Schweiz

«Man müsste Zuchtprogramme einstellen»

08. Juli 2008, 19:07

Die Animal Liberation Front wird als Terrorgruppe gejagt. Zu Unrecht, sagt der Berner Philosoph Klaus Petrus – und solidarisiert sich mit ihren Zielen.

Klaus Petrus.
Klaus Petrus.

Mit Klaus Petrus sprach Alexandra Kedves

Schwarz behandschuhte Entführerhände stützen sanft weisse Häschen: Die Tierbefreier hatten zugeschlagen und gleich ein Foto ihrer «Aktion gegen die Ausbeutung von Tieren im Zirkus Royal» ins Netz gestellt. Das war im Oktober 2006 in Zürich.

Nicht erst seit damals ist die Animal Liberation Front (ALF) auch in der Schweiz immer wieder im Fokus der Behörden. Sie wird im eben präsentierten Bericht über innere Sicherheit erwähnt. Sie wird seit Jahren vom FBI gejagt, und sowohl in den USA als auch in europäischen Ländern wurden diverse «Animal Enterprise»-Antiterror-Gesetze verabschiedet: Gesetze, um die Wirtschaftszweige, die aus Tieren Profit schlagen, vor den Aktivisten der Tierrechtsbewegung zu schützen. Zu diesem Zweck definieren die Staaten sie als Terroristen und handeln dementsprechend. Nun hat sich Klaus Petrus, ein Philosoph mit Nationalfonds-Förderprofessur an der Universität Bern, in verschiedenen Schweizer Medien gegen die Verfolgung der ALF ausgesprochen und ihre Ziele erläutert. Als Privatmann. Die Universität reagierte dennoch etwas irritiert.

Herr Petrus, Sie sind Sprachphilosoph, haben über Logik und Hermeneutik promoviert. Wieso dieses Engagement für Tiere?

Meine berufliche Arbeit hat damit überhaupt nichts zu tun. Die genaue Sprachanalyse ist für mich nur ein Rüstzeug, um etwa den Umgang mit der ALF zu analysieren. Aber das Schlüsselerlebnis war für mich etwas ganz Hautnahes. Ich bin Jahrgang 1967 und als Kind von Teilzeitbauern in einem Walliser Bergdorf aufgewachsen: Da war der Umgang mit Nutztieren eine Selbstverständlichkeit, und das Essen von Fleisch wurde nicht hinterfragt. Doch als es 1999 zur BSE-Epidemie kam und zu Massenschlachtungen und Verbrennungen, machte es bei mir «Klick». Tiere sind empfindungsfähige Wesen, aber wir benutzen sie wie Sachen, beuten sie aus, machen sie krank und schlachten sie dann ab. Das geht nicht.

Sie sind selbst Veganer, haben keine Tiere, schreiben Gutachten fürs Gericht über Tierrechtsaktivisten. Machen Sie bei der ALF mit?

Nein. Die ALF ist ohnehin keine Organisation, keine Vereinigung oder Gruppe mit einer hierarchischen Struktur. Entsprechend gibt es keine Präsidenten und auch keine Mitglieder. Vielmehr ist die ALF eine offene Formation, die ein bestimmtes Verhalten und bestimmte Richtlinien propagiert. Eine dieser Richtlinien lautet: «to take all necessary precautions against harming any animal, human and non-human» – niemand soll verletzt werden. Tatsächlich sind bei ALF-Aktionen noch nie Menschen ernsthaft zu Schaden gekommen. Sie als Terrorgruppe zu betrachten ist sachlich falsch.

Halten Sie die Aktionen der ALF für richtig?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Ziviler Ungehorsam wie Sitzblockaden können o.k. sein. Ebenso die verdeckte Recherche, die dann Missstände aufdeckt, katastrophale Zustände bei der Tierhaltung. Und die Aktion einer Tierbefreiung muss in manchen, schlimmen Fällen als Nothilfe angesehen werden.

Und was ist mit Brandstiftung, etwa bei leerstehenden Legehennenbatterien?

Das ist moralisch prekär. Aber es ist mir wichtig, festzuhalten, dass die Illegalität einer Aktion sie an und für sich noch nicht moralisch verwerflich macht. Beim Widerstand gegen Diktaturen oder Ungerechtigkeiten musste man – in der Geschichte – auch gegen Gesetze verstossen. Zudem kann es effizient sein.

