Verwaltungsräte sind überaltert
27. Dezember 2005, 23:52Statt auf frisches Blut setzen die Schweizer Unternehmen lieber auf altgediente Manager. Die Verwaltungsräte sind deshalb überaltert und männlich.
- Artikel zum Thema
- Frauen im Chefsessel bleiben rar
Eigentlich kennt Novartis eine Altersguillotine. Wer sein 70. Lebensjahr erreicht, darf sich beim Basler Pharmariesen nicht mehr zur Wiederwahl in den Verwaltungsrat stellen. Doch der Konzern nimmt es mit den Statuten nicht so genau. Für altgediente Manager wie Vizepräsident Helmut Sihler etwa, gewährt er auch mal eine Ausnahme. Das Mandat des 74-Jährigen wurde letztes Jahr um weitere 3 Jahre verlängert. Statt sich im In- und Ausland nach frischem Blut für das Aufsichtsgremium umzusehen, wählte Novartis den Weg des geringsten Widerstandes. Wenig erstaunlich, beträgt das Durchschnittsalter im Verwaltungsrat hohe 60 Jahre.
Der Pharmakonzern steht damit jedoch nicht allein da. Im Gegenteil: Das Unternehmen befindet sich mit seinen grauen Verwaltungsratspantern in bester Gesellschaft. Wie eine neue Untersuchung des Kadervermittlers Heidrick & Struggles zeigt, sind die Aufsichtsgremien der Schweizer Unternehmen im Schnitt etwas über 58 Jahre alt. Von den 26 grössten börsenkotierten Konzernen bringen es 11 gar auf einen Altersdurchschnitt von 60 Jahren und mehr.
Anforderungen sind stark gestiegen
Das zeigt: Die meisten Firmen sind auch in diesem Jahr davor zurückgeschreckt, einen Generationenwechsel in ihren Gremien zu vollziehen. Zu diesen zählt etwa auch die Waadtländer Technologiefirma Kudelski. Firmengründer Stefan Kudelski konnte sich letzten Frühling nach mehr als einem halben Jahrhundert nicht zur Stabsübergabe durchringen. Erst nächsten Mai will der 76-jährige Tüftler die Firma seinem Sohn überlassen und sich aus dem Verwaltungsrat zurückziehen.
Weshalb tun sich die Schweizer Konzerne so schwer, das Nachfolgeproblem in ihren Aufsichtsgremien anzupacken? Fragt man die Unternehmen, gibt es dafür vor allem einen Grund: Es fehlen die geeigneten Kandidaten. Hinderlich bei der Suche nach jungen Köpfen sei zum einen, dass es nur wenige Leute mit dem nötigen Wissen und der Erfahrung gebe. Zum anderen seien die Anforderungen an die Räte stark gestiegen, weshalb potenzielle Kandidaten immer öfter solch risikoreiche und zeitaufwändige Mandate ablehnten.
Headhunter sind mit dieser Argumentation nicht restlos einverstanden. «Es gibt doch genügend geeignete frische Kandidaten», sagt Björn Johansson. «Man muss sich nur die Mühe machen, diese zu suchen, und sich nicht mit der nächstbesten Lösung zufrieden geben.»
Für das zweite Argument zeigen die Kadervermittler mehr Verständnis: «Es ist in der Tat so, dass ein Verwaltungsrat heute deutlich mehr Verantwortung und Risiko trägt als noch vor einigen Jahren», sagt Ulrich Fehlmann, Geschäftsführer der Beratungsfirma Ray & Berndtson. Der Ruf nach einer guten Unternehmensführung (Corporate Governance) habe in den Aufsichtsgremien zu einer Professionalisierung geführt, was für die Mitglieder mit einem höherem Arbeitsaufwand verbunden sei. Während früher in manchen Räten die Anwesenheit in einer Hand voll Sitzungen genügte, um Ansehen und Vergütungen einzustreichen, gilt heute ein einfaches Aufsichtsratsmandat als 20-Prozent-Job.
Zusatzbelastung schreckt ab
Diese Zusatzbelastung schreckt viele geeignete Führungskräfte ab - genauso wie das gestiegene Reputationsrisiko. «Heute müssen sich die Verwaltungsräte davor fürchten, dass sie bei Buchhaltungsfehlern oder anderen Problemen persönlich belangt werden», sagt Personalvermittler Johansson. Und er fährt fort: «Die strengeren Regeln erhöhen die Absturzgefahr - und abstürzen will kein Manager.»
Esther Häberling sieht noch einen anderen Grund, warum der Generationenwechsel Mühe bereitet: «Manche Verwaltungsräte tun sich schwer loszulassen», stellt die Beraterin fest. «Nicht selten ist es das letzte Mandat, das sie haben.» Für die anderen Verwaltungsratsmitglieder sei es dann eine schwierige Aufgabe, den Sesselklebern den Rücktritt nahe zu legen.
Dennoch halten es alle angefragten Berater für wichtig, dass die Unternehmen ihre Nachfolgeprobleme nicht länger vor sich herschieben, sondern neue Köpfe für ihre Aufsichtsgremien vorschlagen. «Leider besteht in der Schweiz noch immer die Gefahr von Old-Boys-Netzwerken», sagt Fehlmann. «Deshalb ist es auch so zentral, dass freie Sitze mit aussen Stehenden, Unverbrauchten besetzt werden.» Der Mix müsse stimmen - und zwar bezüglich Fachkenntnis, Alter, Nationalität und Geschlecht. Nur so verfüge ein Aufsichtsgremium über ein breites Wissens- und Ideenspektrum, was in der heute globalisierten Wirtschaft unerlässlich sei.
Zu Herzen genommen haben sich dieses Credo erst wenige Konzerne. Rainer E. Gut ist letzten Frühling aus Altersgründen als Verwaltungsratspräsident von Nestlé zurückgetreten. Doch er wurde durch den 61-jährigen Konzernchef Peter Brabeck ersetzt - keine wesentliche Verjüngung. Auch die Zurich hat es verpasst, einen Generationenwechsel herbeizuführen. Zwar hat der Versicherungskonzern für den 73-jährigen Lodewijk van Wachem dieses Jahr einen Nachfolger erkoren. Mit seinen 63 Jahren ist der neue Zurich-Präsident Manfred Gentz jedoch auch nicht gerade ein Springinsfeld.
Erste Anzeichen der Besserung
Eine löbliche Premiere gibt es zwar bei der UBS. Mit der Genfer Anwältin Gabrielle Kaufmann-Kohler zieht nächsten Frühling die erste Frau ins Gremium ein. Doch den Herrenclub wird sie kaum verjüngen. Sie ist 53 Jahre alt und damit nur unwesentlich jünger als der durchschnittliche UBS-Verwaltungsrat mit 56 Jahren.
Doch zögerliche Anzeichen für ein Umdenken sind auszumachen. So unterzieht sich etwa Roche einer Frischzellenkur. Der Pharmakonzern hat kürzlich Beatrice Weder di Mauro für sein Aufsichtsgremium vorgeschlagen. Die Wirtschaftsprofessorin ist erst 40 Jahre alt. Trotzdem blickt sie bereits auf eine internationale Karriere zurück. Es geht also doch.
Wirtschaft
Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft
Schul-Spezial
Sommer- und Herbstausflüge
PublireportageDas New York Chinas
Lucerne Festival
Wohnraumfenster aus Kunststoff
PublireportageBerufsleben
Die Frage
Body Coach
-
Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. Er stellt einen individuellen Ernährungsplan zusammen, erstellt Einkaufslisten, schlägt Rezepte vor und unterstützt Sie beim Training.

















