Ich liebe dich und sie, und du liebst mich und ihn
23. Januar 2007, 13:43Polyamorie eint Menschen, die mehrere Beziehungen auf einmal pflegen. Die sich aber auch klar abgrenzen wollen von der Swingerszene oder dem Begriff der «freien Liebe».
Von Dirk Engelhardt
Wer kennt das nicht: Man lebt in einer ganz harmonischen Beziehung. Aus heiterem Himmel taucht Mister oder Miss Wonderful auf und wirbelt das eingespielte Partnerleben durcheinander.
Was nun? Gemäss der allgemeinen gesellschaftlich geltenden Konvention hat man sich der Erstliebe ja allein selig machend versprochen. Eine heimliche Beziehung beginnen? Eine heisse Nacht wagen? Fremdgehen? Mister Wonderful eine kalte Absage erteilen? Oder sich flugs in seine Arme begeben und der alten Liebe Goodbye sagen? Oder, was gar nicht so selten ist: verwirrt sein, im Gefühlsdusel taumeln und weder ein noch aus wissen?
«Monogamie ist unnatürlich»
«Die monogame Beziehung, sich ein Leben lang ausschliesslich einander versprechen, das läuft der menschlichen Natur zuwider», sagen die Vertreter der Polyamorie. Das sind Menschen, die Liebesbeziehungen zu mehr als einer Person gleichzeitig führen – mit vollem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner. Das ist an sich nichts Neues, Menschen, die mehr oder minder offiziell in Mehrfachbeziehungen leben, gabs immer schon.
Dass sich solche Menschen heute unter dem Begriff der Polyamorie vermehrt zusammentun und austauschen – etwa in Foren oder über spezielle Plattformen im Internet – ist eine Antwort auf die ihrer Meinung nach fehlende Akzeptanz ihrer Lebensform. Denn noch immer beherrscht der Verhaltenskodex der Monogamie mit all ihren Begleiterscheinungen die westliche Gesellschaft.
Polyamorie umfasst mehr als der gebräuchliche Begriff «Freie Liebe», die sich im Wesentlichen auf Sexualität beschränkt. Die Beziehungen sind langfristig und vertrauensvoll angelegt und schliessen meist Verliebtheit, Zärtlichkeit und Sex mit ein. Polyamorie grenzt sich damit auch von der Swingerszene ab, die zwar wechselnde Sexpartner, jedoch nicht notwendigerweise damit verbundene enge Beziehungen pflegt. Bigamie und Polygamie sind der Polyamorie zwar ähnlich, jedoch weist die Vielehe striktere Normen auf: Ein Mann ist dabei gewöhnlich mit mehreren Frauen verheiratet.
Mit offenen Karten
«Mein Herz gehört nur dir allein, das geht auf lange Dauer nicht gut» – so oder ähnlich schildern Polyamoristen ihre Beweggründe, sich ganz offiziell von der Monogamie zu verabschieden. Ein nicht zu leugnender Vorteil ihres Outings: Das schlechte Gewissen gegenüber dem Partner, dem man ein Sexabenteuer oder eine Beziehung verheimlicht, gehört der Vergangenheit an.
Polyamoristen stellen von vornherein klar, dass sie sich niemals allein an einen einzigen Menschen zu binden gewillt sind. Doch wie steht es mit der Eifersucht? Die lässt sich wohl kaum auf Knopfdruck eliminieren. «Eifersucht gibt es natürlich auch, aber in geringem Ausmass», sagt Mirja aus Zürich. Die 35-jährige Mutter von zwei Kindern hat jahrelang Polyamorie praktiziert, ohne den Begriff und die Bewegung zu kennen. Sie ist mit ihrem Ehemann seit 14 Jahren zusammen, vor 7 Jahren heirateten sie, als Mirja schwanger wurde. Kurz nach dem ersten kam ein zweites Kind. «Als dann zwei kleine Kinder da waren, habe ich das als sehr streng empfunden. So Tag und Nacht eingebunden zu sein, keine persönliche Freiheit mehr zu haben.»
Bis zu diesem Zeitpunkt war die Beziehung recht gut gelaufen, «obwohl es einige Krisen gab – oder auch vielleicht gerade deswegen». Eheliche Treue war nie ein Gesprächsthema gewesen. Doch nun verfiel ihr Mann, der zwei Jahre älter ist als sie, in eine Depression.
Eines Tages gestand er ihr seine Seitensprünge – in der Erwartung: «Jetzt stellt sie mich vor die Tür.» Doch dem war nicht so. «Ich empfand nicht die Verletztheitsgefühle, wie sie alle Welt von mir erwartete», sagt Mirja. «Das kam mir anfangs suspekt vor, und ich fragte mich, ob ich da etwas verdrängte.» Heute sieht Mirja den Grund für ihre unaufgeregte Reaktion in ihrem Urvertrauen und in ihrer grossen Liebe zu ihrem Ehemann: «Weil er immer für mich und die Familie da war, in dieser Hinsicht die Treue in Person war.»
Mit Hilfe einer Beraterin ging es ihrem Mann bald besser, und Mirja ihrerseits nahm eine Beziehung zu einem älteren Mann wieder auf, die sie vor längerer Zeit hastig abgebrochen hatte. «Wir wagen das Experiment», sagte sie zu sich selber, und fühlte sich trotzdem wie ein Baby, das in eine neue Welt geworfen wird. Mittlerweile lebt sie beide Beziehungen – der andere Mann ist 46 - sehr intensiv und möchte keine davon missen. Wegen der Kinderbetreuung bleiben allerdings oft nur kurze Momente, um mit den Männern alleine zu sein.
