Wirtschaft

Nestlé springt auf den fairen Zug auf

01. Oktober 2005, 22:59

Kehrtwende: Mit der Marke «Partner’s Blend» steigt Nestlé nun doch ins Geschäft mit fair gehandeltem Kaffee ein. Um einen Trend nicht zu verpassen.

Fair gehandelter Kaffee soll die Einkommen der Arbeitnehmerinnen und Arbeiter vor Ort verbessern.
Fair gehandelter Kaffee soll die Einkommen der Arbeitnehmerinnen und Arbeiter vor Ort verbessern.
Von Marcel Speiser

«Kaffee, der den Bauern in den Produzentenländern ein besseres Einkommen ermöglicht, ist ein boomendes Geschäft», sagt Sara Meyer, Sprecherin der Fairtrade-Handelsorganisation Claro. Darum könne auch Nestlé nicht mehr schlafen. Bis anhin hat sich der Nahrungsmittelriese um dieses Segment nicht gekümmert.

Zertifizierung eingereicht

Das ändert sich nun aber. Laut Recherchen des «Tages-Anzeigers», die sich auf gut unterrichtete Quellen stützen, wird er in den nächsten Tagen ins Geschäft mit fair gehandeltem Kaffee einsteigen. Der Kaffee soll unter der neuen Marke «Partner’s Blend» angeboten werden - vorerst aber nur in Grossbritannien. Kein Wunder: Nirgendwo auf der Welt wird mehr für fair gehandelte Produkte ausgegeben - umgerechnet 325 Millionen pro Jahr. Die Insel dient daher als Testmarkt. Starten soll der Verkauf bereits in diesem Monat. Wenn der Versuch erfolgreich ist, wird die Marke auch in anderen Ländern lanciert.

Wie die britische Zeitung «Guardian» berichtet, hat Nestlé bei der britischen Fairtrade Foundation denn auch bereits ein Zertifizierungsgesuch für «Partner’s Blend» eingereicht. Die Organisation will sich dazu nicht äussern. Das Fairtrade-Label könne aber allen Firmen verliehen werden, welche die festgelegten Arbeits-, Preis- und Sozialstandards nachweislich und nachhaltig einhalten würden, erklärt ein Vertreter.

Nestlé-Sprecher François-Xavier Perroux wollte am Freitag zum Thema ebenfalls keine Stellung nehmen. «Spekulationen in diese Richtung gibt es seit Monaten», sagt er bloss. «Und Spekulationen kommentieren wir grundsätzlich nie.»

Dessen ungeachtet erntet Nestlé für das bevorstehende Engagement bereits Applaus von Seiten, die bislang nicht müde wurden, den Konzern öffentlich an den Pranger zu stellen. «Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mehr davon!», sagt etwa Jörn Kalinski von Oxfam Deutschland über die Initiative. Er gibt indes gleichzeitig zu bedenken, dass «Nestlé noch mehr macht als Kaffee: Den zertifizierten Kaffee begrüssen wir ohne Einschränkung, werden aber ausbeuterische Praktiken weiterhin kritisieren.»

Sara Meyer von Claro freut sich ebenfalls über die Einführung von «Partner’s Blend»: «Ziel unserer Handelsorganisation war es immer, dass sie sich selbst überflüssig macht.» So komme man dem einen Schritt näher. Sie betont allerdings, dass der neue Nestlé-Kaffee bestenfalls als «Fairtrade light» bezeichnet werden könne, zumal er mit grösster Wahrscheinlichkeit von Plantagen stamme. Kleinbauern könnten gar nicht erst die Mengen liefern, welche der Riese als einer der fünf grossen Röster der Welt benötige.

Nestlé ist ein Grossabnehmer

Aktuell deckt Nestlé bloss 14 Prozent des Jahresverbrauchs direkt - und damit ohne teure Umwege über Zwischenhändler - bei den Bauern und deren Kooperativen in den Produzentenländern. Die Schweizer und ihr amerikanischer Konkurrent Kraft kaufen jährlich je rund 15 Prozent der weltweit geernteten grünen Kaffeebohnen. Dahinter folgen die ebenfalls amerikanischen Sara Lee, Procter & Gamble und die deutsche Tchibo. Zusammen kontrollieren die fünf laut Oxfam fast die Hälfe der weltweiten Kaffeeproduktion.

Selbst wenn Nestlé also nur für einen kleinen Teil ihres Bedarfs höhere und stabilere Preise als auf dem volatilen Weltmarkt zahlt, macht das für die Bevölkerung in den Kaffee produzierenden Ländern einen grossen Unterschied. Weltweit leben rund 25 Millionen Bauern in rund 50 Ländern vom Kaffeeanbau. Der grösste Teil von ihnen produziert nur gerade einige wenige Säcke pro Jahr.

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