Schweiz

«Das Engagement war von Beginn an falsch»

07. April 2008, 16:38

Lukas Bärfuss hat in seinem Roman «Hundert Tage» die Entwicklungspolitik der Schweiz in Ruanda scharf kritisiert. Ein Streitgespräch mit Martin Fässler von der Deza.

Bärfuss' Roman-Recherche erregt den Widerspruch des Entwicklungshilfe-Profis: Martin Fässler (links) und Lukas Bärfuss im Streitgespräch.
BURLA Bärfuss' Roman-Recherche erregt den Widerspruch des Entwicklungshilfe-Profis: Martin Fässler (links) und Lukas Bärfuss im Streitgespräch.

Das Gespräch führten Barbara Basting und Christof Münger

Lukas Bärfuss, Ihr Roman «Hundert Tage» hat für einiges Aufheben gesorgt. War diese Resonanz einkalkuliert?

Bärfuss: Höchstens erhofft. So etwas lässt sich nicht kalkulieren. Ich habe mich zu lange mit dem Thema beschäftigt, um mich mit einer kurzen medialen Erregung zu begnügen. Ich bin von meiner Empörung ausgegangen und hoffte, dass diese Geschichte noch andere interessiert.

Martin Fässler, Ihr erster Eindruck nach der Lektüre war zwiespältig. Warum?

Fässler: Das Buch hat mich sehr interessiert, zumal es sich mit Fragen beschäftigt, die mich regelmässig umtreiben. Was bringt es, was wir als Deza tun? Vieles in dem Buch klang für mich vertraut. Aber immer wieder bin ich auch über eine für mich schwer nachvollziehbare Verkürzung der politischen Prozesse gestolpert.

Inwiefern verkürzt?

Fässler: Da gibt es zunächst die ganze Dynamik in Ruanda mit dem Aufbruch zur Demokratie Anfang der 90er-Jahre, als sich der Kontext für die Entwicklungszusammenarbeit komplett veränderte. Hinzu kommt die äusserst schwierige Situation in einem Land, das hauptsächlich von der Landwirtschaft lebt, in dem sich zwei Eliten seit langem um knappe staatliche Ressourcen (Arbeitsplätze, Privilegien usw.) streiten und zudem noch autoritär-extremistische und moderate gesinnte Kräfte im Widerstreit liegen und um die politische Macht kämpfen. Die extremistischen Kräfte haben nach dem 6. April 1994 zuerst die moderaten Kräfte in Politik, Armee, Justiz, Medien usw. umgebracht.

Hat das Buch diese Komplexität nicht gespiegelt?

Fässler: Die Schweiz hat in der Zeit von 1990 bis 1993 die moderaten politischen Kräfte unterstützt, soweit das ging. Ihr Programm war nicht so ausgerichtet, wie Lukas Bärfuss das beschreibt, dass sie einen totalitären Staat quasi unterstützt. Das entspricht nicht der politischen Wahrheit.

Lukas Bärfuss, wie haben Sie sich informiert?

Bärfuss: In erster Linie durch Reisen, durch die Akten der DEH (Vorgängerinstitution der Deza, Red.), zu denen mir ein ziemlich freier Zugang gewährt wurde. Es gab nach 1990 tatsächlich Versuche, die Demokratisierung des Regimes mit Druck von aussen voranzutreiben. Doch die Geschichte beginnt viel früher. Die schweizerische Entwicklungshilfe war seit 1963 in dem Land. Vor der offenen gab es eine starke strukturelle Gewalt. Das hat die Entwicklungshilfe 30 Jahre lang nicht interessiert, ebenso wenig, dass Ruanda ein totalitärer Staat war, ein krasseres Apartheidsregime als Südafrika, dem man immer treu zur Seite gestanden hatte. Für die Demokraten im Land war man längst nicht mehr unbeteiligter Beobachter, sondern Verbündeter des Regimes.

Das entkräftet nicht den Vorwurf, dass Ihr Roman die Dinge verkürzt.

