Kaiser Hadrian hat brisante Spuren hinterlassen
03. August 2008, 17:17 Von Peter MüllerEine grandiose Schau im British Museum in London zeigt die vielen Gesichter von Hadrian, Roms rätselhaftestem Kaiser.
Der neue Kaiser setzte gleich Zeichen. Nicht nur erliess Hadrian den Bürgern die Steuerschulden der letzten fünfzehn Jahre ein Relief im British Museum zeigt, wie Soldaten Kisten mit amtlichen Wachstafeln zur Verbrennung schleppen. Folgenschwerer noch war ein aussenpolitischer Entscheid: Die römischen Truppen begannen 117 n. Chr. den Rückzug aus dem vom Vorgänger Trajan eroberten Mesopotamien, dem heutigen Irak.
Zu aufwendig und verlustreich war die Besetzung des fernen Landes geworden. Thorsten Opper, Kurator der Ausstellung, scheut im Gespräch den aktuellen Bezug nicht: «Wer immer der nächste amerikanische Präsident sein wird, er wird sich in einer sehr ähnlichen Situation befinden wie Hadrian.»
Massive Imagepflege
Sicherung des Reichs statt Expansion – das war nun die Maxime. Der notgedrungene Kurswechsel trug Hadrian später den Ruf eines Friedenskaisers ein. Marguerite Yourcenar, ermattet von zwei Weltkriegen, hat in ihrem Erfolgsroman «Ich zähmte die Wölfin» (1951) dem Kaiser ein entsprechendes Innenleben fantasiert. (Das Buch wird derzeit vom Engländer John Boorman mit Antonio Banderas verfilmt.) Für die Bürger im alten Rom allerdings dürfte die Nachricht vom Rückzug schockhaft gewesen sein: Das scheinbar unendliche Reich zeigte Grenzen.
Imagepflege tat not. Hadrian war so PR-bewusst wie kaum ein anderer römischer Kaiser. Die medialen Mittel waren beschränkt, aber effektvoll, wie die Ausstellung mit gut gewählten Objekten und knappen Texten zeigt. Auf Münzen liess sich nicht nur der Kaiser darstellen; auch programmatische Slogans waren zu lesen: Gerechtigkeit, Stabilität, Goldenes Zeitalter, Ewiges Rom. Und noch mehr Eindruck machten wohl die unzähligen Statuen und Büsten, mit denen er das Reich überschwemmte. Auch in der für ihn erbauten Villenanlage in Tivoli bei Rom fand sich Hadrian mehrfach. Und noch in seinem römischen Mausoleum, der heutigen Engelsburg, liess er sich als steinerner Gigant verewigen.
Die gekerbten Ohrläppchen
Kolossal beginnt denn auch die Londoner Schau. Unversehens steht der Besucher vor einem enormen Marmorkopf. Ein Theatercoup. Gegen fünf Meter hoch muss die Hadrian-Statue gewesen sein, die vor einem Jahr in der Türkei entdeckt wurde. Nach Verhandlungen auf Ministerebene darf der sensationelle Fund nun erstmals an die Öffentlichkeit. Der Teil eines Beines liegt neben dem Kopf und auch ein Fuss, 80 cm lang, mit einer reich verzierten Sandale.
Vor allem an zwei Merkmalen lassen sich Hadrian-Statuen erkennen. Die Ohrläppchen des Kaisers sind diagonal gekerbt, was heutige Mediziner als Hinweis auf eine Erkrankung der Herzkranzgefässe diagnostizierten. Und Hadrian war der erste Imperator, der sich mit Bart abbilden liess. Ein Zeichen für seine Liebe zu Griechenland, wie viele Historiker meinen? Unzweifelhaft scheint sich der Kaiser für griechische Philosophie und Architektur interessiert zu haben, er war ein grosser Kunstsammler, schrieb Gedichte, verfasste Memoiren, von denen leider nur zehn Zeilen erhalten sind – der kostbare löchrige Papyrus ist in London ausgestellt.
Verliebt in Griechenland hatte sich Hadrian auch buchstäblich. Zwar war er standesgemäss verheiratet, mit Sabina, einer Verwandten Kaiser Trajans, die Ehe blieb kinderlos, in Wallung aber kamen die Gefühle des Kaisers bei Knaben – ein antiker Normalfall. Vor allem einer hatte es ihm angetan, der Grieche Antinous. Auf seinen vielen Kontrollreisen durch die Provinzen liess sich der Imperator von Gattin und Geliebtem begleiten, bis Antinous unter ungeklärten Umständen im Nil ertrank.
