DIE SCHWEIZ UND DIE INTELLEKTUELLEN

Beschäftigt und befangen

23. April 2008, 20:07 – Von Pius Knüsel

Kulturförderung sorgt für ein reiches Angebot. Aber sie schafft bei den Künstlern auch Zwänge und Abhängigkeiten, über die man lieber schweigt.

Dank Förderung hat die moderne Schweiz sich kulturell konsolidiert. Zum Schaden der Intellektuellen und Visionäre? Haben wir ihnen das Leben zu leicht gemacht? Oder so schwer, dass sie der Mut verlassen hat? Fragen eines Kulturförderers.

Das von vielen beklagte intellektuelle Vakuum setzte in eben jenem Moment ein, als die staatliche Förderung der kritischen Künstler zu einem politischen Programm wurde. Kultur, wir wissen es, wurde zu einem Leitthema der Neuzeit; «Kultur für alle» lautete die Parole der 68er; sie nahm den Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft vorweg, welche intellektuelle Fähigkeiten höher denn je bewertet. So entwickelt sich seit den 80er-Jahren ein vielschichtiges System der Förderung des künstlerischen Schaffens ausserhalb der traditionellen Kulturhäuser. Symbolhaft, wie Kultur sich in den Industriebrachen einrichtete, wo früher das Proletariat malochte.

Doch warum bringt dieses System kaum mehr Köpfe hervor, so mutig und so talentiert zugleich, dass sie sogar Politiker in Schach zu halten vermögen?

Antwort: Weil es sie nicht verträgt. Weil der Intellektuelle seine Autorität aus der Opposition zum herrschenden System gewinnt. Wird er gefördert, fällt Widerspruch schwer, schliesslich meint der Staat es gut mit ihm. Förderung ist auf Integration, nicht auf Konfrontation angelegt. Auch die garantierte Kunstfreiheit kann nicht verhindern, dass der Kulturschaffende ins Netz der vielen kleinen Abhängigkeiten gerät. Eine wohlwollende, aber diffuse Umgebung von Behörden und Kommissionen stützt ihn mit Geldern und Anerkennung. Aber es ist eine Unterstützung, die weder bequem ist noch stark macht, weil sie drei Gesetzen gehorchen muss: der Subsidiarität, der Objektivität und der Erfolgsvermeidung.

«Subsidiarität» bedeutet in der Praxis, dass alle Ebenen der Kulturförderung inklusive Private sich an einem Projekt beteiligen müssen. Das ist vorteilhaft, es verteilt Lasten. Aber es hat auch seinen Preis. Bruchstücke sind keine beherzten Botschaften, mancher Betrag ist bloss Trostgeld. Demokratisch verfasst, sind wir Öffentlichen sogar angehalten, unsere Mittel einer möglichst breiten Zahl von Künstlern zukommen lassen, Vielfalt abzubilden und Urteile ohne Meinung zu fällen, weil Demokratie Toleranz verlangt. Hier spielt nicht menschliche Schwäche, sondern der Umstand, dass sich die Qualität von Kunst demokratisch nicht fassen lässt.

Dazu müssen Entscheide juristisch nachvollziehbar sein. Verständlich für den, der an Gerechtigkeit glaubt, aber eine Überforderung, da kulturelle Entscheide Wertentscheide sind und sich nicht nach Hektaren mal Hangneigung errechnen lassen. Doch die Forderung genügt, um den Förderer zu bremsen – nach dem Motto: kleiner Betrag, kleiner Fehler. Der Ruf nach Effizienz, der in der Kulturpolitik zunehmend erschallt, stärkt die Mechanik der Gleichverteilung.

Kein Wunder, sind unabhängige Kulturschaffende einen grossen Teil ihrer Zeit damit beschäftigt, Geld zu suchen, und während sie suchen, müssen sie auch leben, also Mittel einwerben dafür, dass sie ihre Suche fortsetzen können.

