Yves Saint Laurent, das zart besaitete Genie
03. Juni 2008, 08:10 Von Michael MeierEr war zerrissen zwischen Askese und Exzess, Schüchternheit und dem Hang zum Skandal. Jetzt ist der grosse Pariser Modeschöpfer Yves Saint Laurent mit 71 Jahren gestorben.
- Artikel zum Thema
- «Er ist nicht er»
- Frankreich trauert um Saint Laurent
Kaftane und Turbane, reich dekoriert und in leuchtenden Farben, geben zurzeit den Parterreräumen des YSL-Geschäftssitzes an der Pariser Avenue Marceau einen unwiderstehlichen Glanz. Die Puppen der Ausstellung «Passion marocaine» posieren vor grossformatigen Fotos der Villa Majorelle bei Marrakech. Ihre prächtigen Gärten mit Palmen, Orangenbäumen und einem Lilienteich hatte Yves Saint Laurent in den Siebzigern wieder aufgebaut. Hat sich der Couturier und Ästhet, der in der Nacht zum Montag, 71-jährig, in seiner Pariser Wohnung gestorben ist, so den Garten Eden vorgestellt? Er, der behütet in der elterlichen Villa in Oran in der Kolonialwelt Französisch-Algeriens aufgewachsen war, hatte sich in Marokko eine paradiesische Fluchtburg geschaffen.
Yves Saint Laurent war im Sog der Jugendbewegung der Sechziger nach Marrakech gekommen. Begleitet von den Rolling Stones sowie den Ölerben Paul und Thalita Getty, gab sich der Schwerarbeiter in Marokko dem Müssiggang hin, dem Exzess – und den Opiaten. LSD und Acid-Trips offenbarten dem Künstler mit der komplizierten Psyche neue Flucht- und Traumwelten. Doch er musste erleben, wie Brian Jones von den Stones und das Blumenkind Thalita Getty an Überdosen starben. Im Arbeitsstress von Paris mochte Saint Laurent erst recht nicht ohne Drinks und Drogen leben. Wiederholt liess er sich wegen Alkohol- und Kokainabhängigkeit im American Hospital behandeln. Spekulationen um seinen Gesundheitszustand schossen ins Kraut – nicht erst, als er, nach 40 Jahren Fron im Coutureatelier, 2002 in den Ruhestand abtauchte und sich kaum mehr zeigte.
In der Familie der Übersensiblen
Der frühe Tod hätte gerade auch ihn ereilen können, den Borderliner, das zart besaitete Genie. Saint Laurent selber stilisierte sich zum grossen Sensiblen, der sich kraft seines Leidens zu kühnen künstlerischen Höhen aufschwingt. Bei jeder Gelegenheit gab er jenes berühmte Zitat seines Lieblingsautors Marcel Proust zum Besten: «Die Familie der Übersensiblen ist erhaben und bedauernswert.» Sein Lebenspartner Pierre Bergé pflegte es salopper zu sagen: «Yves ist schon mit einem Nervenzusammenbruch zur Welt gekommen.» Bergé hatte den 20-jährigen Saint Laurent aus der Nervenklinik Val-de-Grace herausgeholt, wo der junge Couturier unter Elektroschocks und Betäubungsmitteln auf 40 Kilo abgemagert war. Er erlitt einen Zusammenbruch, als er 1960 zum Wehrdienst in der französischen Armee eingezogen wurde, den er im Algerienkrieg hätte leisten müssen. Ein Trauma, das ihn für immer prägte.
Dazu kam zeitlebens ein enormer Arbeitsdruck. Der bedeutendste Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts zu sein, hatte seinen Preis. Schon mit 19 Jahren als Kronprinz bei Christian Dior berühmt geworden, musste er sehr viel mehr arbeiten, als ihm lieb und zuträglich war. Der Druck zur permanenten Kreativität verstärkte sich Anfang der 70er-Jahre massiv, als zu den zwei Haute-Couture-Kollektionen jährlich zwei Prêt-à-porter-Linien hinzukamen.
