Wie Geller und Co. tief in die Trickkiste greifen
05. Februar 2008, 09:16 Von Hugo StammIn der Castingshow «The next Uri Geller» zeigen die Kandidaten magische Kunststücke. Angeblich mit mentaler Kraft. Fauler Zauber, sagen Trickkünstler.
Sie sprechen mit Toten, springen mit einem Strick um den Hals vom Podest unter einem Galgen, inszenieren mit Revolvern russisches Roulette, lesen Gedanken und entschlüsseln versteckte Botschaften: Die zehn Kandidaten der magisch-mystischen Castingshow «The next Uri Geller» bringen dem Privatsender Prosieben Dienstag für Dienstag bis zu 5 Millionen Zuschauer. Den Nachfolger von Uri Geller sollen sie küren, obwohl der 61-jährige Israeli offenkundig noch gar nicht daran denkt, den Zauberlöffel abzugeben.
Der grosse Etikettenschwindel
Demonstrieren die Zauberlehrlinge zur Primetime tatsächlich übersinnliche Wunder, oder gaukeln sie dem Publikum bloss etwas vor? Die Bilanz nach den ersten vier Sendungen ist eindeutig: Die Kandidaten der aufwändigen Show bieten viel Spektakel, ab und an ein bisschen metaphysisches Gruseln, aber mit mentalen oder magischen Phänomenen hat das Casting nichts zu tun. Die Zuschauer werden mit mehr oder weniger eleganten Tricks getäuscht; der Sender betrügt sein Millionenpublikum.
Geistiger Urheber des Castings ist der israelische Trickzauberer Uri Geller. Er tingelt mit dem neuen Showformat gewissermassen um die Welt. Geller ist ein zweitklassiger Magier, aber ein begnadeter Vermarkter seiner selbst. Schon vor 37 Jahren hat er Löffel verbogen, und noch heute hält er das Publikum mit dem gleichen Trick in Atem. Es ist erstaunlich.
Die alten Tricks - sie ziehen noch immer, wie der Erfolg der Castingshow beweist. Kein Kunststück, das Wolfgang Sommer, der Präsident des Magischen Zirkels Deutschlands, nicht schon kennen würde. Die Kandidaten sind seinen Aussagen zufolge reine Zauberkünstler, die meisten von ihnen gehören seiner Vereinigung an. Sommer ärgert sich, dass den Zuschauern vorgegaukelt wird, die Kandidaten arbeiteten mit übernatürlichen Kräften. Er spricht von einem Bärendienst, den der marktschreierische Uri Geller damit der Zunft der Trickzauberer erweise.
Auch Sven Bolliger, Präsident des magischen Rings der Schweiz, bestätigt: «Es ist eine Zaubershow - nicht mehr und nicht weniger.» Die Vorführungen bestünden voll und ganz aus Zaubertricks. Der Etikettenschwindel ist für ihn aus «zauberischer und ethischer Sicht verwerflich».
Die Vorspiegelung falscher Tatsachen führte schon im Vorfeld des Castings zu Unstimmigkeiten. Prosieben unterbreitete den Kandidaten Verträge, in denen sie bestätigten sollten, über «ausgeprägte mentale und intuitive Fähigkeiten wie etwa Gedankenlesen, Telekinese, Suggestion oder Autosuggestion» zu verfügen. Die meisten verweigerten die Unterschrift, der Sender musste den Passus entschärfen. Ein Teilnehmer bestätigt, dass weder er noch irgendein anderer Kandidat über die Fähigkeit verfügt, Dinge mit mentalen Kräften zu bewegen. Trotzdem werden die Kunststücke in der Sendung als übersinnliche Phänomene verkauft. Kein Wunder, dass die Kandidaten im Internet von Kollegen aus der Zauberzunft als seelen- und gewissenlose Scharlatane beschimpft werden.
