nicht funktionieren. Ja, es ist leider so: «I can't get no Satisfaction» ratifiziert bloss, was den Markt schon immer in Gang hielt. Der Song ist Symptom, nicht die Ursache von Übeln, die wir alle gern ein wenig kleiner hätten.

Kurz und gut: Die Blocher-Schweiz verspricht einen Ort, den es nirgends mehr gibt, und sie tarnt ihre falsche Verheissung durch eine Politik der Feindschaft. Sie schürt Ressentiments und Eliminierungswünsche, wo man stattdessen demokratisch streiten müsste – um jene stets vorläufigen Lösungen, wenig begeisternden Kompromisse und pragmatischen Anpassungen an eine schwierige Wirklichkeit, die sehr oft nicht mehr als das Zweitschlechteste sind im Vergleich mit all dem, was wir uns eigentlich erhofften.

In nichts anderem besteht also der Kulturkonflikt um die Neubestimmung des Landes nach dem Ende der Nachkriegs-Schweiz im Jahre 1989: Im Streit um den Abschied von der Illusion, «das Gesunde und Ein-für-allemal-Richtige und Einheimische und Weiss-Gott-Bewährte, kurzum das Schweizerische» sei durch Abgrenzung, Reinigung und Abstossung zu sichern. Und im gleichzeitigen Streit um die Einsicht, dass das gerade Gegenteil stimmt: Dass «das Schweizerische» stets in der Fähigkeit zum unreinen Kompromiss gelegen hat und weiterhin liegt, im unheroischen Arrangement mit den Realitäten; in jener eigenartigen Milchsuppe bei Kappel, in der jeder rühren darf und etwas für seinen Hunger finden kann.

Die «Kappeler Milchsuppe», zweifellos, das ist kein sehr prächtiges Modell, und ich bin mir ziemlich sicher, dass der grosse Max Frisch «das Utopische» vermissen würde, die «Vision», den Zug ins Weite, die befeuernde Emotion ... aber genau hier fange ich an, wieder skeptisch zu werden. Ist die Politisierung der Gefühle, die Regie der wuchtigen Empfindungen, der Entwurf mächtiger Identifikationsbilder nicht eine der strategischen Stärken der Rechten? Ist nicht der Erfolg Blochers weniger seinen inhaltlichen Aussagen zu verdanken als der charismatischen Kraft, mit der er den utopischen Mythos des unbeirrbaren Führers in schwieriger Zeit zu beleben vermag? Ist «das Utopische» nicht überall und immer die Kennmarke der zu grossen Versprechen gewesen? Das sind unangenehme Fragen, ich weiss, aber um der Redlichkeit willen darf ihnen kein «Intellektueller» ausweichen, der diesen Begriff schätzt.

Der Autor lehrt Politische Philosophie an der Universität Zürich.

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