Zuletzt wird produziert, ein Muss, dazu verpflichtet sich, wer Unterstützung entgegennimmt. Die Logik der Kleinbeiträge will es, dass die Produktion unterfinanziert bleibt; in der Regel fehlt ein Drittel. Aus einer Vision wird auch hier ein pragmatischer Kompromiss des noch Machbaren. Und zuletzt ist keiner da, der die Spreu vom Weizen trennt, weil auch im Voraus schon keiner deutlich Stellung nehmen durfte.

So bleibt die Schweizer Kulturproduktion in einem Schwebezustand der verpassten Vollendung. Das fügt sich bestens ins Prinzip der Erfolgsvermeidung, einer helvetischen Besonderheit. Denn Erfolg steht im Ruch des Populismus, ist also nicht förderfähig. Obwohl es verschiedene Formen des Erfolgs gibt – unter anderem die, eine Frage in die Köpfe der Menschen transportiert zu haben! Doch Erfolg hat mit Grösse zu tun, Grösse weckt Neid und den Verdacht auf Begünstigung; ein Verdacht, den rechtschaffene Schweizer um jeden Preis vermeiden müssen – als Gebende wie als Nehmende. Ein geförderter Künstler, den sein Erfolg nicht verlegen macht, ist kein Künstler. Grösse ist kein helvetisches Prinzip, keines der letzten 30 Jahre jedenfalls. Vorsichtshalber schrumpft die Unterstützung deshalb rascher, als ein Künstler wachsen kann.

Doch wer gehört werden will, braucht Grösse, und das Gehörtwerdenwollen gegen das Getöse der Freizeitindustrie ist, meine ich, noch immer der Antrieb des Künstlers. Solche Grösse bedarf entsprechender Voraussetzungen. Zum Beispiel einer Kulturförderung, welche ihrerseits Position bezieht, Widerspruch fördert, durch Bevorzugung Zukunft schafft. Eine Kulturförderung, welche grosszügig statt symbolisch unterstützt. Dafür brauchen wir weniger Kommissionen und mehr Spielraum für kluge Köpfe. Doch allein schon das Rekursrecht, dem etwa Entscheide von Pro Helvetia unterliegen, verhindert Akzente. Es vergrössert die Bürokratie und zwingt zu kunsttheoretischer statt gesellschaftlicher Argumentation. In der Folge fallen Volkskultur, eingewanderte Kulturen, Jugend-, Laien-, digitale Kultur durch die Maschen, sind bestenfalls im Sozialdepartement untergebracht. Aus Kulturpolitik ist Kunstpolitik geworden – ich mag nicht glauben, dass das die Absicht jener war, welche das Fördersystem ins Leben gerufen haben.

Es ist Zeit für einen Schritt nach vorn. Zeit für eine Kulturpolitik, welche die soziale Realität in Rechnung stellt, die mit dem Kanon der 80er- und 90er-Jahre nichts mehr zu tun hat. Eine Kulturpolitik, welche nicht auf Menge, sondern auf Exzellenz aus ist. Und auf Kultur als öffentliches Geschehen. Dem entspräche eine Kunst, die sich den Fragen der Zeit zuwendet und stärker unser kollektives Funktionieren befragt. Und eine Förderpolitik, die von mitleidsloser Auswahl, Denken in Perspektiven statt in Projekten, Suche nach Widerspruch und Erfolg geprägt ist.

Solches braucht gesetzliche und materielle Voraussetzungen. Intellektuelle nach altem Muster werden uns damit keine mehr geboren, an ihre Stelle sind längst die smarten Experten aller Art getreten. Aber eine mutige Kulturförderung könnte uns hingegen Kulturschaffende bescheren, denen zur Stagnation des Landes mehr als Schweigen einfällt - Lukas Bärfuss hats mit «100 Tage» vorgemacht – und die unserer Disziplinierung mit grandioser Fantasie begegnen. Falls nicht, wird die Schweiz vom kulturellen Radar der restlichen Welt verschwinden. Und die Kunst aus unserem Alltag. Vielen wäre es recht so. Unsichtbar ist tatsächlich billiger.

Der Autor ist Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Zuvor war er unter anderem Leiter des Kultursponsorings der Credit Suisse und Programmleiter des Zürcher Jazzclubs Moods.

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