Die Selbstverblendung hat gesiegt
13. Juni 2008, 20:40 Von Simone MeierFrüher konnte man Alice Schwarzer respektieren und als Vorbild betrachten. Dies hat sich radikal geändert. 2008 ist das Jahr, in dem sie alles falsch macht.
Es ist ganz einfach: Wer ein Idol sein will, darf keine gröberen Fehler machen. Sonst geht es einem wie Britney Spears, die bösen Medien kommen angeschwirrt wie die Fliegen bei einem Kadaver, die Fans werden abtrünnig, man macht sich lächerlich. Ein derartiger Verlust des Gespürs für eine gesunde Selbsteinschätzung lässt sich jedes Jahr ein paar Mal beobachten, meist sind die fehlerhaften Menschen jung und dumm oder heissen Tom Cruise, aber manchmal sind sie auch etwas älter und gescheiter. Sie sind dann nicht nur Celebrities, sondern manchmal auch Intellektuelle, aber fallen oder zumindest zeitweilig straucheln können sie trotzdem. Und sie stolpern nicht wie Britney Spears über Drogen, sondern über ideologische Naivitäten: So etwa Peter Handke über seine anhaltende Zuneigung zum serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic, Martin Walser über seine «Auschwitz-Rede» 1998 bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Eva Herman über all ihre christlich-nazistischen «Der Herd ist mein Hirte»-Frauen-Bücher.
Sie macht sich ein «Bild» von sich
Seit rund einem Jahr gesellt sich nun auch ausgerechnet Eva Hermans Kontrahentin Alice Schwarzer, 65, dazu, ausgerechnet Alice Schwarzer, die doch früher immer für das Vorwärtsdenken und die Würde der Frau gekämpft hat, die viel bewegte und erreichte. «Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht», stand einmal über dem Bild von Alice Schwarzer, aber das war leider nicht auf einem ihrer vielen Buchcover oder auf einer «Emma»-Titelseite, nein, das hatte die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt für eine Kampagne des deutschen Boulevardblatts «Bild» kreiert.
Kein Mensch verstand damals, im Juli 2007, weshalb sich Schwarzer ausgerechnet von einem Auszieh-Blättchen wie der «Bild-Zeitung» für ein Testimonial hatte einspannen lassen. Alice Schwarzer verstand sich selbst jedoch sehr gut: «Doch, ich habe zugestimmt. Ganz einfach, weil ich finde, dass es nicht schaden kann, wenn in so einer Runde – von Gandhi bis Willy Brandt – auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu.» Sie läutete damit ihre eigene Demontage ein, denn es war klar: Hier geht es nicht mehr um eine kritische Konfrontation, hier geht es um die Selbstinszenierung von einer, die sich für ebenso wichtig wie Gandhi hält. Das Medium ist egal, die Message zählt. Die Auflage der «Emma» betrug 2007 74'000 Exemplare, die der «Bild» 3,5 Millionen. Eine schöne Werbeplattform. Fast wie Fernsehen. Das war damals.
Porno darf nicht sterben
Heute ist alles noch viel schlimmer. 2008 ist das Jahr, in dem der altfeministische, altlinke Medienstar Alice Schwarzer, der so gross ist, dass seine «Emma» längst nur noch wie ein hobbyhaftes Anhängsel erscheint, alles falsch macht. So zieht sie etwa mit ihrer altbekannten und altbackenen Pornografie-Fuchtel über die Bestsellerautorin, Moderatorin und Schauspielerin Charlotte Roche her, die sie früher als «die tolle Charlotte» bezeichnete, und deren Gesicht im Mai 2001 für eine sehr erfolgreiche «Emma»-Titelgeschichte gut gewesen war.
