In der theologischen Parallelwelt
18. Mai 2006, 22:37Ron Howard verfilmte Dan Browns «The Da Vinci Code»: Tom Hanks wird Gralsritter - und nicht der schlechteste.
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Man kann es sich kaum vorstellen, weil die Welt zurzeit ja sonst keine anderen Sorgen hat; aber für den Fall, dass jemand wirklich noch nicht weiss, warum in «The Da Vinci Code» Jacques Saunière, Direktor des Louvre, tot in der Grande Galerie liegt, ganz in der Nähe der «Mona Lisa» und der «Felsengrottenmadonna», nackt, umgeben von Anagrammen und als makabere Simulation von Leonardo Da Vincis «Proportionsstudie nach Vitruv», fassen wir zusammen. Vielleicht starb Jesus nicht unberührt und fuhr auch nicht auf in den dreifaltig beherrschten Christenhimmel, sondern in ein anderes Pantheon, um auf ewig der Grossen Göttin beizuliegen in der mystischen Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen.
Oder so ähnlich.
Möglicherweise ist er auch gar nicht gekreuzigt worden, sondern wandelte weiter hienieden, als Mensch unter Menschen, zusammen mit Maria von Magdala, seiner Ehefrau, die er mehr geliebt habe als seine Jünger, wie es im Evangelium des Philippus heisst. Mindestens die schwangere Maria Magdalena soll flüchtend nach Südfrankreich gelangt sein. Und daher geistern nun Geschichten durch die Geschichte, wie diese heilige Linie sich nach ein paar genealogisch diffusen Jahrhunderten fortsetzte im fränkischen Königsgeschlecht der Merowinger, die ihr Blut ungemein rein hielten in der Blüte ihrer Macht und in der langen Zeit ihrer Ohnmacht. Oder so ähnlich.
Mitten im mystischen Irrgarten
Ob der Heiland am Kreuz starb oder nicht: Jedenfalls sind wir da im mystischen Irrgarten, in dem sich der Heilige Gral verbirgt, aber nicht jener Kelch, in dem Joseph von Arimathea das Blut des Gekreuzigten auffing, vielmehr das Geheimnis des «sang real», des heiligen Bluts aus dem fruchtbaren Schoss der Frau aus Magdala, und das tiefere Mysterium geheiligter Weiblichkeit.
Denn auf diesem Fels wollte Christus seine Kirche bauen; dafür lebten und starben die Ritter vom Templerorden; diesen Schatz von dokumentiertem Wissen schützt die Prieuré de Sion seit den Zeiten des Gottfried von Bouillon; dies versteckte und enthüllte Da Vinci im «Abendmahl» und im wissenden Lächeln der Mona Lisa; und wenn die Zeit reif ist für die lautere Glaubenswahrheit, wird das aufgeklärte Christenvolk dem Papst den Stuhl Petri vor die Tür stellen wegen der jahrhundertelangen Lüge von einem sinnen- und frauenfeindlichen Gottessohn.
Also: Deshalb schickt das erzkatholische Opus Dei in «The Da Vinci Code» seine Wölfe unter die Lämmer, einen Albino-Mönch, der einen Louvre-Direktor niederschiesst, einen sinistren Polizeiinspektor, der den Mord einem amerikanischen Symbologen anhängen soll; ein geheimer vatikanischer «Rat» jagt, was vom Gral noch lebt; und nebenbei fällt einem ein, dass wir alten Pfadfinder vielleicht auch einmal Gralshüter waren mit unseren Lilien auf den Gürtelschnallen.
Oder so ähnlich. Denn am Anfang war das Wort, aber am Ende ist das Geschwätz der Verschwörungstheoretiker, und Dan Brown ist ihr Prophet. Willkommen in der theologischen Parallelwelt. Browns Roman - ein schlechter: klapprig in der Sprache, plapperig bei der Verwaltung der Handlungszeit und manchmal eine fast peinliche Figurenschnitzerei - kompiliert Faszinationen und Sehnsüchte, halbe Wahrheiten und ganze Fälschungen. Darin allerdings ist er meisterhaft, eine richtige Taschenspielerei in den Nebeln der Christenheit, und stärker als Literaturkritik ist in diesem Fall die normative Kraft des historischen Blödsinns.