Bärfuss: Es ist nicht das erste Buch, das diese Zusammenhänge detailliert benennt. Es steht der Deza frei, ihre Sicht der Dinge zu publizieren. Mein Buch bringt Beispiele für das Scheitern: etwa dass die Schweizer beim Ausbau eines Radiosenders halfen.

Über den die Täter zum Genozid aufriefen.

Bärfuss: Ja, dieses Knowhow diente gewissen Kreisen dazu, den Völkermord effizienter umzusetzen.

Herr Fässler, was ist schief gelaufen in Ruanda?

Fässler: Bis in die 90er-Jahre war die Entwicklungszusammenarbeit aller Geberagenturen sehr technisch ausgerichtet. Der grosse Einschnitt kam mit dem Fall der Berliner Mauer. Seither sind Fragen der guten Regierungsführung, der Menschenrechte viel stärker im Fokus. Mit dem heutigen Wissen ein Urteil über die damalige Entwicklung abzugeben, finde ich heikel. Es ist einfach nicht fair, wenn Sie die Möglichkeiten für Verbesserungen in einem autoritären politischen System nutzen und zum Beispiel in Präfekturen mit Bauerngruppen zusammenzuarbeiten und dann konfrontiert werden mit dem Vorwurf, damit habe man die späteren mörderischen Hutu-Milizen unterstützt.

Zum Völkermord in Ruanda gibt es bergeweise Literatur. Lukas Bärfuss, warum greifen Sie einen so heiklen Stoff auf?

Bärfuss: Aus persönlichem Interesse. Ich hatte zwei Bilder von Ruanda, die ich nur schwer zur Deckung bringen konnte. Das erste wurde mir 1983 in der Schule vermittelt, in einer Projektwoche, einem pädagogischen Wurmfortsatz des Engagements der DEH. Das war mein Urbild Afrikas; darin waren die Ruander arme, aber eifrige, strebsame, gutwillige Menschen. Sie waren sauber, pünktlich, liebten schöne Kühe. Eine Art Schweiz vor zwei-, dreihundert Jahren. Dann kam 1994 der Völkermord, und die Berichte darüber zeigten eine vollkommen andere Realität. Welches Bild stimmte jetzt? Wie war es möglich, dass in einem Land, das mir als Paradies beschrieben worden war, so etwas passierte?

... und könnte die Schweiz im Gegenzug das Ruanda Europas werden ...

Bärfuss: ... der Held meines Buches stellt sich diese Frage, ja, und er erkennt: Wenn uns etwas daran hindern könnte, wäre es nicht die Ordnung. Der Hauptgrund, weswegen 220 verschiedene Entwicklungshilfeorganisationen in Ruanda arbeiteten, war nicht etwa die Not der Menschen, sondern die Voraussetzungen, die dieses Land mitbrachte. Die Einwohner waren hierarchiegläubig, sie führten aus, was sie gesagt bekamen, das Klima war angenehm, das Land gut erschlossen. Doch genau die Ordnung war eine Voraussetzung für den Völkermord.

Diese Ordnung wurde mitgestützt von der Deza.

Fässler: Die Ausführungen von Lukas Bärfuss über die Ordnung stimmen. Mich hat das idyllische Ruanda-Bild auch immer wieder beschäftigt. Ich habe mich wie Sie gefragt, ob wir bei der Entwicklungszusammenarbeit unser Bild auf Ruanda projizieren und uns deswegen wohl fühlen. Man darf aber nicht vergessen, dass wir unter den 220 Organisationen die sind, die zum Beispiel direkt mit Bauerngruppen und Gemeindeverwaltungen gearbeitet hat. Sicher, wir haben Journalisten ausgebildet. Dass unter diesen Journalisten der eine oder andere nicht das Richtige gemacht hat, dafür fühle ich mich nicht schuldig. Es gibt eine Selbstverantwortung auch in Ruanda.

Soll man die Entwicklungszusammenarbeit besser ganz sein lassen?

