Mörgeli und das SVP-Schattenkabinett

31. Oktober 2007, 08:24 – Von Verena Vonarburg

Christoph Mörgeli will Samuel Schmid loswerden. Und auch sonst attackiert der Vordenker immer härter. Vordenker? Der Mann werde überschätzt, sagen Kritiker in den eigenen Reihen.

Der Professor kann gut reden, schnell denken und frontal angreifen. Spätestens seit Christoph Mörgeli eine Erpressungsstrategie entwickelt hatte, um Christoph Blocher, den Götti seiner kleinen Tochter, in den Bundesrat zu hieven, spätestens seit damals gilt er als Chefideologe, als Hirn der Partei. Dieses Etikett hat sich zum Mindesten in den Medien etabliert.

«Wir sind keine Herde Schafe»

Doch ist Christoph Mörgeli wirklich Vordenker der SVP? Die verbissene und verletzende Art des 47-Jährigen jedenfalls und sein Drang, sich in den Medien als strategischer Sprecher der SVP zu produzieren, provozieren auch in der Partei selbst. «Wir sind doch selbstständig genug, um denken zu können, wir brauchen keinen Vordenker», sagt der Aargauer Ständerat Maximilian Reimann. «Wir sind keine Herde Schafe, die einem Mörgeli nachlaufen.» Reimann will seinen Unmut als Kritik an den Medien verstanden haben: Bald in jeder zweiten oder dritten Arena des Schweizer Fernsehens trete dieser Mörgeli auf, «als ob die anderen nicht fähig wären mitzudiskutieren».

Vordenker sei im Bezug auf Mörgeli «sicher das falsche Wort», findet auch der Thurgauer Unternehmer und Nationalrat Peter Spuhler. Der Zürcher spiele den Provokateur, der den Gegner zu falschen Reaktionen verleite. Auch der Zürcher Kollege Max Binder attestiert Mörgeli zwar «ein gutes politisches Gespür, aber es gibt andere, die für die Partei ebenso mitdenken und das nicht gleich medial verbreiten.» Mörgeli sei «ein Fraktionsmitglied wie jedes andere auch».

Bei der SVP sind sie zahlreich: Jene, die sich in den Schatten gestellt vorkommen in einer Partei, die auf derart wenige Köpfe hierarchisiert ist. Und im Ständerat wehren sich auch jene, welche sich weiterhin einem moderateren Kurs verpflichtet fühlen. Zum Beispiel der Schaffhauser Hannes Germann: «Mörgeli eckt bei vielen an; das ist ärgerlich für uns», sagt er. Die Ständevertreter hätten eben «ein anderes Verständnis von Politik. Wir arbeiten nicht so ideologisch.»

Den Kritisierten ficht die Kritik nicht an. «Das mit dem Vordenker hört man nicht gern in der Partei, das verstehe ich», sagt Mörgeli. Seine Gegner würden vielleicht aber doch noch merken, «dass es ihnen besser geht, wenn sie die Rezepte befolgen, die ich mitdenke.»

Gelassener als einige Ständeratskollegen begegnet der Glarner This Jenny dem Problem Mörgeli: Er sei froh, habe die Partei Leute, «die Dampf machen». Man dürfe auch nicht vergessen, dass bei den Mörgeli-Kritikern oft «der Neid Vater des Gedankens» sei.

Doch im Moment, da der Zürcher seine Attacken auf Samuel Schmid intensiviert, spielen bei der Kritik nicht nur Neid, sondern handfeste politische Interessen mit. Es geht wieder einmal um geografische Revierkämpfe: Bern gegen Zürich. Er weise «die Attacken gegen Schmid mit Entschiedenheit zurück», sagt Kantonalpräsident Rudolf Joder. «Aus meiner Sicht schaden sie dem Ansehen der ganzen Partei.» Von einem Vordenker Mörgeli könne nicht die Rede sein: «Zwischen seiner medialer Präsenz und seinem politischen Gewicht besteht eine Diskrepanz.»

In den Fraktionssitzungen halte er sich jeweils sehr zurück, bestätigt auch Ständerat Germann, doch habe er womöglich «mehr Einfluss, als wir glauben. Da läuft vielleicht ein Geheimplan in einer Kammer neben der Parteileitung.»

Was als flapsiger Spruch daherkommt, trifft die Realität ziemlich gut. Die SVP funktioniert zwar wie jede demokratische Partei mit offiziellen Gremien, in denen alle Landesteile, die Jungen, die Alten und beide Geschlechter vertreten sind, und Mörgeli ist Mitglied des 28-köpfigen Leitenden Ausschusses sowie Programmchef der Zürcher SVP.

Die Geheimtreffen

Doch neben diesen offiziellen Kammern treffen sich die Drahtzieher in informellen Gruppen. Und hier wird die eigentliche SVP-Politik gemacht. Hier treffen sich Blocher, Mörgeli, Parteichef Maurer, Blocher-Ziehsohn Brunner, der Berner Adrian Amstutz, der Zürcher Toni Bortoluzzi und weitere zu den entscheidenden Strategiedebatten. Da machen vorab die Zürcher SVP-Politik fürs ganze Land. «Dieser kleine Kreis wird von Mörgeli stark geprägt», sagt Bortoluzzi. «So entwickelt man Strategien, die später von den offiziellen Gremien abgestützt werden.» Dass sich nicht einbezogene Fraktionsmitglieder dabei «etwas als Statisten vorkommen und ausgeschlossen fühlen, kann ich verstehen», sagt Bortoluzzi. «Aber man kann nicht immer jeden fragen, ob es ihm recht sei.»

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