Gründlich entrümpelt
Die Struktur des Buchs hat einem Routinier wie dem Regisseur Ron Howard die Verfilmung nicht allzu schwer gemacht. Die Entrümpelungsleistung ist dennoch bewundernswert. Aus dem Geschwätz wurde tatsächlich Drama. Es folgt, um bei der Gralsmetaphorik zu bleiben, schnurgerade der Rosenlinie vom Geheimnis zur Lösung, also von diesem Saunière, dem ein Mönch (Paul Bettany: ein schön bleiches Gespenst von einem Flagellanten) in den Bauch schiesst, zum merowingisch-magdalenischen Stammbaum. Und es ist auf viel Verzichtbares dankenswerterweise verzichtet worden; das Ganze hat jetzt nicht mehr diese gralstheoretisch gesättigte Redundanz, die einem alles, was gar nicht so kompliziert ist, dreimal erklärt.
Will auch sagen: Der Film kommt schnell zu dem, was Sache der schlichten Natur des Kinos ist, nämlich zur Beseelung von Papier. Was er von der Gralstheorie will, ist ihr auf hintereinander herjagende Figuren verteilter Unterhaltungswert. Das sind: diese reizend rehäugige Kryptologin Sophie Neveu (Audrey Tautou), die hier eigentlich gar nie etwas zu entziffern hat; der Symbologieprofessor Langdon (Tom Hanks) als ein Gralsritter von strahlender Durchschnittlichkeit, also einer wie du und ich plus Fachkompetenz; Sir Leigh Teabing (Ian McKellen), der sympathische Borderlinfall eines Gralsfanatikers; der Polizeiinspektor Fache (Jean Reno) in seiner frommen Brutalität; und der bereits gewürdigte Albino mit seinem zergeisselten Rücken.
So eine Konstellation funktioniert eigentlich immer. Der Gral, das Konfrontationsobjekt, ist da nur noch Mittel und nicht mehr Sinn, und die Mühe jeder Decodierung wird uns abgenommen, noch bevor wir sie als Mühe empfinden.
Ein wirklich sehr komfortabler Film. Verschwörungstheoretiker könnten leiden. Ihre Sache ist der heilige Ernst, und den entwickelt Howards «Da Vinci Code» nur dort, wo er dem unkatholischen Theater der Gralshüter alle die Kanten abschleift, an denen sich ein relevantes orthodoxeres Publikumssegment stossen könnte.
Tom Hanks glaubt nicht alles
Man könnte das natürlich auch eine Art Lakonie nennen, die sich dann besonders angenehm in Tom Hanks verkörpert. Der Mann - als Schauspieler und als Figur - glaubt offensichtlich nicht alles, was er sagt. Er hat sich, wie der Film, nicht mit Bierernst betrunken, und das gibt einem Stück Mysterien-Entertainment jene Glaubwürdigkeit, die grad so lang anhält, wie das Ganze dauert. Danach haben uns ohnehin die Welt und die eigenen Träume vom Gral wieder.
Die historischen Merowinger können übrigens nicht viel von einem heiligen Frühfeminismus gehalten haben. Das Salische Gesetz Chlodwigs II. vom Anfang des 6. Jahrhunderts schloss Frauen von der königlichen Erbfolge aus. Aber das nur beiläufig, so wie die kleine Fussnote, dass der Sage nach allen merowingischen Königen Borsten wie von Schweinen aus dem Rücken wuchsen; und das kam, weil ein Meeresungeheuer eine Königin begattete, die daraufhin den Merowig gebar, einen Sohn von seltsam schuppigem Aussehen. Warscheinlich nicht wahr, aber auch ein netter Stammbaum.
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