Hadrians Trauer war grenzenlos, er liess überall im Reich Statuen des schönen Jünglings aufstellen und ihn wie einen Gott verehren. Mehr als 100 Standbilder und 250 Münzporträts des Geliebten haben sich erhalten. Wie der Historiker Cassius Dio berichtet, wurde über den extensiven Totenkult auch gespottet; der Ausstellung aber verhilft er zu Prachtsstücken: Antinous posiert als griechischer Gott Dionysos und als ägyptischer Gott Osiris, er sinniert, lächelt, triumphiert. Leihgaben des Vatikans, des Louvre, aber auch des georgischen Nationalmuseums in Tiflis tragen zur einmaligen Vielfalt bei.
Doch Hadrian, den man seiner griechischen Passion wegen auch «Graeculus» (kleiner Grieche) nannte, hatte noch ganz andere Seiten. «Empire and Conflict» heisst die Londoner Ausstellung im Untertitel, und Hadrians Marmorkopf wirkt auf dem Plakat halb verschattet. «Der Kontrast ist Absicht», bestätigt Kurator Opper, «wir wollen den rätselhaftesten der römischen Kaiser in seinen Widersprüchen zeigen.»
Dazu passt, dass Hadrians Bart im Katalog nicht länger als Zeichen der Griechenliebe gedeutet wird, sondern als Mode, die bei römischen Militärs der jüngeren Generation grassierte. Hadrian war nicht nur ein feinsinniger Intellektueller und leidenschaftlich Liebender, er war vor allem ein Krieger. In der Armee hatte er Karriere gemacht. Auf seinen Reisen inspizierte er rastlos die Legionen. Er lobte und trieb an, verfügte Reformen und liess militärisch befestigte Grenzen bauen.
Gerade weil Hadrian römische Provinzen aufgeben musste, hatte er ein kriegerisches Image zu pflegen. Der Kaiser zeigt sich geharnischt, den Fuss auf dem Kopf eines besiegten Barbaren. Oder er präsentiert sich nackt als Kriegsgott Ares. Vor allem gegen Ende von Hadrians Herrschaft erlebte Roms Riesenreich stürmische Zeiten. An allen Ecken und Enden rebellierten unterworfene Völker.
Schlüssel aus den Höhlen
Am blutigsten war Hadrians Eingreifen im Nahen Osten, in Judäa. 132 n. Chr. hatte sich die jüdische Bevölkerung mit Waffen ein zweites Mal gegen die römischen Besatzer erhoben. Simon Bar Kochba hiess ihr charismatischer Anführer, und der Aufstand scheint sich rasch ausgebreitet zu haben. Bar Kochba, der sich als Messias sah, wollte den jüdischen Staat wiederherstellen; römische Münzen, so zeigt die Ausstellung, wurden neu geprägt: Statt des Kaisers ist nun der zerstörte Tempel von Jerusalem zu sehen. In seinem Standardwerk «Geschichte der römischen Kaiserzeit» nennt Karl Christ die Guerillakrieger «fanatisch»; im jüdischen Gedächtnis leben sie als Freiheitskämpfer weiter.
Bewegt steht der Besucher vor der Vitrine mit Habseligkeiten der Aufständischen. Erstmals werden die 1961 entdeckten Fundstücke ausserhalb Israels gezeigt. In Höhlen am Toten Meer hatten sich die verfolgten Juden geflüchtet, auch Bar Kochba. In einer der Höhlen, der «Cave of Letters», fanden sich Papyrusstücke von Briefen des Anführers, in denen er Gefolgsleuten rigide Befehle erteilte. Aber auch Hausrat kam zum Vorschein, Messer, Bronzekrüge, Spiegel, ein Strohkorb, die im trockenen Wüstenklima überdauerten, und viele Schlüssel. Offenbar hatten die Flüchtlinge gehofft, in ihre Häuser zurückzukehren. Umsonst. Hadrian führte einen Vernichtungskrieg. Über eine halbe Million Juden sollen getötet worden sein, wie der Römer Cassius Dio berichtet.
Auch die Ledersandale einer geflohenen Frau liegt in der Vitrine. Sie wird in der Ausstellung zum Sinnbild. Die Sandale ist nicht reich verziert wie jene am steinernen Riesenfuss des Kaisers beim Eingang. Unscheinbar ist sie, kaputt, durchgelaufen. Aber auch sie gehört zur Aktualität Hadrians. Aus dem Irak hatte er sich zurückgezogen; in Judäa jedoch schlachtete er die Juden ab, machte die Überlebenden zu Sklaven, verbot ihnen bei Todesstrafe das Betreten von Jerusalem und tilgte auch den Namen ihres Landes: Statt Judäa hiess die Provinz nun Syria-Palästina. Die Folgen dauern an.
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