Schweiz

Zweifel an der Mobilfunk-Forschung

21. September 2006, 15:22

Wissenschaftliche Arbeiten über Auswirkungen von Mobilfunk-Strahlung, die allein von der Industrie finanziert sind, berichten vergleichsweise selten über Effekte auf den menschlichen Körper. Dies fanden Berner Forscher heraus.

Eine Mobilfunk-Antenne in Zürich-Witikon (Archivbild).
Eine Mobilfunk-Antenne in Zürich-Witikon (Archivbild).

Von Norbert Raabe

Wie die Universität Bern heute mitteilte, analysierten Wissenschaftler vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin alle wissenschaftlichen Studien, die zwischen 1995 und 2005 mit Hilfe von Labortests untersucht hatten, wie sich hochfrequente, elektromagnetische Strahlung von Handys oder Mobilfunk-Antennen auf den menschlichen Körper auswirkt.

Prägte Finanzierung die Resultate?
Insgesamt fanden die Forscher um Institutsdirektor Matthias Egger 59 entsprechende Arbeiten. Viel mehr dürften es nicht gewesen sein, so Egger, denn «wir haben schon sehr ausführlich gesucht». 12 dieser Studien waren ausschliesslich von der Industrie finanziert worden; 11 von Institutionen der öffentlichen Hand, zum Beispiel von Hochschulen. 14 Studien hatten Industriefirmen und öffentliche Hand gemeinsam bezahlt, und 22 Arbeiten liessen offen, wer sie finanziert hatte.

Die Resultate der Analyse, die am 15. September von der angesehenen Fachzeitschrift «Environmental Health Perspective» im Internet publiziert wurden, zeigen laut den Berner Wissenschaftlern, dass rein Industrie-finanzierte Arbeiten seltener Effekte von Mobilfunkstrahlung auf den menschlichen Körper nachweisen – beispielsweise Veränderungen der Hirnströme oder minimal schnellere Reaktionszeiten.

Vier Massstäbe für wissenschaftliche Qualität
Um daneben die Qualität der Studien beurteilen zu können, analysierten die Wissenschaftler die Arbeiten nach vier Kriterien – nämlich der Vergleichbarkeit, nachgewiesen durch die Art der Auswahl von Versuchspersonen, und der Genauigkeit der statistischen Auswertung. Zudem bewerteten sie die «Verblendung»: das Verfahren, mit dem während eines Labortests verhindert wird, dass der Proband weiss, wann er der Strahlung ausgesetzt wird. Sonst könnten Nervösität oder andere Faktoren die Messresultate beeinflussen. Und schliesslich analysierten die Forscher, wie exakt Einfluss und «Menge» der Strahlung gemessen und dokumentiert wurde.
Beste Arbeiten mit gemischter Finanzierung
Die Analysen zeigten, dass Studien, die gemeinsam von der öffentlichen Hand und der Industrie getragen wurden, am besten abschnitten – in allen vier Kriterien, wie Institutsdirektor Egger erläutert. An zweiter Stelle rangieren demnach Untersuchungen, die Universitäten, Kliniken oder andere öffentliche Einrichtungen alleine bezahlten.

Das Ergebnis erklärt sich Egger durch zwei Einflüsse. Zum einen, so der Forscher, steht bei Studien mit Industriebeteiligung mehr Geld – und damit Zeit – zur Verfügung. Zum anderen verweist er auf das vorhandene Know-how der Mobilfunk-Industrie, sowohl durch Erfahrung als auch durch hochwertige Laborausrüstung, über die nicht jede Universität verfügt.

Zweifel bei rein Industrie-finanzierten Studien
Als Fazit der Studie nennt Egger die Einsicht, dass «von rein Industrie-finanzierten Studien abzuraten» sei. Zudem sollten bei derartigen Untersuchungen die Rahmenbedingungen so gesichert werden, dass ein Einfluss des Geldgebers ausgeschlossen werden kann.

Ob Mobilfunk-Strahlung die Gesundheit von Menschen tatsächlich beeinträchtigt, ist den Berner Forschern zufolge noch immer nicht endgültig geklärt. «Das müsste man in Langzeitstudien untersuchen», sagt Egger. Doch solche Arbeiten sind äusserst aufwändig – und damit wohl zu teuer für viele Hochschulen und Kliniken.

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