Wirtschaft
Loks bestellt und nicht abgeholt
30. Juli 2005, 22:23Im Tessin stehen 15 brandneue Lokomotiven auf Abstellgeleisen. SBB Cargo und der Hersteller Siemens schweigen über die Gründe.
Im Dezember 2003 bewilligte der SBB-Verwaltungsrat 99 Millionen Franken für den Kauf von 18 Mehrstrom-Güterlokomotiven aus der Eurosprinter-Serie von Siemens für den grenzüberschreitenden Verkehr Schweiz-Italien von SBB Cargo. In der Schweiz führen die Loks die Typenbezeichnung Re 474. Unterdessen befinden sich 15 Maschinen in der Schweiz. Doch zum Einsatz kamen sie bisher nicht: Die brandneuen Re 474 in den rot-blauen SBB-Cargo-Farben stehen in den Bahnhöfen Chiasso und Bellinzona dicht an dicht auf Abstellgeleisen.
«Das sind derzeit nicht unsere Loks», sagt SBB-Cargo-Sprecher Stefan Appenzeller. Man habe die Re 474 bisher nicht übernommen. Appenzeller bestätigt auch eine Meldung des Fachblatts «Schweizer Eisenbahn-Revue», wonach SBB Cargo die Immatrikulation der Maschinen in Italien noch nicht beantragt hat. Die Re 474 können damit auf den grenzüberschreitenden Strecken, für die sie beschafft wurden, gar nicht eingesetzt werden.
«Die Loks funktionieren»
Weshalb die Maschinen abgestellt sind, will SBB Cargo nicht offen legen. «Wir haben Gespräche mit Siemens», ist alles, was Mediensprecher Stefan Appenzeller dazu sagt. Über Anlass, Inhalt und Ziel der Gespräche mag er sich ebenso wenig äussern wie Benno Estermann, Sprecher von Siemens Schweiz. «Die Loks funktionieren. Unserer Ansicht nach sollte es kein Problem sein, dass man sie immatrikulieren kann», sagt Estermann nur.
Für das Grounding der Re 474 kommen technische oder betriebliche Gründe in Frage. Dass die neuen Güterlokomotiven beispielsweise die vom Hersteller angegeben Leistungen nicht erbringen, gilt in Fachkreisen jedoch eher als unwahrscheinlich. Der Eurosprinter ist als Baureihe 189 schon bei Railion, der Gütertochter der Deutschen Bahn, im Einsatz. Und SBB Cargo selbst setzt bereits heute fünf baugleiche Re 474 ein; die Gütertochter der SBB mietet diese von Siemens Dispolok GmbH, einer Tochterfirma des Herstellers. Diese Maschinen will SBB Cargo auch weiterhin betreiben.
Bleibt die Möglichkeit, dass die SBB bei der Bestellung der Re 474 im Dezember 2003 den Bedarf an Lokomotiven für den grenzüberschreitenden Güterverkehr von Deutschland durch die Schweiz nach Italien überschätzt haben, die Maschinen gar nicht braucht und sie wieder loswerden möchte.
Bereits genug Loks im Einsatz
SBB-Cargo-Sprecher Stefan Appenzeller winkt ab: «Der Nord-Süd-Verkehr im Güterbereich entwickelt sich sehr gut; wir haben im ersten Halbjahr ein zweistelliges Wachstum hingelegt.» Wer hier einen Zusammenhang suche, der liege mit Bestimmtheit falsch.
Allerdings: SBB Cargo führte jede Woche von Montag bis Freitag rund 220 Züge über die Grenze nach Norditalien und hat dafür bereits heute ausreichend Lokomotivkapazität, wie auch Appenzeller bestätigt: «Wir haben einen Lokomotivenpark, mit dem wir das bewältigen können.» Zu dieser Flotte gehören neben den fünf Siemens-Mietlokomotiven drei schwere Dieselloks für nicht elektrifizierte Strecken in Italien und 18 früher beschaffte Mehrstromlokomotiven vom Typ Re 484 des Siemens-Konkurrenten Bombardier.
Cisalpino mietet Loks von SBB Cargo
Im Moment kann SBB Cargo offensichtlich sogar auf mehrere dieser Maschinen verzichten: Die Cisalpino AG will von SBB Cargo vorübergehend bis zu fünf Re 484 mieten, um ihre Eurocity-Züge von Zürich, Basel und Genf ohne Lokomotivwechsel nach Italien führen zu können. Die Ausbildung der Lokführer in der Schweiz ist bereits erfolgt, in Italien ist sie im Gang.
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