Demontage und Selbstdemontage
27. Oktober 2007, 08:15 Von Hans-Peter BieriUeli Maurer (SVP) dürfte neben Felix Gutzwiller (FDP) in den Ständerat einziehen. Auch nach dem Verzicht Chantal Galladés (SP) bleibt er Favorit.
Zürich. – Seit gestern ist die Ausgangslage endlich klar. Ex-Regierungsrätin Verena Diener (58) von den Grünliberalen tritt zum zweiten Wahlgang für den Ständerat an, SP-Nationalrätin Chantal Galladé (34) zieht sich «im Dienst der Sache» zurück, SVP-Präsident Ueli Maurer (57), ohnehin Favorit für die zweite Kür, hat seine Chancen noch vergrössert, indem er den Verzicht auf sein Präsidentenamt ankündigte. Die Zweitauflage des Wahlkampfs kann beginnen.
Genauer: Sie hat schon begonnen, am Sonntag, als die Wahlresultate feststanden, die Kandidatinnen der Mitte-links-Parteien sich aber nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen konnten. Maurer, der mit seinen 150'000 Stimmen das absolute Mehr zwar um 30'000 Stimmen verfehlt, Galladé aber um 40'000 und Diener um 50'000 Stimmen distanziert hatte, steuerte schnurgerade auf den zweiten Wahlgang los: Er hielt seinen Anspruch sofort aufrecht, hat inzwischen die Reihen hinter sich geschlossen und zudem Zweifel, wie sich SVP-Präsidium und Ständeratsmandat miteinander vertragen, durch seinen angekündigten Rücktritt ausgeräumt. Besser kann man es nicht machen.
Im Gegensatz dazu boten Diener und Galladé in den letzten Tagen ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Diener die Katze, Galladé die Maus war. Galladé hielt sich an die Spielregeln: In die zweite Runde gehen bei Majorzwahlen die zwei bestplatzierten Kandidaten der ersten Runde. Das empfahl sich umso mehr, als die Mitte- und Linksparteien schon am Sonntag dasselbe Ziel bekannt gaben: Es gelte jetzt, Maurer zu verhindern. Galladé hielt an ihrer Kandidatur fest, der Rest zog sich zurück.
Ausser Diener. Sie sagte weder Ja noch Nein und machte sich stattdessen an die Demontage Galladés. Ein heuchlerischeres Spiel hat man kaum je erlebt. Diener hatte über Galladé nur Lobendes zu sagen, aber Lob wurde selten herablassender und vergifteter geäussert. «Sie ist charmant. Sie hat einen guten Wahlkampf geführt.» Es erinnerte ein bisschen an die letzten Bundestagswahlen in Deutschland, als Noch-Kanzler Gerhard Schröder Angela Merkel den Sieg streitig machte mit einem hochnäsigen: «Die kann das nicht.» Diener gab zwischen den Zeilen ständig zu verstehen, dass sie sich nicht nur für weit besser hält als Galladé, sondern dass deren Vorsprung auch nur auf einem Irrtum der Wähler beruhen könne.
Die Grünliberale gab sich, wie sie in den Wahlkampf gestiegen war und ihn geführt hatte: überzeugt, dass kein Weg an ihr vorbeiführt. Als sie ihre Kandidatur Anfang Jahr ankündigte, ging sie offensichtlich davon aus, als Favoritin anzutreten. Sie irrte sich. Den Wahlkampf glaubte sie im Schlafwagen bestreiten zu können. Sie irrte sich nochmals. Jetzt hat sie Galladé weggebissen mit der Begründung, sie habe im zweiten Wahlkampf im Gegensatz zu dieser eine Chance. Ob sie sich ein drittes Mal geirrt hat, wird man am 25. November wissen.
Diener hatte am Sonntag hoheitsvoll erklärt, jemand müsse die Grösse haben, auf eine weitere Kandidatur zu verzichten. Sich selber hatte sie damit offenbar nicht gemeint; sie braucht Grösse nicht zu zeigen, sie hat sie. Die nötige Grösse hat jetzt – etwas verspätet – Galladé bewiesen. «Im Dienst der Sache», wie sie sagte. Es soll zumindest eine geringe Chance bleiben, Maurer zu verhindern. Doch es ist vor allem ein Dienst am Stellenwert der Wahlen. Wären beide, Diener und Galladé, im Rennen geblieben, hätte sich das Ganze auf einen ebenso unwürdigen wie lächerlichen Schönheitswettbewerb zwischen den zwei Frauen reduziert - einen sinnlosen Prestigewettkampf, weil sie gegen Maurer nicht hätten punkten können.
Eines kann man schon heute sagen: Einen Wahlkampf «Alle gegen Maurer» werden wir nicht erleben. Dazu hat Diener zu viel Geschirr zerschlagen. Indem sie Galladé demontierte, demontierte sie sich selber. Ihre Wahlchancen sind entsprechend zweifelhaft. Zwar haben inzwischen CVP, EVP und Grüne Diener ihre Unterstützung zugesagt. Selbst die SP ruft ihre Wähler dazu auf, ihr Vertrauen von Galladé auf Diener zu übertragen.
Verprellte Wähler
Doch in der Wählerschaft dürfte es anders aussehen. SP-Wähler werden es Diener kaum verzeihen, dass und wie sie ihre Wahlsiegerin Galladé aus dem Rennen geworfen hat. Zwischen Grünen und Grünliberalen herrscht Konkurrenz. CVP und EVP stellen zu wenig Wähler. Die Unterstützung von FDP-Wählern dürfte sich in Grenzen halten. Und vor allem: Woher soll das nötige Geld für den Wahlkampf kommen? Von der SP sicher nicht, von den anderen Parteien auch nicht; und die GLP allein hat noch kaum eine gefüllte Kriegskasse.
Aber vielleicht kommt alles anders. So, wie es Diener anscheinend in aller Selbstverständlichkeit erwartet.
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