Mit ihrem Roman «Feuchtgebiete», der sich bisher über 680'000-mal verkaufte, gehört Roche für Schwarzer inzwischen zu denen, die «Pornografie und Feminismus» als «Marketingstrategie» kombinieren. Sie sieht damit «Feuchtgebiete» in einer direkten Linie mit dem «Playboy». Im «Playboy» war es denn auch, wo Charlotte Roche im März am heftigsten gegen ihr einstiges Vorbild Schwarzer ins Feld zog: «Mein Problem mit Feministinnen ist im Moment, dass das alles in einer Person verkörpert wird – in Alice Schwarzer. Die trifft sich mit Verona Feldbusch im Fernsehen und macht Werbung für die Bild-Zeitung. Ich kann mit dieser Person überhaupt nichts mehr anfangen. Ich finde es für den Feminismus schlecht, dass Alice Schwarzer das so an sich reisst.» 2009 erscheint «Feuchtgebiete» unter dem Titel «Wetlands» in den USA, schon jetzt baut die sehr seriöse «New York Times» die dreissigjährige Autorin und Mutter zu einer ernst zu nehmenden intellektuellen Debattenführerin über weibliche Physiologie und Psychologie im Zeitalter der Überhygiene auf.
Im Mai sorgte Alice Schwarzer dafür, dass Lisa Ortgies, die neue Chefredaktorin der «Emma», noch in ihrer Einarbeitungs- und Probezeit wieder das Weite suchte. Noch im letzten Dezember hatte Schwarzer gesagt: «Mit Lisa Ortgies hat Emma nicht nur eine erfahrene und engagierte Kollegin gewonnen, sondern auch eine Frau, die an der Front der aktuellen Herausforderung moderner Frauen steht, will sagen: die beides vereint, Kinder und Karriere.» Ende Mai trennten sich Ortgies und «Emma». Unter dem Titel «Lisa Ortgies bei Emma – Chronik der Ereignisse» ist nun auf der «Emma»-Homepage in vorwurfsvollem Tonfall zu lesen, Ortgies habe «aus familiären Gründen» zweimal Termine verschoben. Unerhört! Die Mitarbeiterinnen stellten daraufhin im Gespräch mit Schwarzer fest, dass Ortgies «ganz und gar überraschend für alle – ungeeignet scheint für die Tätigkeit einer Chefredakteurin». Im etwas salopperen O-Ton des «Emma»-Online-Editorials vom 2. Juni klingt das so: «Darum haben wir mit Alice gesprochen und ihr gesagt: Es geht mit Lisa so nicht weiter. Da müsste sich ganz viel ändern, wenn sie wirklich die Verantwortung für die Chefredaktion übernehmen soll.»
Lust auf grosse Auflagen
«Alice» und «Lisa» und die «tolle Charlotte». Ein einig Nest von lilagewandeten Kumpelinnen, das da suggeriert wird. Man wünscht sich wirklich nicht in diese Redaktion hinein. Am Tag von Ortgies' Rückzug steht bei «Emma» «das Telefon nicht mehr still». Wie frech vom Telefon. Und wahrscheinlich aus Rache füttert der Sprecher von Ortgies seither «die Medien mit fantasievollen falschen Behauptungen». Klar, er ist ja auch ein Mann. Wie soll er da auch Recht haben? Rechter als Alice, die selbstverständlich Chefredaktorin der «Emma» geblieben ist, hat eh niemand. Das Statement «Von uns allen hat Alice sich am meisten gewünscht, die Chefredaktion in kompetente Hände legen zu können!» vom 2. Juni erscheint einem wie blanker Hohn. Kompetent war die erfahrene 41-jährige Print-Journalistin und Fernseh-Redaktorin Ortgies zur Genüge. Doch wenn Männer und Frauen zu hoch steigen, so scheint es, ertragen sie zu Lebzeiten weder Konkurrenten noch Nachfolger. Der Papst bleibt ja auch im Amt, bis er stirbt.
Doch nicht nur Roche und Ortgies wenden sich in diesen Monaten öffentlich gegen Schwarzer. Die 34-jährige Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh schrieb am vergangenen Wochenende in der «Süddeutschen Zeitung»: «Wir lesen Emma nicht, und wir kennen auch niemanden, der Emma liest. Warum sollten wir auch? Selbst Alice Schwarzer wählt, wenn sie etwas Provokatives über Burma zu sagen hat, nicht ihre eigene Zeitung als Sprachrohr, sondern die FAZ.» Klar, die Auflage der FAZ beträgt rund 370'000 Exemplare. Diejenige des «Tages-Anzeigers», dem Schwarzer ihren provokativen Text über Burma ebenfalls anbot (er erschien am 4. Juni), 220'000.
