Wohlig aufgehoben im Schoss der SVP-Familie

26. Oktober 2007, 07:51 – Von Antonio Cortesi

Die SVP politisiert hart rechts. Der eigenen Basis vermittelt sie aber ein Kuschelgefühl. Diese Mischung spricht immer mehr Junge an. Augenschein bei Toni Brunner und seinen Jüngern.

An diesem Abend der St. Galler SVP gibt es gleich zwei Helden, die gefeiert werden wollen. Der eine, Nationalrat und Kantonalpräsident Toni Brunner, ist ohnehin der unbestrittene Star. Nun aber hat er beim ersten Durchgang der Ständeratswahlen alle Konkurrenten überflügelt. Riesenapplaus und Bravorufe. Der andere, Lukas Reimann, Mitglied der Jungen SVP, hat für die Sektion auf Anhieb einen fünften Sitz im Nationalrat erobert.

Der grosse Auftritt kommt für den 25-jährigen Newcomer bei Traktandum 5 dieser Delegiertenversammlung. Der Noch-Kantonsrat darf seine Eindrücke der vergangenen Legislatur schildern. Das tut der junge Hardliner, der im Wahlkampf schonungslos gegen Minarette und Islamisierung der Schweiz gewettert hatte, mit fast unterwürfiger Anständigkeit. Grossen Applaus gibts gleichwohl. Und ein joviales Schulterklopfen des Ziehonkels Toni Brunner.

Verschworene gleich Gesinnte

Die öffentliche Geste des Präsidenten zeigt exemplarisch, wie man innerhalb der SVP miteinander umgeht – vorab bei einer Kantonalsektion sankt-gallischer Prägung. Man fühlt sich als grosse Familie, geborgen im Kreis verschworener gleich Gesinnter, die gegen den Rest des politischen Establishments ankämpfen müssen. Die Partei, die im Erziehungs- und Bildungsbereich für kompromisslose Leistungsbereitschaft, rigorose Härte und gegen «Kuschelpädagogik» ins Feld zieht, pflegt in den eigenen Reihen ein kuscheliges Wohlgefühl.

Das mag paradox erscheinen, spricht aber gerade junge Politikeinsteiger in zunehmendem Masse an. Rund hundert Neuzugänge verzeichnete allein die St. Galler Sektion der Jungen SVP während der letzten Monate, wie Präsident Lukas Reimann sagt. Inzwischen sind es 450 Mitglieder. Von einem «deutlichen Anstieg» spricht auch Désirée Stutz, Präsidentin der Jungen SVP Schweiz. Die Dachorganisation vereint bereits 6000 Mitglieder. Und kaum zu glauben: Laut Stutz sollen die Anteile von jungen Männern und Frauen inzwischen «ziemlich ausgeglichen» sein.

Von Geschlechterproporz ist an diesem Abend allerdings nichts zu sehen. Rund zwanzig Mitstreiter haben Lukas Reimann nach Rapperswil-Jona begleitet, darunter eine einzige Frau. Im Unterschied zum Jura-Studenten Reimann sind sie mehrheitlich in gewerblichen oder kaufmännischen Berufen tätig. Warum sind sie der SVP beigetreten? Weil sie die einzige Partei sei, welche die Jungen wirklich ernst nehme, lautet eine häufige Antwort.

In der Tat benutzt die Mutterpartei die Jungen nicht bloss zum Stimmensammeln und Plakataufhängen. «Die Nachwuchsförderung ist uns ein grosses Anliegen», betont Toni Brunner, der als 33-jähriger selber kaum dem Alter der nachrückenden Generation entwachsen ist. Wichtigstes Förderinstrument ist dabei, dass die Partei bei Wahlen keine separate Jung-Parteien-Liste führt, sondern aussichtsreiche Kandidaten auf die Hauptliste nimmt. Mit Erfolg, wie sich im Fall von Lukas Reimann gezeigt hat.

Kommt hinzu: Die SVP schickt junge Leute gezielt in kommunale Ämter, um die sich andere Parteien wenig reissen. Das ist auch dem St. Galler Politologen Silvano Möckli aufgefallen. «Eine kluge und erfolgreiche Strategie», anerkennt der SP-Kantonsrat. Die Jungpolitiker kämen damit rasch zu Erfolgserlebnissen und würden der Partei auch langfristig die Stange halten – «erst recht, wenn sie Mitglied einer Siegerpartei sind».

Jugendgewalt zum Thema gemacht

Für viele Junge ist die SVP indes auch deshalb attraktiv, weil sie ein Thema konsequent beackert, das die Jungen im Alltag unmittelbar betrifft. «Ich bin wegen der Schlägereien an unserer Schule in die Jungpartei eingetreten», bekennt der 15-jährige Mike Egger aus Berneck im St. Galler Rheintal. Die SVP sei eben diejenige Partei, welche die oft von Ausländern verursachte Jugendgewalt nicht als Integrationsproblem verniedliche, sagt ein anderer. Für den Berner Politologen Hans Hirter ist dies gar der Hauptgrund für den Erfolg der Blocher-Partei bei den Jungen. Die SVP habe das «zweifellos ernsthafte Problem der Ausländergewalt» im Wahlkampf als einzige Partei zum Thema gemacht – «wenn auch mit fragwürdigen Law-and-order-Rezepten».

Dennoch bleibt die Frage, warum ausgerechnet eine derart konservative Partei bei den Jungen, die gemeinhin als Garanten für Veränderung und Fortschritt gelten, anziehend wirkt. Er sei keineswegs konservativ, wehrt sich Neonationalrat Reimann. Er habe vielmehr eine Vision, «von einer Schweiz, die mehr Sicherheit, Freiheit und weniger Bürokratie bietet», sagt er in gut geschultem SVP-Vokabular. «Und von einem Land», ergänzt ein Mitstreiter, «in dem man nach einem Fussballmatch noch ungestört mit einer Schweizer Fahne durch die Strassen ziehen kann».

Fünf neue Frauen in Bern

Und welche Rolle fällt in diesem patriotischen Weltbild den Frauen zu? «Die gleiche wie den Männern», sagt Stefanie Walt, 30-jährige Kauffrau aus Wildhaus. Sie fühle sich in der SVP sehr gut aufgehoben. Denn entgegen gängiger Vorurteile sei die Partei kein Machoverein. Auch wenn die Frauen in den Parlamenten noch untervertreten seien, genössen sie die allergrösste Wertschätzung. «Gleichberechtigung ja, aber Feminismus nein», sagt die junge SVP-Frau. Der Furor mancher Geschlechtsgenossinnen in linken Parteien sei ihr ein Gräuel: «Da würde ich mich nie wohl fühlen.»

Für Toni Brunner ist ohnehin klar, dass die SVP-Fraktion im Bundeshaus immer weiblicher wird. Die neue Generation stehe bereit. Jasmin Hutter (29) habe vor vier Jahren den Anfang gemacht. Jetzt hätten fünf weitere SVP-Frauen die Wahl geschafft, darunter die 30-jährige Winterthurerin Natalie Rickli. Mit nunmehr acht Frauen im Nationalrat habe man die FDP (ohne Liberale) «bereits überflügelt». Und das sei bloss der Anfang.

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