Manche Trickkünstler finden den Schwindel derart schamlos, dass sie nun bewusst die eherne Regel ihrer Zunft brechen, niemals das Geheimnis eines Kunststücks zu lüften. Der deutsche Trickkünstler und Rechtsanwalt Mark Schmidt und der berühmte kanadische Magier James Randi entzaubern die Show, indem sie im Internet alle gezeigten Kunststücke genau erklären. Sie halten die Aufklärung des Publikums für wichtiger als die Standesregel. Andere Zauberer entlarven die meisten Tricks auf youtube optisch. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (www.gwup.de).
Ein paar Beispiele aus der Castingshow zeigen, wie die Tricks funktionieren - und wie die Kandidaten und Prosieben das Publikum an der Nase herumführen.
Mit dem Strick um den Hals
Der Kandidat, der sich Dr. Lord Jack Nasher-Awakemian nennt, steht unter dem Galgen und legt sich einen tödlichen Strick um den Hals. Ein Arzt sitzt in der vordersten Reihe, bereit, den potenziellen «Selbstmörder» zu reanimieren. Promis und Politiker, die in der Ehrenloge sitzen, halten den Atem an. Das Szenario suggeriert: Es geht um Leben und Tod.
Nasher präsentiert fünf gleich aussehende Henkerstricke mit Manschette. Darunter ist einer der Stricke, wie er dem Publikum erklärt, durchtrennt und von zwei Magneten zusammengehalten. Nur welcher? Der «Magier» wählt mit verbundenen Augen und angeblich mentalen Kräften einen Strick aus. Dann folgt eine unlogische Handlung, die den Trick verrät: Obwohl Nasher bereits einen Strick gewählt hat, nimmt er noch einmal alle Henkerobjekte einzeln in die Hand und lenkt das Publikum mit belanglosen Erklärungen ab. Es ist nicht mehr zu erkennen, welchen Strick er ursprünglich ausgewählt hatte.
Der Zauberer verschafft sich so die nötige Zeit, das präparierte Seil am Gewicht zu erkennen: Es ist wegen der grossen Magnete eineinhalbmal so schwer wie die übrigen. Nasher springt, der Strick reisst.
Eine weitere Überlegung macht klar, dass es sich um einen plumpen Trick handeln muss. Prosieben hätte die Demonstration nicht zugelassen, wenn sich Nasher auf seine mentalen Kräfte hätte verlassen müssen. Das Risiko eines Fehlgriffs wäre zu gross gewesen. Ein blau angelaufener Lord Jack vor einem Millionenpublikum wäre eine Katastrophe gewesen - und hätte den Ruf des Senders ruiniert.
Eine magische Berührung
Kandidat Nicolai Friedrich behauptet bei seinem angeblich mentalen Trick, er könne eine Berührung von einer Person auf die andere übertragen. Er streichelt Schauspieler Jürgen Vogel mit einer Feder am Arm, Moderatorin Sonya Kraus, welche die Augen verbunden hat, soll die Berührung gleichzeitig an derselben Stelle spüren. Der Trick: Friedrich erklärt dem Publikum, wie die «magische Übertragung» angeblich stattfindet. Mit theatralischen Bewegungen demonstrierte er, wie die Energie vom Arm des Schauspielers zum Arm der Moderatorin fliessen soll. Dabei berührt er mit einem unsichtbaren Faden den Arm von Sonya Kraus.
Eine besondere magische Note erhalten Demonstrationen, welche die Zuschauer selbst erleben und mit euphorischer Stimme dem Moderator beschreiben. Niemand weiss dies besser als der Trickkünstler Uri Geller, der ausser Konkurrenz auftritt. Er suggeriert dem Publikum, er könne mit seinen mentalen Kräften defekte Uhren wieder zum Laufen bringen.
Wolfgang Sommer, der Präsident des Magischen Zirkels Deutschlands, sagt, dass Geller sich einfach die Wahrscheinlichkeit zu Nutze mache. Mit anderen Worten: Wenn 100 000 Zuschauer alte Uhren hervornehmen, diese schütteln, aufziehen und in ihren warmen Händen halten, werden Dutzende aus mechanischen Gründen - weil das Uhrwerk festgefahren ist - ein kurzes Lebenszeichen von sich geben.
