Sich gegen die Klimafolgen wappnen
07. April 2007, 14:30Ökosysteme reagieren auf allen Kontinenten auf den Klimawandel. Eine Umkehr ist meistens nicht mehr möglich.
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Der Permafrost schmilzt in den Alpen und verursacht Bergstürze und Rutsche. Viele Flüsse, die Gletscher- und Schneewasser führen, erreichen ihre Abflussspitzen früher im Frühling. Die Wasserqualität leidet in zahlreichen Seen und Flüssen unter den angestiegenen Wassertemperaturen. Pflanzen blühen früher, Vögel kehren früher aus den Wintergebieten zurück, Korallenbänke sterben ab.
Fünf Jahre lang haben hunderte Wissenschaftler des Uno-Wissenschaftsrates für Klimaveränderung IPCC gegen 75 gross angelegte Studien mit einem riesigen Wulst an Daten von allen Kontinenten der Erde zusammengetragen und eingeordnet. Die Ergebnisse zu den Klimafolgen im zweiten Teil des vierten IPCC-Zustandberichtes hat der Klimarat gestern in Brüssel präsentiert. Die Botschaft in der Zusammenfassung an die politischen Entscheidungsträger ist eindeutig: Beobachtungen wie oben beschrieben sind in acht von zehn Fällen hauptsächlich eine Reaktion auf die Klimaerwärmung. Modellrechnungen zeigen, dass diese Veränderungen allein mit natürlichen Temperaturschwankungen nicht erklärbar sind. Schuld ist hauptsächlich die Klimaerwärmung der letzten Jahrzehnte, für die, so machte der erste Teil des IPCC-Reports im Februar deutlich, der Mensch der Hauptschuldige ist.
Doch die Klimaexperten relativieren auch: Es gibt verschiedentlich noch Unsicherheiten, ob die Effekte auf einzelne Ökosysteme vorwiegend auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Noch seien auf regionaler Ebene oft zu wenige Untersuchungen vorhanden, um die Auswirkungen der Erderwärmung von anderen Faktoren wie Verschmutzung oder Veränderungen der Landoberfläche zu trennen.
Trotzdem hat der IPCC eine klare Vorstellung, wie sich die Erde unter dem Einfluss des Klimawandels entwickeln könnte. Falls der weltweite Treibhausgas-Ausstoss nicht deutlich sinkt und die Regierungen nicht mehr in Dämme, in eine effizientere Wasserversorgung oder in zuverlässigere langfristige Wetterprognosen investieren, hat das gemäss dem IPCC fatale Folgen: Die Menschen in den mittleren Breiten und in tropischen Trockengebieten beispielsweise werden in Zukunft noch stärker unter Dürreperioden leiden. Überschwemmungen werden sich vermutlich häufen, was eine nachhaltige Entwicklung vor allem in den Entwicklungsländern bremst. Wird es gegenüber der vorindustriellen Zeit um zwei Grad wärmer, so rechnen Computermodelle, kann sich die Zahl der Menschen, die unter Wassernot leiden, im schlimmsten Fall auf zwei Milliarden erhöhen. Die Erde hat sich in den letzten 100 Jahren durchschnittlich um etwa 0,8 Grad erwärmt.
Zu düstere Szenarien?
Für manche Klimaexperten sind die Aussagen der IPCC-Experten zu düster. Es werde die Möglichkeit nur zu oft übersehen, dass die Menschen sich veränderten Umweltbedingungen anpassen können. Andreas Fischlin, Lead-Autor des IPCC-Reports, gibt zu, dass die Forschung zu Anpassungsmassnahmen zu wenig vorangebracht wurde: «Deshalb haben wir IPCC-Autoren auch Mühe, starke Aussagen zu machen. Diese Forschung gibt es kaum.» Trotzdem sind die Texte zur Anpassung in der Zusammenfassung des Berichts für die politischen Entscheidungsträger grösser ausgefallen als im Schlussentwurf. Die Forscher betonen darin, dass Anpassungsmassnahmen künftig vordringlich sind. Denn manche beobachteten Entwicklungen lassen sich nicht mehr aufhalten. «Künftig müssen Überlegungen zur Anpassung bewusster auf die Klimafrage ausgerichtet werden, vor allem im Dialog zwischen Politik und Öffentlichkeit», sagt Fischlin. Die IPCC-Experten machen darauf aufmerksam, dass es zwar eine Vielzahl von technischen Möglichkeiten gibt, aber kaum Studien über deren Machbarkeit, Kosten und die Effektivität. In armen Ländern fehlt es dafür oft an Geld, Wissen und Sensibilität. Denn Erklärungsnotstand, Konflikte oder Seuchen stellten die Klimaproblematik häufig in den Hintergrund.
Im Zentrum der weltweiten Klimadiskussion stand bisher vor allem die Reduktion der Treibhausgase. Im Rahmen des Kyoto-Protokolls wurden in den letzten zwei Jahren mehr als 500 Klimaprojekte in 40 Entwicklungsländern registriert. Das Uno-Klimasekretariat rechnet damit, dass bis Ende 2012 bis zu 1,8 Milliarden Tonnen Treibhausgase weniger in die Atmosphäre entlassen werden. Das entspricht den jährlichen Emissionen von Kanada, Frankreich und Spanien zusammen. Bei den Anpassungsmassnahmen hingegen tun sich die Uno-Klimavertragsstaaten bislang schwer, Gelder für die entsprechenden Fonds zu sprechen. Der IPCC warnt jedoch im Bericht: Falls massive Reduktionen der Treibhausgase künftig vernachlässigt würden, wären die Folgen der Klimaerwärmung schliesslich so dramatisch, dass sich der Mensch nur noch schwer anpassen könne.
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