Die Eifersucht, die gibts
Die Eifersucht ist aber auch für Mirja deswegen noch nicht aus der Welt: «Vor einigen Wochen hat mein Mann sich neu verliebt, und er erzählte mir fast nichts davon.» Erst nachdem er seine Erfahrung offen und grosszügig mit ihr teilte, fühlte sich Mirja gut. «Ich bin glücklich für meinen Mann, dass er diese Frau kennen gelernt hat und wünsche ihm von ganzem Herzen ein erfülltes Liebesleben.» Üblicherweise leisten ja Frauen mehr Beziehungsarbeit als Männer, doch in polyamoren Beziehungen müssen Männer zwangsläufig mehr kommunizieren, sich mehr einbringen. Das gefällt Mirja.
Für Europa noch neu
In den USA ist die Polyamorie-Bewegung bereits vor etwa 20 Jahren entstanden – geraume Zeit nach den wilden 68ern in Europa. Heute gibt es im an sich in Liebesdingen prüden Amerika eine vielfältige Szene. Im alten Europa dagegen ist die Bewegung noch neu.
Und die Polyamorie als Lebensform funktioniert oft erst in der schönen Theorie, wie der Schweizer Markus Rüegg am eigenen Leib erfahren hat. Nach einer 10-jährigen Ehe war Rüegg jahrelang auf der Suche nach etwas «Freierem». Eine offene Beziehung oder ein polyamores Netzwerk, etwas in dieser Richtung sollte es sein. Doch was passierte? Rüegg machte seine Rechnung ohne den wichtigsten Part, nämlich die Partnerin. «Ich lernte nur eifersüchtige Monofrauen kennen», erzählt er. «Für die waren Mehrfachbeziehungen ein echtes Schreckgespenst!» Dies, obwohl er Partnerinnen im Umfeld von Tantragruppen oder Poly-Netzwerken suchte und sich im Mekka der freien Liebe umsah – «die übrigens alles andere als frei ist».
Der Schritt in die Praxis
Dennoch scheint die Liebe zu mehreren auch in unseren Breitengraden langsam Aufwind zu erhalten. In vielen Städten der Schweiz und auch in Deutschland gibt es mittlerweile Treffen und Stammtische. Nur scheint es den meisten in der Praxis nach wie vor schwer zu fallen, sich effektiv zu befreien vom vorherrschenden gesellschaftlichen Kodex.
Roman, 48 Jahre alt, aus Luzern wollte in seinen jüngeren Jahren eigentlich «normale» Beziehungen führen. Aber vor allem, weil ihm keine Alternativen bekannt waren. «Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich immer schon offenere Beziehungen geführt.» Es war für ihn noch nie einsichtig, weshalb eine bestehende Beziehung enden soll, wenn er – oder eine Partnerin – sich in jemand anders verliebt. Seine forciert monogamen Beziehungen klappten auf Dauer immer schlecht.
Mit seiner heute langjährigsten Partnerin traf Roman einen Deal: Die Beziehung sollte sich jederzeit in jede Richtung bewegen können. Auch wenn die Wege sich trennten, was etwa der Fall wäre, wenn jemand auswandert, sollte die Beziehung als «in Kraft» gelten. Mittlerweile haben die beiden 12 Jahre «Polyleben» hinter sich, wie Roman es ausdrückt, mit Hochs und Tiefs, wie sie auch in jeder normalen Beziehungen auftreten.
Vor sieben Jahren suchte Roman im Internet Gruppen, die Beziehungen wie er leben, doch wurde er nicht fündig. So entschloss er sich, selber eine Plattform aufzubauen. Sie ist unter www.polyamory.ch zu finden: «Bis anhin wurden 16 000 Beiträge geschrieben, rund 1000 davon in den letzten beiden Monaten», sagt Roman.
Es handelt sich nicht um einen Harem
Roman zieht eine klare Trennungslinie zu anderen polygamen Lebensformen, die es – wie etwa den viel zitierte Harem – schon lange gibt. «Das Spezielle an der Polyamorie ist die absolute Gleichberechtigung aller Beteiligten. Viele der als polygam bezeichneten Konstellationen kamen früher durch schiefe Machtverhältnisse zu Stande.»
Polyamorie sieht Roman auch als Antwort auf die moderne Gesellschaft. Sie entspräche den heutigen Bedürfnissen und Lebensentwürfen. Die Menschen seien dafür reif wie noch nie in der Geschichte, meint der lebenserfahrene Mann, und mit einem Hauch von Euphorie fügt er an: «Wenn wir uns vor Augen halten, was sich allein in den letzten Jahren an unseren Lebensumständen radikal geändert hat, warum sollte dann ausgerechnet der wichtigste Teilbereich unseres Lebens auf Konzepte zurückgreifen, die vor ein paar hundert Jahren entworfen wurden?»
Buchtipp: Bärbel Schlender / Erhard Söhner: Ein Frühstück zu Dritt, Novum Verlag, 2006, 14.90 Euro,
www.ein-fruehstueck-zu-dritt.de
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www.polyamory.ch
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