Tankstellen ködern mit Aktionen
28. September 2005, 23:52Automobilisten fahren nicht weniger. Aber die hohen Benzinpreise machen sie zu kritischeren Konsumenten.
Von Erich Solenthaler
Weil der Wirbelsturm Rita in der Erdölindustrie keine gravierenden Schäden auslöste, entspannten sich die Rohölmärkte leicht. Auch in der Schweiz haben die Benzinpreise nachgegeben und liegen nun bei 1.70 Franken pro Liter Bleifrei 95. Dennoch ist der Treibstoff immer noch etwa 25 Prozent teurer als Ende Dezember 2004. Fahren deshalb die Automobilisten weniger? Sind sie zurückhaltender geworden? Nichts, das in diese Richtung weisen würde, hat Daniel Hofer, Unternehmensleiter Migrol, festgestellt. Die gleiche Beobachtung macht Isabelle Thommen, Sprecherin von BP Schweiz.
Zwei Rappen liegen nicht drin
Das bedeutet aber nicht, dass sich am Verhalten der Automobilisten gar nichts geändert hat. Die Autofahrer schauen sich die Preistafeln heute genauer an als noch vor kurzer Zeit. Das bekam Shell Schweiz zu spüren, als sie am vergangenen Donnerstag die Preise um 2 Rappen anhob, die übrigen Anbieter indes überraschenderweise nicht mitzogen. Sie wollten sich vorm Wochenende, an dem der Wirbelsturm Rita erwartet wurde, unnötige Imageprobleme ersparen und nicht als Profiteure gelten, falls die Schäden gering blieben.
Der Alleingang von Shell hatte einschneidende Folgen. «Wir waren für einen Tag die Teuersten. Das war nicht eben gut für das Geschäft», gibt Shell-Sprecher Rainer Winzenried zu. Im Klartext: An den Zapfstellen der Shell war einen Tag lang Flaute. Weil die Verteuerung am Markt nicht durchzusetzen war, musste der Marktführer zurückkrebsen und die Preise schon einen Tag später senken. «So schnell und in diesem Umfang, das gibts ganz selten», sagt ein Konkurrent.
Die Autofahrer nähmen jetzt vermehrt auch Umwege in Kauf, um sich bei einem billigeren Anbieter einzudecken. «Obwohl sich das meistens gar nicht rechnet, wenn man alle Kosten berücksichtigt», sagt Isabelle Thommen von BP. So sorgen die Konsumentinnen und Konsumenten dafür, dass sich die Preise in einer Region blitzschnell angleichen. Die Reaktionszeiten seien sehr schnell geworden, bestätigt Winzenried von Shell, keiner in der Branche gönne dem anderen noch etwas.
Zückerchen statt billiges Benzin
Weil es kaum noch Preisunterschiede gibt, versuchen die Tankstellenketten, ihre Kunden mit anderen Mitteln zu binden: Kundenkarten, die an Rabatte gekoppelt sind, sind inzwischen bei fast jeder Kette zu haben. Andere greifen zu Aktionen, geben Billiguhren oder etwa Bademäntel zu Spottpreisen ab. In diesem Umfeld sind die Tankstellenshops zu wichtigen Marketinginstrumenten der Benzinhändler geworden. Da kommt es schon mal vor, dass eine Tankstelle mit einem beliebten Angebot zum Rummelplatz wird, während beim Konkurrenten an der nächsten Strassenecke gar nichts läuft. Die Kunden reagierten sensibler auf solche Angebote und die Benzinpreise, stellt Thommen von BP fest. Aber sie glaubt nicht, dass dieses Phänomen nur beim Treibstoff gilt. Unter den Grossverteilern im Lebensmittelhandel herrsche der gleich intensive Preiswettbewerb, umschreibt sie den auf Sparsamkeit getrimmten Zeitgeist.
Trotz der höheren Benzinpreise geht es dem Tankstellengewerbe nicht glänzend. Wegen des intensiven Wettbewerbs sei bei Migrol im laufenden Jahr die Bruttomarge, die in normaleren Zeiten bei 10 bis 11 Rappen pro Liter liegt, um 0,7 Rappen gefallen. Da alle in der Branche mit etwa den gleichen Einstandspreisen und Kosten kämpfen, dürfte es den anderen nicht viel besser gehen.
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