Bärfuss: Man sollte sie nicht entpolitisieren. In den 80er-Jahren wollte man nicht ins Räderwerk der Politik geraten, sondern aufforsten. Aufforsten hielt man für etwas objektiv Gutes. Doch ein Wald in einem totalitären Regime ist gewissermassen ein totalitärer Wald und stützt das herrschende System. Das Engagement war von einer hohen Moral getrieben, es waren beseelte, idealistische Menschen. Wer diese Werte in Anspruch nimmt, muss in Kauf nehmen, dass er dafür zur Verantwortung gezogen wird.

Fässler: Völlig einverstanden – Entwicklungszusammenarbeit ist politisch, und wenn sie dies nicht in Betracht zieht, macht sie Fehler. Die Geschichte der Schweiz in Ruanda hat deutlich gemacht, dass die technische Zusammenarbeit im Stil der 80er-Jahre an eine furchtbare Grenze gestossen ist. Jetzt müssen wir in die Zukunft schauen. Wer heute diesen Beruf ausübt, ist sich der Widersprüche und auch der enormen Ansprüche viel bewusster. Genau das fehlt mir in Ihrem Buch. Die Figuren im Roman verändern sich überhaupt nicht.

Bärfuss: Meine Gespräche mit den Helfern zeigten, dass man über die Jahre 300 Millionen Franken in ein Land pumpte, dessen Sprache keiner der Entwicklungshelfer sprach. Das ist doch absurd. Wenn Sie nun quasi sagen: Was geschehen ist, war schlimm, aber dennoch können wir nicht den Stab über diese Leute brechen, weil sie guten Willens waren, dann zeigt sich darin eben jene bekannte Selbstgerechtigkeit. Sie nehmen den eigenen guten Willen als Mass aller Dinge und weisen die Verantwortung für die Folgen von sich. Aber es gibt nichts Richtiges im Falschen, und das Engagement der Schweiz war von Beginn an falsch.

Was kann Entwicklungszusammenarbeit überhaupt leisten?

Bärfuss: Ich kenne nicht jedes Projekt. Aber was ich kenne, ist immer extrem zwiespältig, im besten Fall, und im schlechtesten richtet es Schaden an. Es beginnt mit den Kleidersammlungen, die schlecht sind für die Kleiderindustrie in diesen Ländern, und geht bis zur Nothilfe in den Flüchtlingslagern, die übrigens ein Geschäft wie jedes andere geworden ist.

Würden Sie sie einfach streichen?

Bärfuss: Sicher werden die Ungerechtigkeiten nicht gelöst, indem man einfach die Entwicklungshilfe streicht. Man müsste andere Dinge tun – den Bauern in der Dritten Welt unsere Märkte öffnen, zum Beispiel. Aber unsere Landwirte stehen uns natürlich näher.

Macht die Deza schlechte Arbeit?

Fässler: Die Deza ist in einem Risikobereich tätig, macht aber, auch im Urteil der internationalen Akteure, meistens eine sehr gute und professionelle Arbeit. Zu diesem Schluss kommen jedenfalls recht häufig externe Beobachter, wenn sie unsere Arbeit in einem Land beurteilen. –

Bärfuss: Ist die Deza nicht ein Feigenblatt für eine schlechte Politik, die wegnimmt, wegnimmt, wegnimmt?

Fässler: Die Deza hat die Grenzen der Entwicklungszusammenarbeit im Blick. Sie ist nicht getrieben von selbstüberschätzendem Pathos, dass wir die Welt retten können. Der Bundesrat hat vor zwei Jahren einen Bericht vorgelegt, in dem er aufzeigt, was die anderen Bereiche der Politik, etwa die Handels- oder Umweltpolitik, beitragen könnten.

Bärfuss: Aber es sind alles Bereiche, wo es nicht wirklich wehtut. Wo es wirklich wehtut, reist dann die Micheline Calmy-Rey, Vorsteherin auch der Deza, in ihrer Funktion als Aussenministerin in den Iran. Ein sehr konkretes Beispiel für ein Land, in dem die Demokratisierung und die Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Doch da ist plötzlich die Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg wichtiger als die Menschenrechtsdebatte.

