Schweiz

Mit Windenergie Eisenbahn fahren

30. Juli 2007, 20:22

In Dänemark will eine kleine Privatbahn Züge mit Wasserstoffantrieb erproben. Für die Wasserstoffproduktion könnte die Windkraft genutzt werden.

Von Walter Jäggi

Aus Schweizer Sicht ist das Problem nicht leicht zu verstehen: Wie betreibt man die Eisenbahn leise und umweltfreundlich? Mit Elektroantrieb natürlich. Im Weltmassstab ist die Situation aber völlig anders. Kaum irgendwo sonst ist die Eisenbahn zu 100 Prozent elektrifiziert. Italien und Schweden stehen mit 70 Prozent noch gut da, in Deutschland und Spanien aber sind heute keine 60 Prozent der Strecken elektrifiziert, in Frankreich knapp 50 Prozent, in England 30 Prozent, von Afrika und Amerika ganz zu schweigen.

Die überwiegende Zahl der Eisenbahnen auf der Welt fährt mit Dieselmaschinen. Diese sind zwar sehr robust, aber wenig effizient und in vielen Fällen auch arge Luftverschmutzer. Auf langen Strecken in grossen Netzen mit wenig Verkehr lässt sich jedoch eine elektrische Fahrleitung nicht rentabel betreiben. Eine saubere Art der Stromerzeugung im Zug selber wäre also sehr erwünscht.

Die Windenergie vor der Haustür
Bei der dänischen Privatbahn VLTJ, welche die kleinen Städte Vemb, Lemvig und Thyrborön in Jütland verbindet, hat man ein Auge auf die zahlreichen Windkraftanlagen geworfen, an denen die Dieselzüge dort Tag für Tag vorbeifahren. Dänemark deckt heute seinen Strombedarf zu 18 Prozent mit Windenergie, in 20 Jahren sollen es 50 Prozent sein.

Aus Gründen des Netzausgleichs muss ein Teil des ungleichmässig anfallenden Windstroms in eine speicherbare Form gebracht werden, in Zukunft etwa durch Elektrolyse in Wasserstoff. Dieser ist transportierbar, kann also in der Bahn den Diesel ersetzen. Im Rahmen eines EU-Projektes, an dem Bahnindustriefirmen, Forschungsinstitute und der Internationale Eisenbahnverband mitwirken, soll in den nächsten Jahren in Jütland als Demonstrationsobjekt ein Zug mit Wasserstoffantrieb auf die Schienen kommen.

Eine einzige der dortigen grossen Windturbinen mit ihrem 80-Meter-Propeller würde mehr als genug Strom liefern, um den Energiebedarf der Bahnlinie zu decken, die sich wegen ihrer überblickbaren Grösse gut für den Versuch eignet.

Die Strecke der VLTJ misst nur 60 Kilometer. Täglich fahren 12 bis 19 Züge, 250 000 Passagiere, meist Schüler und Touristen, werden pro Jahr befördert. Und etwas Güterverkehr gibt es auch, denn an der Strecke liegt ein grosses Chemiewerk mit Bahnanschluss.

Für den Versuchsbetrieb ist das ideal. Bei der Firma Cheminova könnte der Wasserstoff kurzfristig in unmittelbarer Nähe bezogen werden (heute wird er als Abfallprodukt in die Atmosphäre entlassen), oder er liesse sich mit Hilfe von Windstrom erzeugen. Etwa im Jahr 2010, so hoffen die Initianten, könnte der Wasserstoffzug in Betrieb gehen und dann als Vorbild für andere Bahnen dienen, zum Beispiel auch in Mittel- und Osteuropa.

Taugliche Brennstoffzellen gesucht
Die technischen Detailfragen sind allerdings noch nicht geklärt. Etwa die Stromspeichertechnik an Bord oder die Art der Brennstoffzelle, die den Wasserstoff zu Strom macht. Die Autoindustrie bietet heute Zellen mit einer Lebensdauer von 5000 Stunden an, die Bahn braucht aber mindestens 20 000. Offen sind auch noch finanzielle Aspekte: Ob sich der Ersatz des Dieseltreibstoffs durch Wasserstoff lohnt, hängt beispielsweise stark von der Preisentwicklung des Diesels ab.

Während in Europa das dänische Projekt eine Vorreiterrolle spielt, haben in den USA und in Japan bereits Versuchsfahrten mit Wasserstoffloks stattgefunden. Im Prinzip gibt es eine Alternative zu den lärmigen, stinkenden Dieselloks – marktreif aber sind die neuen Maschinen noch nicht.

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