Das Recht auf zivilen Widerstand ist eine Sache. Aber kann die Effizienz, der Erfolg der Aktion, ein Argument sein?

Das kommt wohl auf die historischen Umstände an. Zum Beispiel gab es schon in den Achtzigern eine Reihe von ALF-Anschlägen etwa auf Versuchslabore: Aktivisten holten Tiere heraus, zerstörten Gerätschaften und dokumentierten die Umstände, unter denen die Tiere dort gehalten wurden. Ihre Informationen führten in der Öffentlichkeit zu einem Aufschrei der Empörung, und etliche der Experimente mussten gestoppt werden. Aus Sicht der ALF waren das effiziente Aktionen. Aber Effizienz ist nur ein Aspekt. Die grundsätzliche Frage lautet: Was wollen die ALF-Aktivisten eigentlich? Sie wollen erreichen, dass der Eigenwert der Tiere geschützt wird. Das ist ein Ziel, das die meisten so genannten Tierrechtler verfolgen, und auch ich kann dazu stehen. Tiere dürfen nicht für menschliche Zwecke missbraucht werden: weder als Fleisch- oder Eierlieferanten, noch als Pelzlieferanten, noch als Versuchstiere oder Haustiere.

Die Käfighaltung von Hühnern wird allgemein abgelehnt. Sie aber haben auch gesagt, selbst Blindenhunde seien Sklaven.

Das war sehr pointiert und im Übrigen unglücklich formuliert. Mir geht es um einen allgemeinen Punkt: Wir betrachten Tiere mehr oder weniger als Ressourcen, die für uns da sind. Tiere gehören nicht sich selbst, sondern uns, sie sind unser Eigentum. Und das heisst auch: Wir können sie kaufen, verkaufen, verschenken. Wir können sie mästen und schlachten, aufziehen und für unsere Zwecke ausbilden – Letzteres betrifft auch Blindenhunde. Ich wünschte mir eine Welt, in der wir Menschen uns um unsere Mitmenschen sorgten und nicht irgendwelche Tiere einsetzten, die für uns diese Pflicht übernehmen.

Hiesse dies in letzter Konsequenz, dass alle Tiere aus unseren Häusern und Ställen und Feldern verschwinden müssen – da sie ja alle einem Besitzer zugeordnet werden?

Richtig. Gegenüber den jetzt lebenden domestizierten Tieren haben wir selbstverständlich eine Sorgfalts- und Versorgungspflicht. Aber man müsste quasi per sofort alle Zuchtprogramme einstellen. Von der Kuh über den Dackel bis hin zur Laborratte gäbe es dann einfach nichts mehr. Tatsächlich wäre das für die ganze Welt eine Erleichterung: Die globale Klima- und Wasserproblematik hat beispielsweise viel mit der Übernutzung von Weideland zu tun; die Futtermittelindustrie nimmt Anbauflächen in Beschlag, die besser den Menschen zugute kämen. Und selbst die Krankenkassen würden, auf lange Sicht, entlastet: Denn viele Zivilisationskrankheiten haben mit dem Verzehr von Fleisch zu tun; Fleisch, das oft von Tieren stammt, die hormonell oder sonst wie behandelt wurden.

Das sind unpopuläre, um nicht zu sagen: extreme Ansichten. Ihre Texte werden denn auch auf der Website des umstrittenen Vereins gegen Tierfabriken (VgT) zitiert. Fürchten Sie nicht, als Fanatiker abgestempelt zu werden?

Nein. Mein Beruf wird durch meine privaten Veröffentlichungen ja nicht tangiert. Allerdings hat meine Arbeit als Philosoph mir einen wesentlichen Anstoss gegeben: 2004 habe ich analytisch zum Thema Terrorismus und politische Gewalt gearbeitet. Diese Recherche hat mir dann bei der Einordnung der ALF geholfen. Heute wird oft übersehen, dass die eigentliche Gewalt von der Tiernutzungsindustrie ausgeübt wird. Die ALF stellt diese Gewalt – die Instrumentalisierung von Tieren durch eben diese Industrie – in Frage. Das ist ein legitimes Anliegen. Über die Mittel ist damit aber noch nichts gesagt.

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