Wirtschaft
Ein farbloses Gas wird erfolgswirksam
04. März 2006, 16:26Der Ausstoss von CO2 ist in der EU so teuer geworden, dass für die Unternehmen Umweltschutz ein Kostenfaktor wurde.
Von Erich Solenthaler, Kopenhagen
Der europäische Handel mit CO2-Emissionsrechten begann erst vor 14 Monaten und erlebte einen unerwarteten Aufschwung. 2005 wurden Rechte für 362 Millionen Tonnen mit einem Wert von 7,2 Milliarden Euro gehandelt. 20 Euro kostete es also im Durchschnitt, wenn einUnternehmen eine Tonne des Treibhausgases mehr ablässt, als ihm zusteht. Und gleich viel kann ein Unternehmen kassieren, wenn es die Kyoto-Vorgaben erfüllt.
Der Preis für eine Tonne CO2 verfünffachte sich von 6 Euro im Januar 2005 bis auf 29 Euro im Sommer. Die Nachfrage stammte vor allem von den grossen Stromproduzenten, die in der EU - im Gegensatz zur Schweiz - im grossen Umfang fossile Primärenergien einsetzen. Die Elektrizitätswirtschaft ist mit Abstand der grösste Emittent des Treibhausgases, das zur Erderwärmung beiträgt.
Inzwischen machen in Gas-Kombi-Kraftwerken die Emissionsrechte annähernd 20 Prozent der Gestehungskosten aus, und in Kohlekraftwerken ist das, was in die Luft abgeht, sogar schon teurer als der Brennstoff.
Preistreibend wirkten sich 2005 die Witterung in den kalten Wintermonaten und danach die steigenden Öl- und Gaspreise aus. Auf diese beiden Faktoren, die auch die Energiemärkte prägen, würden sich über 90 Prozent der Preisfluktuationen von Emissionsrechten zurückführen lassen, wie Analysten der auf den Emissionshandel spezialisierten Beratungsfirma Point Carbon berechnet haben. Für sie ist dies eine erfreuliche Feststellung, denneinen von politischen Einflüssen freien Markt für Emissionsrechte zu schaffen, sei ja das Ziel der EU gewesen, sagten sie an einem Kongress mit über 1200 Vertretern von Unternehmen, Behörden und Umweltverbänden in Kopenhagen.
Ein Faktor bei Investitionen
Das farblose Kohlendioxyd ist inzwischen so teuer geworden, dass es in den Erfolgsrechnungen der Unternehmen sichtbare Spuren hinterlässt. Bereits würden vier von zehn Grossemittenten CO2, das für sie bisher keinerlei finanzielle Bedeutung hatte, in ihre Investitionsentscheide einbeziehen, ergab eine Umfrage von Point Carbon. Dass der europäische Emissionshandel so rasch ein Umdenken einleitete, darf als sein grösster Erfolg gewertet werden.
Der Erfolg hat aber auch seine Schattenseiten: Allein der Stahl- und Papier- sowie der chemischen Industrie seien durch das Handelsprogramm im vergangenen Jahr zusätzliche Kosten im Umfang von ein bis zwei Milliarden Euro entstanden, klagen ihre Vertreter. Da für ihre Konkurrenten ausserhalb Europas Emissionen immer noch gratis sind, fühlen sich die energie-intensiven Wirtschaftssektoren im Wettbewerb erheblich benachteiligt und fragen sich, ob sie in der EU überleben können.
Dabei ist das Ende der Fahnenstange voraussichtlich noch nicht erreicht. Im aktuellen Gefüge von Kohle-, Erdgas- und Strompreisen müsste eine Tonne Kohlendioxyd 40 Euro kosten. Sonst lohnt es sich für die Stromproduzenten nicht, von der Umwelt belastenden Kohle auf das sauberere Erdgas umzustellen.
EU demonstriert Härte
Vertreter der Europäischen Union am Carbon-Kongress wissen um die Belastung der Industrie. Aber sie erklärten, dass die EU nichts gegen einen weiteren Preisanstieg unternehmen werde. In dem insgesamt kostenneutralen System gebe es gleich viele Verlierer wie Gewinner, meinten sie lakonisch. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr hat die EU gegenüber osteuropäischen Ländern bei der Zuteilung von zusätzlichen Kontingenten, die dem Wirtschaftswachstum Rechnung tragen sollten, eine harte Haltung eingenommen.
Die EU lässt keine Zweifel aufkommen, dass sie an den Limiten von Kyoto festhält. Das bedeutet: Die rund 10 000 im Handelssystem erfassten Grossemittenten müssen bis ins Jahr 2007 jährlich 40 Millionen Tonnen einsparen, die EU bis 2012 insgesamt 8 Prozent. Der erlaubte Ausstoss liegt bei 2,1 Milliarden Tonnen Kohlendioxyd-Äquivalenten pro Jahr.
Die in der EU geplanten und bekannten Massnahmen reichen nicht aus, um die Kyoto-Ziele zu erreichen. Der EU stehen deshalb in der zweiten Handelsperiode von 2008 bis 2012 umfangreiche Kürzungen bevor, die vor allem Unternehmen in Spanien und Italien noch viel kosten werden (siehe Grafik). Diese Länder hinken weit hinter den langfristigen Vorgaben her und drängen darauf, dass die viel günstigeren Emissionsrechte aus Entwicklungsländern im europäischen Handel angerechnet werden können. Das würde das Angebot vergrössern und die europäischen CO2-Preise senken (siehe Kasten).
Ausdehnung auf Konsumenten
Für die zweite Handelsphase, die jetzt vorbereitet wird, erwägt die EU mehrere Reformen. So bestehen Pläne, den Automobil- und Flugverkehr ins System einzubinden. Auf diese Art sollte die Wirtschaft, die bisher die Bürde alleine trägt, entlastet werden, zu Lasten der Konsumenten. Für ein Auto müssten dann beispielsweise umso mehr Zertifikate erworben werden, je gefrässiger das Modell ist. Wie der Flugverkehr einzubeziehen wäre, wird noch ausgemacht.
Die EU erwägt auch, die Primärzuteilungen zu versteigern, statt wie bisher gratis abzugeben (bisher müssen Unternehmen nur Rechte kaufen, wenn sie ihre Emissionsziele überschreiten). Solche Auktionen würden zwar manche Staatskasse füllen. Der Systemwechsel würde aber auf eine indirekte CO2-Steuer hinauslaufen, was das EU-Parlament ausdrücklich ablehnte, als es dem Handelssystem grünes Licht gab. Noch ist wenig darüber bekannt, in welche Richtung die EU zielt. Die Wirtschaft pocht auf rasche Entscheidungen, damit sie weiss, welche Rahmenbedingungen für die Investitionen gelten, die man vor ihr erwartet.
Die grösste Unsicherheit liegt indes im Kyoto-Protokoll selbst, das 2012 ausläuft. Ohne Nachfolgeprogramm mit verbindlichen Reduktionszielen, die auch für die USA gelten, droht sich der CO2-Handel, so gut er begonnen hat, in Luft aufzulösen.
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