Bundesrätin Calmy-Rey hat dem iranischen Präsidenten gegenüber auch das Existenzrecht von Israel betont und die Menschenrechtsverletzungen im Iran angesprochen. Es gibt durchaus gute politische Gründe dafür, den Dialog auch mit Diktatoren und autoritären Regimes nie aufzugeben. Lukas Bärfuss, sehen Sie das anders?

Bärfuss: Nein, ich habe nur etwas gegen Heuchelei. In 90 Prozent der Fälle ist uns die Moral keinen Pfifferling wert. Für den Rest haben wir die Deza, bei der das ganze moralische Depot, dass ein Mensch noch haben kann, aufgehoben ist.

Herr Fässler, fühlen Sie sich als Feigenblatt für die knallharten Interessen der Schweizer Aussen- und Wirtschaftspolitik?

Fässler: Absolut nicht, sonst wäre ich nicht dort tätig. Die Entwicklungszusammenarbeit ist kein moralisches Depot, sondern ein Politikbereich wie jeder andere. Auch hier geht es um die Wahrung von Interessen. Die Weltgemeinschaft hat grössere Probleme zu lösen. Wir leisten unseren Beitrag zur Bewältigung, zusammen mit anderen Ländern. Die Entwicklungsprobleme, die sich in einem fernen Land stellen, haben heute sehr schnell Auswirkungen auch auf die Schweiz.

Lukas Bärfuss, Sie haben für «Hundert Tage» die Fiktion gewählt. Was leistet bei diesem Thema ein Roman, was eine Reportage nicht leistet?

Bärfuss: Ich war gezwungen zu erfinden. Niemand konnte mir die Frage beantworten, auf welche Weise einen der Idealismus in Ruanda so blind machen konnte für die wahren Ungerechtigkeiten. Dazu musste ich die Mittel des Romans einsetzen. Ich bin Schriftsteller, ich lebe nicht nur von der Recherche, sondern vor allem von der Einfühlung. Und sie ist immer eine Anmassung. Aber erst durch sie wird eine Wahrhaftigkeit möglich, die nicht in den Akten liegt. Ein Kunstwerk ist in den Mitteln nicht immer differenzierend. Es ist durchaus polemisch, überzeichnet, grotesk. Aber in der Summe ergibt dies ein vollständigeres Bild als ein ausgewogenes, relativierendes Werk.

Fässler: Das Buch kommt als politischer Roman daher, Sie verkaufen es als Recherche. Da muss ich sagen, es gibt auch andere Recherchen.

Lukas Bärfuss, Sie haben jüngst im TA über das politische Schweigen der Schweizer Schriftsteller geschrieben. Ist das jetzt Ihre Art, das Schweigen zu brechen?

Bärfuss: Ich möchte zuerst einmal ein spannendes Buch schreiben, das die Menschen bewegt, die Gefühle und die Herzen. Und mich hat die Unmöglichkeit dieser Aufgabe interessiert: Ich war nicht vor Ort, war nie in der Entwicklungshilfe tätig, bin nicht qualifiziert. Ich habe es trotzdem getan. Es ist immer ein Trotzdem, nicht ein Weil in der Kunst, und in diesem Trotzdem liegt meine ganze Politik.

Der Autor und der Deza-Mitarbeiter

Lukas Bärfuss, Jahrgang 1971, hat vor allem Theaterstücke geschrieben. Sein neuer Roman «Hundert Tage» ist eben im Wallstein-Verlag erschienen (198 S., 38.40 Fr; Rezension im TA vom 12. März 2008 ).

Martin Fässler war 1993–94 als Programmverantwortlicher der humanitären Hilfe des Bundes in Burundi und Ruanda tätig. 1995–98 war er Programmverantwortlicher der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit und für Ruanda zuständig. Heute ist er bei der Deza Chef der Sektion Entwicklungspolitik. (TA)

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