Die Könige der Kaviarlinken
Der gefeierte Couturier, der den öffentlichen Auftritt hasste, entwickelte seiner Gehemmtheit zum Trotz ein sicheres Gespür für Skandale und Revolutionen. Zur Lancierung seines Herrenparfüms posierte er 1971 nackt für den Fotografen Jeanloup Sieff. Als erster Modeschöpfer arbeitete er mit farbigen Models und liess fremde Kulturen, mit Vorliebe die orientalische, in seine Entwürfe einfliessen. Zur Zeit seiner Eskapaden in Marokko probte er den Ausbruch aus der Pariser Schickeria: Statt für Society-Damen arbeitete er für die Blumenkinder der Jeunesse dorée.
Die YSL-Kollektionen eroberten Laufstege, Schlösser, Bühnen, People und Prominenz. Der fragile Yves Saint Laurent wäre selber nie in der Lage gewesen, ein milliardenschweres Imperium aufzubauen und zu führen. Das tat sein Lebenspartner Bergé, der ihm zuliebe Geschäftsmann geworden war. Bergé war es, der, «um die Mode zu demokratisieren», die Prêt-à-porter-Linie kreierte, 1966 die erste Rive-gauche-Boutique in Paris eröffnete und damit das Vorbild für die Konfektionsboutiquen der Modehäuser schuf. Bergé war es, der den Kosmetikkonzern Charles of the Ritz kaufte und 1999 das Haus YSL, die Haute Couture ausgenommen, an Gucci veräusserte.
Die beiden hatten sich 1958 bei der schwerreichen Dior-Kundin Marie-Louise Bousquet kennen gelernt. Schon drei Jahre später reisten sie nach Zürich, um am 14. November in einer Bar am Limmat- quai 120 den Vertrag mit dem Financier J. Mack Robinson aus Atlanta zu unterzeichnen: Es war die Geburtsstunde des Hauses YSL. Saint Laurent scharte in der Folge Künstler wie Catherine Deneuve, Paloma Picasso, Andy Warhol, Rudolf Nurejew um sich. Bergé knüpfte Fäden zur Politik, besonders folgenreich zum Kulturminister Jack Lang und über diesen zu François Mitterrand. 1988 sponserte er dessen Wahlkampf, worauf Mitterrand Bergé zum Direktor der Pariser Opernhäuser machte. Bergé und YSL wurden die tragenden Säulen der Pariser «Gauche caviare», der Kaviarlinken, wie Saint-Laurent-Biografin Alice Rawsthorn etwas maliziös konstatiert.
Der doppelköpfige Adler der Liebe
Seine enge Verbindung umschrieb das Duo gerne mit dem Titel des Stücks «L'aigle à deux têtes» von Jean Cocteau. Saint Laurent und Bergé gehörten zusammen wie zwei Köpfe eines Doppeladlers. Zusammengeschweisst wurde das erfolgreichste Männerpaar des 20. Jahrhunderts durch eine ins Museale, ja Religiöse gesteigerte Ästhetik. Haute Couture war für sie Teil der alle Lebensbereiche durchdringenden Haute Culture.
Ihre Wohnungen – Saint Laurents in der Rue de Babylone, Bergés in der Rue Bonaparte – gleichen Pinakotheken, voll gestopft mit Werken von Picasso, Matisse, Mondrian, Ensor oder Manet, von denen sich Saint Laurent immer wieder inspirieren liess. Teile der Kunstsammlung sind auch in ihren Villen in Marrakech oder im Schloss in Deauville untergebracht. «Das alles wird eines Tages auseinander fliegen wie die Vögel, wenn man in die Hände klatscht», sagte Bergé einmal. Erbin des Paares ohne Nachkommen ist die Öffentlichkeit. Der gesamte Besitz soll in Stiftungen übergehen. Als Mäzene haben sie bereits unzählige Kulturinstitutionen bedacht, das Museum für moderne Kunst im Centre Georges-Pompidou etwa oder die Tate Gallery in London. Und Yves Saint Laurents Kreationen werden, gut konserviert, in verschiedenen Museen, auch im eigenen in Paris, den grossen Modeschöpfer überleben.