Das Publikum müsste Gellers Fragestellung eigentlich umkehren: Warum laufen nur ein paar wenige Uhren nach dem Ritual? Wie funktioniert die gezielte Energieübertragung auf defekte Uhren über Hunderte von Kilometern? Könnte Geller tatsächlich solche Kräfte freisetzen, würden diese wohl auch Steuerungselemente von Hunderttausenden Maschinen und Computern treffen und ein heilloses Chaos anrichten. Millionenklagen wären Geller und Prosieben ziemlich sicher.
Hilfe, das Herz steht still
Kandidat David Goldrake will sein Herz mit mentalen Kräften 30 Sekunden lang zum Stillstand bringen. Ein Notarzt ist zur Stelle. Eine Assistentin und ein Pulsmesser, der die Daten auf den Computer überträgt, überwachen den Pulsschlag an Handgelenk und Arm. Der Trick: Der Kandidat hat einen Golfball in der Achselhöhle versteckt. Durch Druck kann er die Schlagader am Oberarm abklemmen.
Uri Geller fordert die Zuschauer auf, einen Löffel auf den Fernseher zu legen und das Studio anzurufen, wenn der Löffel zu Boden fällt. Die Telefonleitung läuft daraufhin heiss. Es gibt zwei Gründe für das Phänomen: Bei Geräten mit einem abgeschrägten Gehäuse sind die Löffel in einem labilen Gleichgewicht. Schon die kleinsten Erschütterungen, ausgelöst durch die integrierten Lautsprecher oder vorbeifahrende Trams, können den Fall des Löffels bewirken. Ausserdem gibt es immer wieder Zuschauer, die sich gern vor grossem Publikum in Szene setzen und dem Moderator erzählen, was er gern hören möchte, auch wenn der Löffel nicht zu Boden gefallen ist. Dieses Phänomen bestätigt sogar Uri Geller selbst.
Der Berner Trickkünstler Vincent Raven behauptet, seine Rabendame Corax könne Kontakt mit der «Anderswelt» aufnehmen. Seinem Vogel gelinge es sogar, den Tod anzukündigen, Tote zu sehen und mit ihnen zu kommunizieren.
Da Raben nicht sprechen können, handelt es sich um gar keinen Trick, der entlarvt werden könnte. Raven fantasiert die angeblichen Botschaften aus dem Jenseits einfach zusammen. Wer an das Phänomen glaubt, sollte sich fragen: Wie kann ein Vogel Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen oder Gedanken lesen und übertragen? Gibt es eine Vogelsprache? Warum verstehen angeblich nur spirituell begabte Personen die Tiere? Tier-, Verhaltens- und Hirnforscher erklären jedenfalls unisono, dass ihnen noch nie ein sprechendes und medial begabtes Tieren begegnet sei.
Bei seiner Demonstration veranstaltet Olaf Kohrs mit seiner Partnerin Vivian Sommer russisches Roulette mit vier Revolvern, von denen einer geladen ist. Sommer muss mit Intuition und mentalen Kräften herausfinden, welche Waffen harmlos sind. Kohrs zielt mit den ausgewählten Revolvern auf ihren Kopf - und drückt ab.
Was gibt es da zu sagen? Die Demonstration ist geschmacklos. Keine Frage. Es muss sich um einen todsicheren Trick handeln, denn bei einem übersinnlichen Experiment wäre die Fehlerquote zu gross. Der Sender würde das Risiko einer öffentlichen Exekution nie eingehen.