Der betreffende Text mit dem Titel «Warum Burma mehr denn je echte Freunde braucht», süffig und anschaulich geschrieben wie alle Texte der vielfach ausgezeichneten Journalistin Schwarzer, ist eine bare Katastrophe. Schwarzer, begeisterte Burma-Touristin, bekennt sich nach den verheerenden Folgen des Taifuns Nargis allen Ernstes zu der unmenschlichen Abschottungstaktik des burmesischen Militärregimes. Den hilfsbereiten Europäern und Amerikanern unterstellt sie kolonialistische Absichten: «Die Ex-Kolonialherren liegen schon lange auf der Lauer ... Es kann in diesen postkolonialistischen Zeiten schliesslich keinem Menschen, der nicht entschlossen ist wegzugucken, entgehen, dass einst ehrenwerte Begriffe wie Menschenrechte und Demokratie leider längst ihre Unschuld verloren haben. In ihrem Namen betreiben die angeblichen Retter immer öfter nichts anderes als Inventions- und Interessenspolitik.» Die Unterdrücker der Zentralregierung bezeichnet sie lässig als «alte Knochen», die staatliche Tageszeitung liest sie «weniger, um mich zu informieren – mehr, um mich zu amüsieren».
Doch weit lieber wendet sie sich ab von diesem lustig altmodischen Marionettentheater der burmesischen Regierung – für Schwarzer «das kleinere Übel» als die invasiven, um nicht zu sagen penetrierenden Absichten der Westmächte – und bewundert die «Kraft der Wasserbüffel» und «dieses so versunkenschöne Land mit seinen so liebenswerten Menschen». Das erinnert an Handke, der 1999 nach Serbien reiste, um das «Aroma des Landes» zu erschnuppern.
Die konservierte Weltanschauung
Es ist das naiv-dekadente Bekenntnis einer zivilisationsmüden Mitteleuropäerin, die sich in Burma ihren naturbelassenen Rückzugsort auserkoren hat, und diesen gegen Fortschritt, gegen Gegenwart, gegen Menschenrechte und gegen jede Einmischung von aussen in Schutz nehmen will. Denn das, was Alice Schwarzer als «ihres» propagiert, das soll schliesslich auf ewig genau so konserviert werden, wie sie es sehen will: Sei es der Feminismus an sich, das weibliche Opferschema, Burma. Was sich in irgendeiner Form der Opposition zu dem befindet, was Alice Schwarzer um 1970 herum als herrschendem System angetroffen hat – weiss, männlich, westlich –, soll für sie auch dort bleiben. Natürlich ist sie stolz auf den Aufruhr, den sie mit ihrem Text verursachte: «Bisher hat in Sachen Burma in Deutschland offensichtlich eine Einheitsmeinung gegolten», schreibt sie auf www.aliceschwarzer.de, «die ich mit meinem Kommentar, der am 31. Mai in der FAZ erschien, anscheinend durchbrochen habe.» Klar, dass darunter auch nur Leserreaktionen abgedruckt werden, die ihr Recht geben. Die Selbstverblendung hat gesiegt.
Das Fazit ist ernüchternd. Das Projekt «Emma», das schon allein durch seine Gestaltung schreit: «Kampf ist Krampf! Wie sehen wir möglichst unattraktiv und freudlos aus?!», ist passé. Alice Schwarzer, wenn sie nicht zur Vernunft kommt, auch.
Sie selbst hat sich für die nächsten Wochen aus Deutschland verabschiedet: «Ich gehe jetzt in meinen wohlverdienten Jahresurlaub. Wie immer nach Frankreich, meine zweite Heimat, die ich wegen Emma leider seit Mitte der 70er-Jahre so vernachlässige.» Vielleicht besucht sie dort ja Peter Handke, wer weiss.
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