%perl>
Der Orient, somalische Panter und der Traum von der Jeans
Als Yves Saint Laurent am 30. Januar 1958 seine erste, für die Maison Christian Dior geschaffene Kollektion vorführte, da schrieb eine Modejournalistin: «Frankreich ist gerettet. Er ist Jeanne d'Arc.» Und die «Herald Tribune» wusste: «Alle weinten. Es war einer der grössten emotionalen Momente der Modegeschichte.» Es war der Tag, als die gut gekleidete Frau wieder Leichtigkeit und Lebensfreude verspüren durfte. Saint Laurent löste damals mit hellen, tulpenförmigen und bewegungsfreundlichen Kleidern die steifen, strengen modischen Skulpturen des 1957 verstorbenen Christian Dior ab.
Drei Jahre lang revolutionierte Saint Laurent das Label Dior als Chefdesigner, führte es erfolgreich in die Swinging Sixties, befreite die Damenwelt von engen Röcken, korsettartigen Oberteilen und schliesslich von der eng gefassten Taille, setzte die Rocksäume hoch und widmete sich ganz den gleichermassen sexy wie modisch emanzipierten Hängerkleidchen der Sechziger, das er gern mit grafischen, bei Mondrian abgeschauten Mustern dekorierte. Noch 1960 erfand er für Dior den «Beat Look», den er auch in seinem eigenen Label ein ganzes Jahrzehnt lang weiterentwickelte: Schwarzes Leder, schwarzer Samt, hochgeschlossene Oberteile, enge Hosen, mal lang, mal dandyhaft zu Knickerbockers umfunktioniert, schmale androgyne Hosenanzüge für Männer und Frauen.
Um 1968 herum liess Yves Saint Laurent seiner orientalisch inspirierten Kreativität und seiner Dekadenz freien Lauf. 1967 experimentierte er noch mit bequemen Schnitten, aber teuren Materialien, kreierte ein frei schwingendes Kleidchen ganz aus Straussenfedern oder bodenlange Nerzmäntel. 1969 schuf er schwere Mäntel aus bunten Perserteppichen, und liess seine Models einen Brustschutz aus Kupfer tragen. Seine aufsehenerregendsten Schöpfungen aus jener Zeit sind jedoch die Fischotter-Mäntel, auf deren Rückseite ein ganzer Ozelot oder somalischer Panter Kopf und Pfoten inklusive appliziert wurde.
In den Siebzigern kehrte er wieder zur etwas alltagsnäheren Mode zurück: 1971 vereinte er Hüttenmode und einen «Proust-Ball» in einer Kollektion, arbeitete mit Leggins und sportlichen Jacken oder langen geraden Kleidern mit spektakulären seitlichen Schlitzen. Seinen grossen Designer-Traum hatten jedoch schon andere vor ihm geträumt: «Ich wünschte, ich hätte die Jeans erfunden. Sie vereinigt Ausdruck, Bescheidenheit, Sexappeal, Einfachheit. Alles, was ich von meiner Mode erhoffe.»
30 Jahre und viele, nie mehr ganz so spektakuläre Moden später eröffnete Pierre Bergé am 7. Dezember 2001 zum letzten Mal die Schau einer Kollektion seines Lebenspartners mit den Worten: «The show is about to start. Merci d'éteindre vos portables.» Oscar Wilde, Watteau und Shakespeare hatten Yves Saint Laurent in seinem letzten Designer-Jahrzehnt am stärksten geprägt. Und zum letzten Mal schickte er jetzt eine Frau im schwarzen Smoking, dem androgynen Herzstück seiner Kollektionen, über einen Pariser Laufsteg. Oscar Wilde hätte den Smoking bestimmt hinreissend gefunden. (sme)




