Der Trick war im wahrsten Sinne augenfällig: Die Assistentin steckte den geladenen Revolver verkehrt herum in die Halterung. Die Griffe der ungeladenen Revolver schauten nach rechts, der geladene Revolver nach links. Doch woher wusste Vivian Sommer, deren Augen verbunden waren, mit welcher Waffe auf sie gezielt wurde? Der Schütze teilte seiner Partnerin mit einem vereinbarten Sprachcode mit, ob er die geladene oder eine der drei ungeladenen Waffen in der Hand hielt. Zum Schluss schoss Kohrs mit der geladenen Waffe auf einen Spiegel. Er barst in tausend Stücke. Das steigerte den Effekt.
Das Besteck biegt sich
Wenn Uri Geller am Werk ist, dürfen die verbogenen Löffel natürlich nicht fehlen. Den uralten Trick, den viele Zauberkünstler in ihrem Repertoire führen, gibt er in der Sendung einmal mehr zum Besten. Geller präpariert die Löffel vor der Demonstration, indem er sie so lang hin und her biegt, bis sie eine Bruchstelle aufweisen. Diese verdeckt er mit seinen Fingern. Ein leichter Druck, und das Trickobjekt bricht in zwei Teile.
Und wie verbiegt er die Gabeln? Geller verwendet Gabeln mit einer bestimmten Legierung, die sich durch die Wärmeabstrahlung der Finger erwärmen und in einer physikalischen Reaktion krümmen.
Als der israelische Trickkünstler vor Jahren in einer Fernsehshow auftrat, vertauschte die Redaktion die präparierten Löffel mit normalem Besteck. Geller schwitzte Blut, weil sich die Löffel weder biegen noch brechen liessen.
Bleiben noch einige grundsätzliche Überlegungen: Wie soll Geller mit seinen angeblich mentalen Kräften hartes Metall auf weite Distanzen verbiegen können? Es wäre der Alptraum aller Lokführer, wenn sich während der Sendung plötzlich die Schienen verbiegen würden. Und: Warum setzt Geller seine besonderen Energien nicht für Sinnvolles ein? Er könnte zum Beispiel Vermisste suchen. Er tut es nicht, weil er sich selbst entlarven würde.
Das Puzzle der Mona Lisa
Kandidat Nicolai Friedrich präsentiert ein fertiges aus 1000 Teilen bestehendes Puzzle mit Mona Lisa. Beim Mund fehlt ein einziges Element. Aus einer neuen, vor dem Trick angeblich ungeöffneten Schachtel des gleichen Puzzle zieht seine Assistentin das fehlende Stück.
Der Trick: Friedrich schüttete einen Grossteil der Puzzleteile weg. Im verbliebenen Haufen hatte es ausschliesslich das gesuchte Stück in hundertfacher Ausführung. Der Kandidat log also das Publikum an, als er behauptete, es handle sich um eine Originalverpackung des Herstellers. Es ist wohl kein Zufall, dass Prosieben in der Castingshow auf einen Notar verzichtet, der sicherstellt, dass alles mit «rechten» Dingen zugeht.
Drei prominente Zuschauer schreiben ihren Namen, ihre Lieblingszahl und einen Satz auf ein Blatt Papier. Dieses verstauen sie in einem Couvert, das sie in den Schlitz einer Schatztruhe stecken. Kandidat Vincent Raven verbrennt die Briefe und errät trotzdem, was die Prominenten auf ihre Zettel schrieben.
Man könnte an paranormale Fähigkeiten glauben, wäre der Ablauf des Tricks nicht so verräterisch: Kaum hatte Raven die Couverts verbrannt, holte seine Assistentin die Schatztruhe ab und brachte sie hinter die Bühne. Warum? Es handelte sich um eine Trickkiste. Als der Berner Trickkünstler sie öffnete, klappte ein doppelter Boden hoch, der die Prominentenbriefe in der Seitenwand verschwinden liess. Im doppelten Boden befanden sich drei identische Briefumschläge, die Raven theatralisch verbrannte. Den Inhalt der echten Briefe übermittelte ihm seine Assistentin später via Funk: Der langhaarige Raven trug einen Knopf im Ohr.
Das alles kann man natürlich auch Telepathie nennen, wenn man will.
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